Tanzen wie am Zarenhof

Klassische Bälle sind in Russland wieder im Kommen. Doch wie fühlt es sich an, wie vor 300 oder 400 Jahren zu tanzen? Die MDZ hat sich aufs Parkett getraut und eine Übungsstunde mitgemacht.

Klassische Bälle sind in Russland wieder im Kommen. Doch wie fühlt es sich an, wie vor 300 oder 400 Jahren zu tanzen? Die MDZ hat sich aufs Parkett getraut und eine Übungsstunde mitgemacht.
Haltungstraining: Der Autor (im weißen Hemd) hat sich einen Tag im Balltanz probiert. © Kristina Geldt

Ich stehe in angespannter Pose und versuche mein Gleichgewicht zu halten. Fest klammere ich mich an einen Handlauf. Schon diese Grundstellung bereitet mir Schwierigkeiten. Dabei wird noch gar nicht getanzt. Auch stehen weder Walzer, Tango noch Foxtrott auf dem Programm. Das ist Glück für mich, denn im Normalfall gehöre ich zur Spezies der Mitwipper und Kopfnicker. Die Tanzgruppe „Entrée“, bei der ich zu Gast bin, aber ist auf historische Tänze des 17. und 18. Jahrhunderts spezialisiert. 

Das hört sich erst einmal nach langsamen, verstaubten Tänzen an. Wenn man es aber selbst ausprobiert, stellt man schnell fest, dass es gar nicht so einfach ist. Denn hier sind Konzentration und Beweglichkeit gefragt. Wirklich spannend wird es, als ich den erfahrenen Tänzern das Parkett überlasse. In gegenüberliegenden Reihen stellen sie sich auf, schreiten aufeinander zu und voneinander fort. Auf einmal gleitet eine Frau in den Vordergrund und vollführt kecke Drehungen, bevor sie zurück in die Masse der Tänzer weicht. Der „Folie d’Espagne“ ist ein feurig-schneller Tanz, der ursprünglich in Portugal und Spanien beheimatet war, bevor er die Höfe Europas eroberte.

Es braucht vor allem Enthusiasmus

Weniger kompliziert ist der sogenannte „Kontratanz“. Auch bei ihm stehen sich die Tänzer in zwei Reihen gegenüber. Hier steht nicht die Zweisamkeit, sondern die Gemeinschaft der Tanzenden im Vordergrund. Die Partner rotieren, alles ist weit weniger statisch als beim klassischen Standardtanz. Erleben kann man diese Dynamik auch auf dem Großen Katharinenball im Schloss Zarizyno. Denn dieser wird mit „La Bioni“ eröffnet, einem „Kontratanz“ aus dem Jahr 1762, dem Jahr, in dem Katharina die Große den Zarenthron bestieg. Mittlerweile hat der Eröffnungstanz Tradition. Sergej Sosnizkij, Leiter des Ensembles „Entrée“, studierte ihn bereits vor fünf Jahren mit Ballbegeisterten im Deutsch-Russischen Haus ein. 

Was muss man eigentlich zum Tanzen mitbringen, will ich von Sosnizkij wissen. „Am wichtigsten ist der Enthusiasmus. Fehlt die Emotion, fehlt auch der Funke, der das Tanzen erst wirklich spannend macht. Außerdem unerlässlich: Durchhaltevermögen“, entgegnet Sosnizkij. Auf die Frage nach seinem Lieblingstanz bekomme ich sofort eine Kostprobe dieser emotionalen Verbindung zum Tanz. „Das ist wie zwischen seinen Kindern zu wählen. Einen Lieblingssohn oder eine Lieblingstochter. Das ist unmöglich zu sagen.“

Rekonstruktion russischer Tanzkultur

Die Rekonstruktion der alten Tänze und die Umsetzung der Bälle sind äußerst zeitintensiv. Denn neben den Tänzen wird auch auf Kleidung, Umgangsformen, Gerichte und die entsprechende Abfolge geachtet. Doch das Interesse an historischen Tänzen und Ballveranstaltungen wächst. „Es kommt jetzt alles wieder. Wir rekonstruieren die russische Tanzkultur, wie sie vor der Sowjetzeit war. Aber nicht nur für Experten. Die Bälle stehen jedem offen“, erklärt Sosnizkij. Ein Bild davon kann man sich auf dem Festival der Balltraditionen am 14. September im Schlosspark Zarizyno machen. Dort nimmt auch das Ensemble „Entrée“ teil.

Ich beobachte währendessen die ganze Tanzstunde über, wie sich die Tänzer mit Grazie, Perfektion und Schnelligkeit bewegen. Das ist wirklich beeindruckend. Es macht Spaß zuzusehen, wie die Frauen und Männer durch den Saal schreiten, sich im Takt drehen, mit jedem Handwinken neue Nuancen setzen. Zum Ende der Trainings, ich will gerade den Saal verlassen, ruft mir die Gruppe munter zu: „Wie hat es dir gefallen?“, „Und – kommst du zu unserem Auftritt?“ Ich komme zu dem Schluss: Ja, ich will dabei sein.

Nikolaus Michelson

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