Die schräge Welt der russischen TV-Shows

Russlands bester Lehrer soll zukünftig in einer Fernsehshow gekürt werden. Wie genau das aussehen soll, weiß noch niemand. Klar ist aber, dass die bunte Welt russischer TV-Shows um eine Sendung reicher wird.

Michael Galbas und Silja lernen sich auf dem Sofa besser kennen. Gefunkt hat es zwischen beiden nicht. (Foto: Screenshot/ YouTube)

Es kommt nicht alle Tage vor, dass sich Russlands omnipräsentes Staatsoberhaupt in das Unterhaltungsprogramm des Fernsehens einmischt. Doch die Idee, den Wettbewerb „Lehrer des Jahres“ zukünftig als Spielshow zu veranstalten, hatte es Wladimir Putin angetan. Man könne daraus eine schöne Sache machen, damit die Menschen im Lande mit Vergnügen ihre Zeit im Internet oder vor dem Fernsehbildschirm verbringen. Schließlich würden ja auch Millionen „dieses Fort Boyard“ (eine international erfolgreiche Abenteuer-Spielshow, deren erste russische Staffel vom Ex-Boxer Nikolaj Walujew moderiert wurde, Anm. d. Redaktion) schauen, zeigte sich Putin entzückt.

Ein Konzept für die neue Sendung gibt es noch nicht. Man darf gespannt sein, was sich die Planer ausdenken, damit Putins Wunsch vom Millionenpublikum in Erfüllung geht. Die Sendung könnte sich aber in die Riege durchaus schräger Formate im russischen Fernsehen einreihen. Davon gibt es bereits einige, wie eine kleine Auswahl zeigt.

Ohne Rücksicht auf den Menschen – „Lass uns heiraten“

Na Jungs (oder Mädels), wer hat Lust auf eine gemeinsame Zukunft? In bisher 2549 Folgen konnten Zuschauer auf dem „Perwyj Kanal“ mitverfolgen, ob die Kandidaten diese Frage mit „ja“ beantworten. „Lass uns heiraten“ (Dawaj poschenimsja) bezeichnet sich selbst als „Hochzeits-Talkshow“. An sich ist an der Grundidee – einsame Menschen zusammenzuführen – nichts auszusetzen. Gerade in Zeiten vor Tinder sicher nicht die schlechteste Wahl. So manch einer wird sich noch an das deutsche „Herzblatt“ erinnern, das ähnlich funktionierte.

„Lass uns heiraten“ schaffte aber einen fulminanten Absturz in kurzer Zeit, zumindest was das Niveau angeht. 2008 schmiss eine Moderatorin nach nur drei Monaten hin, weil die Produzenten entschieden, aus der Kuppel- eine Skandalshow zu machen. Dass später auch noch eine Astrologin als Co-Moderatorin auftrat, war keine Hilfe für die Glaubwürdigkeit. In der Sendung herrsche eine Basaratmosphäre, bei der mit Menschen gehandelt werde, lautet eine Kritik. Eine Kunsthistorikerin sprach gar von einer Freak-Show.

Welchen Ausländer nehm ich heute?

Wie sich das alles anfühlt, hat Michael Galbas hautnah miterlebt. 2014 lernte er auf einer Party eine Redakteurin der Sendung kennen und sagte spontan zu, bei einem Ausländerspecial mitzumachen. Vor der Sendung, erzählt Galbas der MDZ, musste er vor der Redakteurin einen Seelenstrip hinlegen. Seine Geschichte taugte, um in der Show als „Abenteurer“ aufzutreten und Hauptdarstellerin Silja mit einer Feuerwehr-Einlage zu beeindrucken. Allerdings habe er vor Aufregung gar nicht so richtig verstanden, was eigentlich genau im Studio ablief, verrät er.

Eines war Galbas indes die ganze Zeit klar: Er war Gast im russischen Trash-TV, wie er selbst sagt. Und Hauptdarstellerin Silja tut ihm heute noch ein wenig Leid, wurde sie doch von den Moderatorinnen regelrecht fertiggemacht. Beim deutschen „Herzblatt“ sei wenigstens die Würde der Kandidaten gewahrt worden, fügt Galbas noch hinzu. Und „gewonnen“ hat der gebürtige Hamburger auch nicht. Silja entschied sich für den italienischen Kandidaten, der ein näheres Kennenlernen aber ablehnte.

Wer ist das nochmal? Die Instagramerinnen stellen sich regelmäßig einem Wissenstest. (Screenshot/ YouTube)

Beauty auf dem Lande – die „Instagramerinnen“

Sich vor toller Kulisse räkeln und mit einem Getränk in der Hand oder sündhaft teuren Gegenständen fotografieren – die Arbeitsweise von Instagramerinnen ist ziemlich einfach definiert. Seit 2017 können Russen dabei zusehen, was passiert, wenn die jungen Frauen ins kalte Wasser der realen Welt geworfen werden. Die Reality-Show „Instagramerinnen“ (instragramschtschizy) schickt die Schönheiten für mehrere Tage aufs platte Land, wo sie sich der Lebensweise der lokalen Bevölkerung stellen müssen. Treckerfahren, ausmisten, ohne Luxus zurechtkommen. In den Folgen müssen die Frauen all das erleben, wofür ihre hunderttausende Follower bei Instagram wohl kaum ein Like geben würden.

Beliebt sind auch die Sondersendungen, in denen die Kandidatinnen sich einem Wissenstest stellen müssen, abgefragt von echten Lehrerinnen. Die Ästhetik dieser Folgen erinnert durchaus an schlechte Pornos. Und man ahnt, dass auch inhaltlich nicht allzu viel zu erwarten ist. Als Zuschauer schwank die Gefühlswelt zwischen Fremdschämen und „ich hab‘s doch gewusst“. Und doch schaffen es die Instragramerin sich auch hier erfolgreich zu verkaufen. Oder zumindest die Show. Denn nach einem polnischen Sender wurde 2020 auch Amazon auf das Format aufmerksam und kaufte die Sendung auf.

Lautes Gebrüll bei „Lasst sie reden“

Ohne Talk-Show zur Primetime geht es heute eigentlich bei keinem Sender mehr. Beim „Perwyj kanal“ wollte man hoch hinaus und einen Talk schaffen, der an die US-amerikanische Ikone Oprah Winfrey anknüpft. Privatangelegenheiten, Drogenprobleme oder auch Terror – „Lasst sie reden“ (Pust goworjat) bietet Knisterthemen zur besten Sendezeit. Doch statt einer neuen Talk-Queen bekamen die Russen einen „Generator von Banalitäten“, kritisiert ein Journalist. Jeder Dreck und alle Gemeinheiten, die man sich beim Menschen nur vorstellen kann, werden in der Sendung hervorgeholt. Und das in einem rauen Ton. Dieses Gebrüll halte doch kein Mensch mehr aus, sagt eine ehemalige Zuschauerin, die beim Gedanken an die Talk-Show nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Vielleicht zieht „Lasst sie reden“ immer wieder Menschen an, die auf schnellen Ruhm aus sind und sich von einem möglichst skandalösen (und lauten) Auftritt ein wenig Bekanntheit erhoffen.

In „Gesund leben“ geht es schon mal an die Wäsche (Screenshot/ YouTube)

Unterwäsche und singende Eier bei „Gesund leben!“

Zwei Personen, die als Pelmeni verkleidet zu einem Schmachtsong im überdimensionalen Kochtopf tanzen. Dieses Schauspiel bot sich zwei MDZ-Autoren Anfang Oktober im Studio von „Gesund leben!“ (Schit sdorowo). Die Deutschen waren eingeladen, um als „Putin Team“ Russen davon zu überzeugen, sich endlich mal impfen zu lassen. Nachhaltigen Eindruck hinterließen aber die abhottenden Teigtaschen. Die reihen sich nahtlos in die Riege skurriler Einlagen in der Gesundheitsshow von Gastgeberin (und Ärztin) Jelena Malyschewa ein. Legendär sind bis heute die Männer, die als trällernde Testikel verkleidet „Wenn du Eier hast, bist du ein Mann“ schmetterten.

Seit über zehn Jahren gibt die Expertin mit der Betonfrisur im Frühstücksfernsehen Tipps rund um die Gesundheit. So weit, so normal. Doch Malyschewa und ihre drei männlichen Sidekicks lockern ihre Informationen immer wieder mit recht originellen Einlagen auf. Bunte Kostüme, schräge Lieder oder auch schon mal eine Präsentation verschiedener Schlüpfer-Typen und deren Nutzen (oder Schaden) für den Träger. Bei „Gesund leben!“ ist man sich für fast nichts zu schade. Viele Russen lachen oder schütteln mit dem Kopf, wenn man die Sendung erwähnt. Das zeigt: Fast jeder im Land kennt Malyschewa und ihre Crew. Auch, weil die Sendung ein konstanter Meme-Lieferant für das Internet ist. Und Russen sind verrückt nach Memes

Daniel Säwert

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