Sergej Schojgus Plan für Sibirien: neue Monostädte?

Drei bis fünf neue Städte sollen in Sibirien entstehen, spezialisiert auf bestimmte Wirtschaftszweige. Das zumindest schwebt Verteidigungsminister Sergej Schoigu vor. Der Plan erinnert an Sowjetzeiten, mancher Experte sieht darin die Anknüpfung an alte Größe.

Eine der wenigen neuen Städte: Innopolis
Die IT-Stadt Innopolis bei Kasan ist eine der wenigen Neugründungen im modernen Russland. (Foto: Wikimedia Commons)

Es war eine kühne Idee, die Verteidigungsminister Sergej Schojgu Anfang August in Nowosibirsk ansprach. Russland solle in näherer Zukunft in Sibirien drei oder besser gleich fünf neue Städte bauen. Mit Einwohnerzahlen von 300 000 bis 500 000 oder gleich einer Million sollen sie als Zentren für bestimmte Wirtschaftszweige dienen und dafür ausgerichtete Produktionsanlagen, Forschungseinrichtungen und Ausbildungsstätten beheimaten.

Die Idee ist nicht neu, der Minister, der selbst aus der südsibirischen Republik Tuwa stammt, trägt sie seit Jahren immer wieder vor. Auch die Idee, die Hauptstadt nach Sibirien zu verlegen, geistert in regel­mäßigen Abständen durch die Medien. Die Intention dahinter ist strukturpolitisch nachvollziehbar. Die ständige Abwanderung von Menschen aus Sibirien in Richtung Zentralrussland, insbesondere nach Moskau, soll damit gebremst werden. Im rohstoffreichen asiatischen Teil Russlands sollen die Menschen eine wirtschaftliche Perspektive erhalten.

Zentrum für Elektromobilität in Südsibirien?

Ein Beispiel für ein solches neues Wirtschaftszentrum hat der Minister im vergangenen Jahr bereits skizziert. Im Minussinsker Becken im Süden Sibiriens könne ein Standort für die Produktion von Elektromotoren und Batterien entstehen, anstatt die in der Region dazu vorhandenen Rohstoffe wie bisher nach China zu exportieren. Es sei sein Traum, „eine große, schöne und sehr komfortable Stadt in Sibirien“ zu bauen, sagte er damals der Nachrichtenagentur „RIA Nowosti“.

Die Reaktionen auf den neuerlichen Vorstoß fielen weitgehend positiv, teilweise geradezu enthusiastisch aus. Alexander Rudakow vom Experteninstitut für Sozialforschung EISI nannte die Idee gegenüber dem Magazin „Regnum“ ein „neues Konzept eines nationalen Traums“, der „das Land auf ein qualitativ neues Niveau heben“ werde. Es sei der Wunsch der Bevölkerung, nicht nur einzelne Zentren, sondern das ganze Land zu entwickeln.

Kritik aus Nowosibirsk

Auch Jewgenij Rewenko, stellvertretender Sekretär des Generalrats der Partei „Einiges Russland“, begrüßt die Idee. Gegenüber der Zeitung „Iswestija“ sagte er, das Projekt werde nach Schätzungen bis zu 420 000 Menschen nach Sibirien locken und rund 300 000 Arbeitsplätze schaffen. Die Produktionsstätten könnten schon in zehn Jahren ihre volle Kapazität erreichen.

Kritik kam dagegen von Rostislaw Antonow, Mitglied des Abgeordnetenrats von Nowosibirsk. Bevor man neue Städte in Sibirien gründe, solle man besser die desolate Infrastruktur der bestehenden Städte modernisieren, zitiert ihn das Magazin „Sib.fm“. Der Wirtschaftswissenschaftler Nikita Kritschjewskij sieht dagegen den Vorteil komplett neuer Städte gerade darin, dass Planung und Bau deutlich einfacher seien als in bestehenden Siedlungen, wie er gegenüber „Regnum“ sagte.

Die Idee ist nicht neu

Ob nun realistisch oder nicht, die Pläne Schojgus haben deut­liche Parallelen zur sowjetischen Geschichte. Stadtgründungen einzig für bestimmte Industriezweige gab es seit den 1930er Jahren. Monostädte nennt man das Erbe dieser Politik in Russland, über 300 gibt es davon. Häufiges Problem dieser Orte: Geht es mit dem dominanten Industriebetrieb bergab, zieht dies die ganze Stadt in den Abgrund. Vor zwei Jahren hat die Regierung ein milliardenschweres Programm gestartet, um den gestrauchelten Städten bei der Diversifizierung der Wirtschaft zu helfen.

Dabei geht es nicht allen Monostädten wirtschaftlich schlecht, wie die Stahlstadt Magnitogorsk oder die Nischnekamsk, ein Zentrum der Petrochemie, zeigen. Auch Nabereschnyje Tschelny, das in den 1970ern um das Werk für KAMAZ-Lkw entstand, ist eine blühende Stadt. Die Automobilmetropole Toljatti dagegen kämpft seit Jahren mit Problemen.
Im postsowjetischen Russland dagegen kam es bislang kaum zu neuen Stadtgründungen. Bekanntestes Beispiel ist das IT-Zentrum Innopolis bei Kasan, welches seit 2015 Stadtrechte besitzt. Mit 866 Einwohnern ist es noch weit von den Dimensionen entfernt, die Sergej Schojgu sich vorstellt.

Jiří Hönes

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