Schwarzmeerdeutsche im Ural

Nach den Wahlen, die am einheitlichen Wahltag Mitte September in Russland stattfanden, stehen nun die Namen von 21 Gouverneuren fest. Unter ihnen sind zwei mit deutschen Nachnamen: Irina Gecht und Denis Pasler. Die MDZ hat Fakten über ihre Vorfahren zusammengetragen.

Die Gouverneurin des Autonomen Kreises der Nenzen Irina Gecht (Foto: Offizielle Seite des Autonomen Kreises der Nenzen)

Irina Gecht wurde Gouverneurin des Autonomen Kreises der Nenzen in Nordwestrussland. Sie wurde am 30. November 1969 in einer kleinen Stadt im Ural geboren. Es ist bekannt, dass die Eltern ihres Vaters, dem Ingenieur Alfred Gecht, vor dem Krieg in Saratow lebten, wo sie als Hochschullehrer tätig waren. Im September 1941 wurde die junge Familie mit dem neugeborenen Alfred nach Kasachstan deportiert. Anfang 1942 wurde Otto Gecht zur Zwangsarbeit mobilisiert und in den Ural geschickt.

Otto Gecht und Jewgenija Giesinger

Im elektronischen Gedenkbuch der Russlanddeutschen gibt es eine Karteikarte zu Otto Gecht, geboren 1909. Er war in der Arbeitsarmee im Tscheljabinsker Gulag-Lager. Diesem Dokument zufolge wurde er in die Bauernfamilie Hecht (russische Schreibweise – Gecht) in der mennonitischen Kolonie Alt-Montal im Saporischschja (heute Samoschnaja, Ukraine) geboren. Er erwarb eine Hochschulausbildung (wahrscheinlich zog Gecht deshalb in die Wolga-Region, wo sich die beiden einzigen deutschen Hochschulen der UdSSR befanden). Irina Gecht erzählte 2011 dem Portal Ura.ru, dass er erst am Institut begann, Russisch zu sprechen.

Otto Gecht war bis zum 20. September 1946 in der Arbeitsarmee. Dann kam die Familie in einer Sonderansiedlung im Ural, bei Slatoust, wieder zusammen, wo Otto Gecht und seine Frau Jewgenija Giesinger als Lehrer arbeiteten. Auf einer Lehrerkonferenz hat sie der Direktor der berühmten Tscheljabinsker Schule Nr. 96 mit vertiefendem Deutschunterricht bemerkt. Er tat alles, um Otto Gecht und seine Frau in die Regionalhauptstadt zu holen. So kamen sie nach Tscheljabinsk und unterrichteten bis ins hohe Alter an der Schule Nr. 96. Später zogen sie nach Deutschland um.

Jewgenija Giesinger und Otto Gecht (Foto: Das Museum für die Geschichte der Russlanddeutschen am Gymnasium Nr. 96 in Tscheljabinsk)

Das Museum für die Geschichte der Russlanddeutschen am Gymnasium Nr. 96 in Tscheljabinsk beherbergt Fotografien der Hecht-Giesinger-Lehrer. Otto Christianowitsch Hecht soll 35 Jahre lang Deutsch und Literatur unterrichtet haben. Er übte seine Arbeit mit Leidenschaft aus und begeisterte seine Schüler für die deutsche Sprache. Er führte umfangreiche methodische Arbeit in der Region durch und 1966 leitete die pädagogischen Schulen für Lehrer der deutschen Sprache und Literatur in der Sonderzone Ural-Sibirien. Seine fruchtbare Arbeit wurde mehrmals mit Zertifikaten der städtischen und regionalen Bildungsämter gewürdigt.

Irina Gecht studierte an der Staatlichen Universität Tscheljabinsk Geschichte und schrieb ihre Doktorarbeit. Nach dem Mutterschaftsurlaub wechselte sie zur staatlichen und kommunalen Verwaltung.

Denis Pasler

Denis Pasler gewann Mitte September die Gouverneurswahlen im Gebiet Swerdlowsk. Zuvor war er mehr als vier Jahre lang Gouverneur des Gebiets Orenburg.  Er wurde am 29. Oktober 1978 in Sewerouralsk in der Region Swerdlowsk geboren, wie er selbst in einem Interview mit „RIA Novosti“ sagte, „in einer ganz normalen Familie“: „Mein Vater arbeitete als Fahrer und Ladearbeiter, meine Mutter arbeitete im städtischen Sportkomitee.“

(Foto: Kremlin.ru/Wikipedia)

Der lokale Historiker Oleg Nowossjolow vermutet, so das Portal FederalPress, dass der Angehörige der Arbeitsarmee Emil Pasler vom Gulag-Lager in Nishnij Tagil „mit großer Wahrscheinlichkeit der Großvater von Denis Pasler“ ist.

Im E-Gedenkbuch der Russlanddeutschen gibt es ein Foto von Emil Pasler und seine Karteikarte. Aus dem Dokument geht hervor, dass er 1910 in eine Bauernfamilie in einem Dorf bei Simferopol auf der Krim geboren wurde. Er arbeitete als Fahrer und hatte eine Grundschulbildung.

Wie der Schwarzmeerdeutsche von der Krim in den Tagillag kam, ist unklar – in der Karteikarte steht, dass er vor der Zwangsmobilisierung bereits in der Region Swerdlowsk lebte. Er hielt genau ein Jahr im Lager durch und wurde aus gesundheitlichen Gründen entlassen.

Olga Silantjewa

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