Schwarz, stolz, abchasisch

Sie waren in der Sowjetunion berühmt, gerieten in Vergessenheit und schrieben einen Brief an US-Präsident Barack Obama: Seit dem 19. Jahrhundert leben im südlichen Kaukasus dunkelhäutige Abchasen.

Eine Berühmtheit aus der Sowjetunion: Nuza Abasch (zweite von links) und ihre Familie (Foto: Archiv Abasch)

Die Leser rieben sich die Augen und schüttelten verwundert die Köpfe: Die Geschichte aus der „Komsomolskaja Prawda“ vom 19. Februar 1949 kam selbst den Bewohnern der an exotischen Völkerschaften reichen Sowjetunion ziemlich ungewöhnlich vor. Von den Zeitungsseiten blickte eine junge Frau in ihren frühen Zwanzigern. Makellose Zähne, leicht gewellte Haare, selbstbewusster Blick – und schwarze Hautfarbe!

Seit Generationen in Abchasien zuhause

Nuza Abasch, so erfuhren die Leser, studiere in der abcha­sischen Hafenstadt Sochumi Medizin. Die junge Schönheit stehe für die Gleichberechtigung aller Rassen im Sowjetstaat, trompeteten die Propagandisten. So weit, so erwartbar. Überraschend war allerdings die Herkunft der jungen Frau: Denn Nuza Abasch war keine verfolgte Austauschstudentin aus dem als rassistisch verschrienen Westen und kam auch nicht aus Afrika. Abasch war Schwarze aus Abchasien, geboren in der kleinen Gebirgsregion im Südwesten des Kaukasus.

Das Dörfchen Adsjubscha in der von Georgien abtrünnigen Region Abchasien. (Foto: wikipedia.org)

Schwarze, die seit mehreren Generationen im Kaukasus lebten, Abchasisch sprachen und den afrikanischen Kontinent nur aus Erzählungen kannten? Die Sowjetbürger staunten. Dabei war das Phänomen gar nicht so neu. Bereits am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren erste Berichte über die ungewöhnlichen Gebirgsbewohner erschienen. So beschrieb die Zeitung „Kaukasus“ schon im Jahr 1913 spielende schwarze Kinder und in gleißender Sonne schuftende Männer dunkler Hautfarbe im abchasischen Adsjubscha. Das Küstendörfchen an der Mündung des Kodor-Flusses ins Schwarze Meer gilt seit dem 19. Jahrhundert als Heimat der abchasischen Schwarzen. Zwischen zwei Dutzend und etwa zweihundert von ihnen sollen zeitweise in Adsjubscha und den umgebenden Siedlungen gelebt haben.

Äthiopier am Zarenhof

Doch wie kamen sie in das abgelegene Küstendorf am Rande des russischen Imperiums? Der Streit über diese Frage schwillt seit mehr als hundert Jahren und hat schon so einige Legenden hervorgebracht. So sollen die Afro-Abchasen einer abchasischen Überlieferung zufolge von den Bewohnern des sagenumwobenen Kolchis abstammen, jener legendären Landschaft, die sich in der Antike am Ostufer des Schwarzen Meeres erstreckte. Aus dem Reich der Sagen stammt auch die Geschichte vom Schiffbruch eines osmanischen Frachters, der afrikanischen Sklaven über das Schwarze Meer transportierte. Schwimmend sollen sie die Überlebenden der Katastrophe an die abchasische Küste gerettet und dort ein neues Leben begonnen haben.

Mit diesem Bild aus der „Komsomolskaja Prawda“ wurde Nuza Abasch in der Sowjetunion bekannt. (Foto: Archiv Abasch)

Der sowjetische Schriftsteller Maxim Gorki glaubte dagegen, die schwarzen Abchasen stammten von Äthiopiern ab, welche Peter der Große einst zu seiner Unterhaltung an den Zarenhof holte. Andere verweisen auf die Pläne des sowjetischen Flottenadmirals Iwan Issakow, der Generalsekretär Nikita Chruschtschow 1959 die Gründung einer kommunistischen Kolonie für schwarze Amerikaner in Abchasien vorschlug.

Am Anfang stand ein Fürst

Beweisen lässt sich keine der Theo­rien, Dokumente über Ankunft und Herkunft der Kaukasusbewohner sind nicht überliefert. Als am wahrscheinlichsten gilt mittlerweile die Version des abchasischen Journalisten Witalij Scharija, der sich viele Jahre mit der Geschichte der abchasischen Schwarzen beschäftigte und mündliche Überlieferungen aus deren Familien auswertete.

Demzufolge soll der abchasische Fürst Abaschidse im Jahr 1840 etwa 20 Männer und Jungen aus Äthio­pien auf einem osmanischen Sklavenmarkt gekauft und nach Abchasien gebracht haben – darunter auch Amber Abasch, der Großvater der Schönheit aus der „Komsomolskaja Prawda“. Auf den Tabakplantagen des Fürsten erwartete die Unglückseligen zunächst ein schweres Schicksal, von morgens bis abends mussten sie unter schwersten Bedingungen schuften. Doch nach ein paar Jahren wendete sich das Blatt und die Sklaven wurden in die Freiheit entlassen. Sie kürzten den Nachnahmen ihres früheren Besitzers zu Abasch ab, heirateten abchasische Frauen und gründeten eigene Wirtschaften. Schon bald trugen sie pelzige Papachas, pflegten den Weinanbau und sprachen auch untereinander ausschließlich Abchasisch.

Dieses Foto eines kaukasischen Schwarzen wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem amerikanischen Journalisten George Kennan aufgenommen. (Foto: vk.com)

Ein schwarzer Kosake lässt die Deutschen zum Zittern

Nachfahren dieser ersten Generation brachten es später sogar zu einiger Popularität. So kämpfte Schaban Abasch – der Onkel der Medizinstudentin aus der „Komsomolskaja Prawda“ – mit einer Kosakeneinheit im Ersten Weltkrieg gegen die Deutschen. Ein Foto des schwarzen Kriegers in typischer Tscherkessen-Uniform sorgte damals für großes Aufsehen. Später wurde Schaban Abasch zum glühenden Kommunisten und stieg 1931 in das abchasische Zentralkomitee, die Führung der Republik, auf.

Sein jüngerer Bruder Schirin wurde hingegen zu einem berühmten Kolchos-Vorarbeiter in seinem Heimatdorf Adsjubscha, den die Republikführung gern vorzeigte, wenn sich schwarze Prominente aus dem Westen ankündigten. So traf Schirin beispielsweise den US-Bürgerrechtler und Sänger Paul Robeson, der am Schwarzen Meer Urlaub machte und sehen wollte, wie Schwarze in der Sowjetunion leben. Über die örtlichen Parteibosse, die sich fieberhaft auf solche Besuche vorbereiteten und die Gäste bereits auf dem Flugfeld mit der Legende von den abchasischen Schwarzen bestürmten, lästerte der abchasische Schriftsteller und Satiriker Fazil Iskander in seinem Schelmenroman „Sandro von Tschegem“.

Schaban Abasch kämpfte als Kosake und stieg zu Sowjetzeiten in die abchasische Führung auf. (Foto: livejournal.com)

Ein romantischer Brief aus Orjol

Auch Nuza Abasch wurde in der Sowjetunion sehr bekannt. Nach der Veröffentlichung ihres Fotos gingen dutzende Briefe in der Redaktion der „Komsomolskaja Prawda“ ein. Darunter auch ein romantischer. „Hallo, fremde Nuza“, schrieb der damals 27-jährige Semjon Bobyljow aus dem zentralrussischen Orjol. „Ihr Porträt erinnert mich an Shakespeares Dunkle Dame.“ Dann hielt der unbekannte Casanova die Schöne aus der Zeitung um ihre Hand an. Vier Jahre später heirateten die beiden.

Nuza Abasch arbeitete nach dem Studium als Ärztin in der Geburtsklinik von Sochumi und empfing im Verlauf ihres Lebens immer wieder sowje­tische Journalisten. Auch afrika­nische Zeitungen erfuhren von der ungewöhnlichen Geschichte und berichteten in den 1970er Jahren ausführlich. Daraufhin pilgerten äthiopische Austauschstudenten, die sich über ein Austauschprogramm in der Sowjetunion aufhielten, nach Sochumi.

Schirin Abasch war Vorarbeiter auf einer abchasischen Kolchose und sollte schwarze Prominente aus dem Westen von den Vorzügen der Sowjetunion überzeugen. (Foto: Archiv Abasch)

Alles nur eine Erfindung der Propaganda?

Nach dem Ende des Kommunismus verlor die Presse das Interesse an den Vorzeigegeschichten über Gleichberechtigung und Völkerfreundschaft. Die abchasischen Schwarzen gerieten zunehmend in Vergessenheit. Ein georgisches Internetportal behauptete sogar, sie seien lediglich eine Erfindung der sowjetischen Propaganda gewesen.

Doch mit der Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten kehrten die Kaukasusbewohner 2008 zumindest noch einmal kurz in das Licht der Öffentlichkeit zurück. Damals schrieb die Tochter der inzwischen verstorbenen Nuza Abasch einen Brief an den ersten Schwarzen im Weißen Haus. In diesem gratulierte sie ihm im Namen aller abchasischen Schwarzen und forderten Obama mit Nachdruck und viel Pathos zu einer Anerkennung der abchasischen Unabhängigkeit auf. Ob Obama antwortete, ist nicht überliefert.

Birger Schütz

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