Russlands Sonderweg: Wir sind anders

Russland und Deutschland haben etwas gemein. In beiden Ländern entwickelten sich demokratische Strukturen anders als im Rest Europas. Zumindest besagt das die „Theorie des Sonderwegs“. Ein neues Sachbuch geht diesem Mythos auf die Spur.

Steht Russland am Scheideweg? Die Debatte um Russlands „Sonderweg“ ist wieder aktuell. /Foto: Katharina Lindt.

Welchen historischen Weg geht Russland – den europäischen oder seinen „eigenen“? Diese Frage wird im Land, das die europäische und asiatische Kultur vereinigt, schon sehr lange diskutiert. Einen neuen Beitrag zu dieser Debatte leistet das Werk „Sonderweg: Von der Ideologie zur Methode“, erschienen im Verlag „Nowoje literaturnoe obosrenie“ (Neue literarische Rundschau). Es handelt sich um eine Aufsatzsammlung in zwei Teilen: Der erste Teil ist dem russischen Kontext des „Sonderwegs“ gewidmet, der zweite Teil konzentriert sich auf das heutige Verständnis des Begriffs in dem Land, in dem sein Ursprung liegt, in Deutschland.

Ohne Zweifel ist das Sachbuch für den russischen Leser von aktuellem Interesse. Denn zwischen Russland und dem Westen herrscht wieder Eiszeit. Es ist daher nicht verwunderlich, dass es für die russische Bevölkerung immer schwieriger geworden ist, sich mit Europa zu identifizieren. Unter solchen Bedingungen gewinnt die Idee des russischen Sonderwegs, die schon im 19. Jahrhundert kursierte, wieder an Aktualität.

In sechs Aufsätzen erzählen russische und westliche Forscher, wie sich der Mythos der „Besonderheit“ in der russischen Gesellschaft entfaltet hat. Seine Ursprünge liegen demnach in der orthodoxen Idee des Wegs zur Erlösung. Um in den Himmel zu gelangen und ewige Glückseligkeit zu erlangen, musste ein russischer Gläubiger einem bestimmten Weg folgen: ein frommes Leben führen und gute Taten vollbringen. Diese Idee wurde Mitte des 19. Jahrhunderts im Streit zwischen Slawophilen und Westlern aufgenommen. Und im 20. Jahrhundert lag die russische „Besonderheit“ in der Suche nach dem idealen Sozialismus. Heute hat sich die Theorie in einen „Grundmechanismus der Selbst­identifikation“ des russischen Menschen verwandelt, schreibt Boris Dubin, einer der Autoren.

Destruktives Geschichtsbild

Und wie steht es mit Deutschland? Die These vom deutschen „Sonderweg“ tauchte als Reaktion auf die Napoleonischen Kriege auf. Die Kleinstaaten waren weg, doch den Deutschen blieb das, was man nicht wegnehmen kann – Kultur und die Tradition der Universitäten. Später kamen zu den „unverwechselbaren Kennzeichen“ als besondere die Tugenden des Kaiserreichs hinzu: Monarchie, Bürokratie und Militarismus. Das stand im Gegensatz zu den demokratischen Werten anderer europäischer Staaten. Gerade diese Ablehnung des westlichen Modells der politischen Entwicklung zusammen mit dem Wunsch, die verlorene Würde nach dem Ersten Weltkrieg wiederherzustellen, hat die Grundlage für das Aufkommen der nationalsozialistischen Ideologie in Deutschland geschaffen, schlussfolgern die Autoren.

Dementsprechend bekam das Konzept des „Sonderwegs“ einen Beigeschmack. Statt „Sonderweg“ wird heute in wissenschaftlichen Kreisen der Begriff „Eigenweg“ verwendet, der das Selbstverständnis des Landes betont, ohne die Ideologie der Nationalsozialisten in diesen Kontext zu stellen.

Aber kehren wir zum Mythos des „Sonderwegs“ in Russland zurück. Für die Herausgeber des Buches ist offensichtlich: Wenn man die Idee der „Besonderheit“ in Russland weiter denkt, dann heißt das im Umkehrschluss, den Rahmen des Staates zu begrenzen. Und dieser Rahmen limitiert erheblich die Möglichkeiten eines Landes, weil „kein einziges Staatswesen autonom handeln kann, ohne dabei von außen beeinflusst zu werden“, so ein Autor. Deutschlands Erfahrung zeigt, dass das blinde Befolgen des „Sonderwegs“ in eine Katastrophe münden kann. All das spricht dafür, dass dieses Geschichtsbild der Abgrenzung eher destruktiv als konstruktiv ist.

Außerdem, wenn wir davon ausgehen, dass es einen „besonderen“ Weg gibt, was kann man dann als Norm betrachten? Eine Antwort auf diese Frage fehlt. Natürlich verfügt jedes Land gewissermaßen über seinen „Eigenweg“, seine Geschichte und seine Erfahrung, die mit keiner zu vergleichen ist. Mit anderen Worten: Egal, welchen Weg Russland schlussendlich wählt, es ist wichtig, dass das Land nicht in der Isolation verharrt, sondern den Dialog mit den anderen Ländern beibehält. Gerade jetzt, wo Russland und Europa nicht die beste Zeit durchleben.

Das Buch

 

 

Sammelband

Osobyj put: ot ideologii k metodu

Nowoje literaturnoe obosrenie

Gebundene Ausgabe, 760 Rubel

 

 

 

 

Maria Jaschkowa

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