Russlands Mittelstand im Abwärtstrend

Die russische Regierung hat es sich zum Ziel gesetzt, den Anteil mittelständischer Unternehmen in ihrem Land deutlich zu erhöhen. Was in den vergangenen Jahren zu gelingen schien, rückt nach der neuesten Erhebung in weite Ferne. Die Zahlen steigen nicht mehr, sie sinken.

Große Versprechen: Wladimir Putin im Jahr 2018 auf der traditionellen Rede zur Lage der Nation. (Foto: kremlin.ru)

Auf seiner jährlichen Parlamentsansprache von 2018 gab der russische Präsident Wladimir Putin ein konkretes Versprechen für die Zukunft. Bis 2025 wolle man den Gesamtanteil mittelständischer Firmen an der russischen Wirtschaft auf „annähernd 40 Prozent“ anheben. Zugleich solle die Anzahl der bei kleineren und mittleren Unternehmen Beschäftigten von 19 Millionen auf 25 Millionen Menschen anwachsen. Ein ambitioniertes Ziel, das wenig Raum für zwischenzeitige Flauten lässt.

Die neuesten Zahlen enttäuschen

Die russische Regierung plante in ihrer Prognose mit einem kontinuierlichen Anstieg der Werte von Jahr zu Jahr. Tatsächlich hatte man in den vorigen Jahren eine stetige, positive Entwicklung verzeichnen können. Während der Anteil mittelständischer Unternehmen für 2014 noch bei 19 Prozent gelegen war, stieg er 2015 auf 19,9 Prozent, 2016 auf 21,6 Prozent und 2017 schließlich auf 21,9 Prozent an.

Die nun vom staatlichen Statistikdienst Rosstat veröffentlichten Zahlen für 2018 trüben jedoch die Aussichten. In diesem Jahr stellten nur mittelständische Unternehmen nur noch 20,2 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts. Das sind 1,8 Prozentpunkte weniger als noch 2017. Hiermit bewegt sich Russland nicht nur weit abseits der eigenen Ziele, sondern auch dessen, was entwickelte Industrienationen im Durchschnitt vorweisen können. So ist der Anteil mittelständischer Unternehmen in Ländern wie dem Vereinten Königreich, Deutschland oder auch Finnland in der Regel zwischen 50-60 Prozent zu verorten.

Altbekannte Probleme kehren zurück

Die Scherereien kleinerer und mittelständischer Unternehmen sind bekannt. Bereits 2015 legten kleinere russische Unternehmen in einer umfangreichen Befragung des niederländischen Wirtschaftsprüfungskonzerns KPMG ihre Schwierigkeiten auf dem heimischen Markt offen. Damals bemängelten die Firmen, dass ihnen der Staat unnötig viele Steine in den Weg lege.

Viele von ihnen sahen sich einem bürokratischen Dickicht gegenüber, das sich nicht undurchsichtig, sondern auch unzuverlässig gestaltet. Häufige Inspektionen und Gesetzesänderungen verlangten zu viel Zeit zur Anpassung ab. Zugleich sei die Möglichkeit preiswerter Kredite nicht gegeben. Ohne die könne man als kleineres Unternehmen unmöglich mit der Großkonkurrenz mithalten. Auch mangelnder Zugang zu neuen Technologien sowie schlecht ausgebildete Berufsanfänger erschwerten das Geschäft.

Keine Chance gegen die Großen

Manches Hemmnis von damals hat sich offenbar bis heute gehalten. So zumindest lassen es Stimmen im Radiosender der russischen Tageszeitung „Kommersant“ vermuten. Alexej Matjuchow vom Pharmaunternehmen BMS macht nach wie vor chaotische Zustände innerhalb der Bürokratie aus: „Es gibt mehr als 100 Förder-, Subventions- und Investitionsprogramme. Das Problem ist jedoch, dass diese Informationen erstens nicht strukturiert sind und zweitens keine einheitliche Datenbank zu ihnen existiert.“

Eine weiterhin bestehende Übermacht großer Konzerne macht hingegen Wadim Goroschankin aus: „Kleine und mittlere Unternehmen können einer Fusion mit staatlichen Monopolen nicht widerstehen“, beklagt der Eigentümer von Krasnoe Slovo, einer mittelständischen PR-Agentur. Die dicksten Stücke des Kuchens fielen stets Großunternehmen zu, die in direkter oder indirekter Verbindung zum Staat stünden.

Erste Maßnahmen für die Zukunft

Nun liegt es an der neuen Regierung um Michail Mischustin, das Projekt zur Förderung mittelständischer Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Bereits verabschiedet ist eine Reform, die es kleinen und mittleren Unternehmen ermöglicht, alte Kredite mit einer Rate von 8,5 Prozent zu refinanzieren oder neue Kredite zu 9,95 Prozent aufzunehmen. Nichtsdestotrotz steht der Regierung eine große Herausforderung bevor: Der Anteil kleinerer und mittelständischer Firmen müsste für das laufende Jahr auf mindestens 23,5 Prozent ansteigen, um wieder auf Kurs zu kommen.

Patrick Volknant

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