Die Moral von der Geschichte

Wird die russische Gesellschaft zunehmend konservativer? Soziologen warteten zuletzt mit Zahlen zum Intimleben auf, die zumindest aufhorchen ließen.

Kinder, Kinder: Die Einstellung der Russen zu Abtreibungen ändert sich. © Tino Künzel

Russland war 1920 das erste Land, das Abtreibungen legalisierte. Doch spätestens mit dem Ende der So­wjetunion und dem Einbruch der Geburtenrate wurde das ganze Ausmaß der sozialen Katastrophe offenkundig, die den Russen drohte. 3,6 Millionen Schwangerschaftsabbrüche zählte der staatliche Statistikdienst 1991, seitdem ist die Zahl mit jedem Jahr gesunken und lag 2016 bei 648.000. In den letzten vier Jahren habe sie sich halbiert, berichtete das Gesundheitsministerium unlängst.

Im Jahr 2007 verzeichnete Russland erstmal mehr Geburten als Abtreibungen. Kamen 1990 auf 1000 Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren noch 113,9 Schwangerschaftsabbrüche, so sind es heute um die 25. Bis 2020 peilt der Staat 18,5 an.

Hat sich auch die Einstellung der Bevölkerung zu diesem Thema gewandelt? Eine aktuelle Umfrage des Lewada-Zentrums legt das durchaus nahe. Demnach gaben 35 Prozent der Befragten an,  Abtreibungen vor dem Hintergrund, sich ein Kind „nicht leisten“ zu können, seien immer oder fast immer zu verurteilen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich diese Zahl verdreifacht.

Ob es sich hier um einen Paradigmenwechsel und eine Hinwendung zu „traditionellen Werten“ handelt, ist schwer zu sagen. Denn der russische Staat hat gerade in jüngster Vergangenheit verstärkte Anstrengungen unternommen, Frauen die Entscheidung für das Kind leichter zu machen. Über das Land verteilt wurden 1500 Beratungsstationen eröffnet. Neue Kindergelder zielen auf die Verbesserung der materiellen Lage nach der Geburt ab. Allein solche Entwicklungen mögen Abtreibungen fragwürdiger erscheinen lassen als früher, weil soziale Notlagen seltener werden.. Gleichzeitig ist es seit 2013 per Gesetz verboten, Werbung für ärztliche Hilfe bei Abbrüchen zu schalten. Entsprechende Kleinanzeigen füllten bis dahin ganze Zeitungsseiten.

Doch auch sonst scheinen Verhaltensnormen zunehmend enger ausgelegt zu werden und Toleranzschwellen zu sinken. Außerehelicher Sex wird inzwischen von 68  Prozent der Russen abgelehnt, so die Lewada-Umfrage, 1998 waren es noch 50 Prozent. Gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen sind sogar für 83 Prozent tabu, das sind 15 Prozent mehr als 1998. Die Freiheiten der 90er Jahre würden von „konservativeren, wenn auch noch nicht radikalen“ Einstellungen abgelöst, lautet das Fazit bei Lewada.

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