Russland, das Land der Zäune

Russlands Städte sind voll von Zäunen, aus Beton, aus Stahl, aus Kunststoff. Was auf Fremde oft abweisend wirkt, ist für Einheimische ein Symbol persönlicher Freiheit und Sicherheit. Doch auch manchen Russen geht die Zaunmanie ihrer Landsleute zu weit.

Zäune überall: typische Gehwegszenerie in Moskau (Foto: Jiří Hönes)

Wer in Russland unterwegs ist, dem wird kaum die Masse an Zäunen entgehen, die Städte und Dörfer durchziehen. Kaum ein Stück Rasen, das nicht von einem kleinen Metallzaun umfriedet ist, kein Park, dessen Grenze nicht ein Zaun umgibt, ob nun aus Stahl oder Beton. An Bahnhöfen trennen meterhohe Zäune die Bahnsteige für Fern- und Regionalverkehr voneinander, sodass sich der Reisende wie in einer Haftanstalt fühlt.

Der Sinn liegt vor allem darin, dass man zuerst die Sicherheitskontrolle passieren muss, das Bahnhofsgelände also ein abgeriegelter Bereich ist. Und auf die Bahnsteige für die Vorortzüge kommt man nur mit Ticket, also müssen auch diese noch mal extra abgeriegelt werden. So entsteht eine Zaunlandschaft, die gerne auch zu riesigen Umwegen führt.

„Ein westentlicher Teil der Landschaft“

Aber auch im Privaten spart man in Russland nicht an Zäunen. Hoch und blickdicht müssen sie sein, ob um den Vorgarten oder um die Datscha. In vielen dörflichen Siedlungen stehen die hübschesten Holzhäuser, doch man sieht fast nur die Dächer davon, weil alles andere von Zäunen aus Blech oder gar Kunststoff versteckt ist.

„Zäune sind ein wesentlicher Bestandteil der Landschaft jeder russischen Stadt“, schreibt auch der Blogger Ilja Warlamow, der sich für einen lebenswerten öffentlichen Raum einsetzt. Besonders die Zäune um die Blumenbeete Moskaus haben seinen Ärger auf sich gezogen. Umso mehr, weil sie in den Wohnblocksiedlungen seit einigen Jahren in schrillem Gelb und Grün lackiert werden. „Einige Vollpfosten meinten, dass ein Zaun lustig sein muss“, so der Blogger.

„Keiner weiß, wovor sie eigentlich schützen“

Doch woher kommt die Liebe zu den Zäunen? Sergej Talanow, Leiter der Jaroslawler Abteilung der Russischen Gesellschaft für Soziologie, sieht mehrere Tendenzen. Zum einen seien Zäune ein „symbolischer Schutz“ vor Übergriffen gegenüber Land und Leuten, auch wenn den meisten bewusst sei, dass der eigentliche Schutz das geltende Recht ist. Zum anderen seien die Menschen, die in der Sowjetunion sozialisiert wurden, geprägt von einem Kindheitstrauma, nämlich dem Wunsch nach persönlichem Freiraum. Den grenzten sie daher mit Zäunen ab. Nicht zuletzt führe die Bedrohung durch Kriminelle und Terroristen dazu, dass sich die Menschen viel entspannter fühlten, wenn es Zäune um Kindergärten, Schulen, Bahnhöfe und Flughäfen gebe, so der Soziologe.

Und was denken die Bürger selbst über die Zaunmanie? Alexander (51), Unternehmer aus Moskau, etwa findet viele Zäune „hässlich und unnötig“, besonders die Zäune um Parks oder entlang großer Boulevards sind für ihn unnötig. „Endlose Zäune, und, sagt auch die Moskauer PR-Managerin Inna Schewtschenko (51).

Eher ein Symbol als echter Schutz

Marina Frolowa (44), CEO eines Gesundheitsportals aus Moskau, kann dagegen gerade den schweren Betonzäunen etwas abgewinnen. Oft würden sie von Anwohnern auf der Innenseite bunt bemalt. „Es gibt weniger Lärm und weniger Gefahren, und es ist nicht schwer, an der Gestaltung zu arbeiten“, sagt sie. Das sei allemal besser, als sich über das Grau zu ärgern.

Eine weitere russische Besonderheit sind indes die Zäune auf den orthodoxen Friedhöfen. Jede Grabstätte ist von einem kleinen Zaun umfriedet. Sergej Talanow sieht darin eher ein Symbol für den persönlichen Freiraum, die Privatsphäre. Jedenfalls gehe es nicht um den Schutz der Gräber. Und das gelte auch sonst. „Im Allgemeinen sind Zäune in Russland eher ein Symbol für persönlichen Raum und kein Schutz vor irgendetwas.“

Jiří Hönes

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