Rekord-Investitionen trotz Sanktionen

Ungeachtet von Krimkrise und internationalen Spannungen bleibt Russland ein interessanter Markt für die deutsche Wirtschaft. Im vergangenen Jahr steckten Unternehmen 3,26 Milliarden Euro ins Land - so viel wie seit Langem nicht. Dies liegt auch an einem Programm der russischen Regierung.

Autoindustrie und Co: Deutsche Firmen bauen ihren eigene Produktionsketten in Russland weiter aus. /Foto: autostat.ru

Größte Investitionen seit Finanzkrise

Trotz westlicher Sanktionen und angespannter Wirtschaftslage investieren deutsche Unternehmen so kräftig in die russische Wirtschaft, wie seit langem nicht mehr. Wie die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) mit Bezug auf Zahlen der Bundesbank berichtet, beliefen sich die deutschen Investitionen in Russland allein im Jahr 2018 auf eine Summe von insgesamt 3,26 Milliarden Euro. Dies ist der höchste Wert seit der Finanzkrise  2008. „Das sind erfreuliche Zahlen“ erklärt Matthias Schepp, AHK-Vorstandsvorsitzender jüngst in Moskau, „auch wenn uns gelegentliche Schläge gegen das Investitionsklima Sorgen bereiten.“

Der anhaltende Anstieg der Investitionen seit 2014 hängt vor allem mit der starken Lokalisierung deutscher Firmen zusammen. Mit dem Fachbegriff beschreiben Ökonomen den Aufbau eigener Produktionsketten vor Ort, um damit Waren der ausländischen Hersteller in Russland vertreiben zu können. Der Trend zur Lokalisierung zieht sich mittlerweile durch alle Branchen der herstellenden Industrie. Ein aktuelles Beispiel für den Trend ist Mercedes-Benz. Der Automobilhersteller eröffnete im April sein erstes russisches PKW-Werk nahe Moskau. Ein Jahr zuvor baute der Tübinger Werkzeugmaschinenbauer Paul Horn eine eigene Niederlassung im Moskauer Gebiet. Im Oktober 2017 unterzeichnete der Dortmunder Pumpenhersteller Wilo einen Sonderinvestitionsvertrag zum Ausbau der Produktion bei Moskau.

Schwacher Rubel senkt Lohnkosten

Der Rubelkurs, der zwischen 2014 und 2016 eine regelrechte Talfahrt erlebte und gegenüber dem Dollar zeitweise bis zu 140 Prozent abwertete, stabilisierte sich in den letzten Jahren zwar, verharrt jedoch auf niedrigem Niveau. Zum Vergleich: Im Januar 2014, also vor der Verhängung westlicher Sanktionen, belief sich das Wechselkursverhältnis von einem US-Dollar auf 33 Rubel. Aktuell beträgt er mit 65 Rubel pro Dollar knapp das doppelte. Exporteure in Russland profitieren von der Abwertung der russischen Währung. Denn für die Hersteller gehen die Lohnkosten zurück und auch die Produktionskosten sinken. So können sie ihre Produkte kostengünstiger exportieren.

Neben dem niedrigen Rubelkurs ist vor allem die sogenannte Importsubstitution für die Lokalisierung und die steigenden Investitionen ausländischer Unternehmer verantwortlich. Importsubstitution zielt auf die Stärkung der russischen Wirtschaft ab. Der Staat will Unternehmen weitgehend unabhängig von ausländischen Rohstoffen und Technologien machen. Dafür setzt er auf den Ersatz dieser Waren – die sogenannte Substitution – durch eigene Produkte. Das Programm zur Importsubstitution vom März 2015 sieht vor, künftig über 2200 Produkte in 20 Branchen in Russland selbst herzustellen. Für ausländische Firmen bedeutet dies, dass bei staatlichen Auftraggebern oder öffentlichen Ausschreibungen ausschließlich Produkte „Made in Russia“ zugelassen werden. Ein wichtiges Argument für den Aufbau eigener Fertigungsketten im Land. Denn der Anteil des Staates an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung ist nach wie vor hoch. Einer Studie des IWF zufolge liegt er bei satten 33 Prozent. Die Lokalisierung wird damit zu einem Wettbewerbsfaktor, um lukrative, staatliche Großaufträge zu ergattern.

Probleme durch immer striktere Anforderungen

Doch es gibt auch einen Wermutstropfen. Denn die rekordverdächtigen Direktinvestitionen deutscher Firmen sind nur die eine Seite der Medaille. Die Lokalisierung bietet zwar große Gewinnchancen – andererseits stellen die immer strikter werdenden Anforderungen die deutschen Firmen aber zunehmend vor Probleme.

So wurden beispielsweise die Regeln für die Lokalisierung ausländischer Unternehmen im Februar 2018 verschärft. Damals wurde die Regierungsverordnung Nummer 719 erlassen. War bis dato ausschließlich die Automobilindustrie von dem Importsubstitutionsprogramm betroffen, schreibt die Verordnung die Substitution für insgesamt 17 weitere Branchen fest, darunter beispielsweise Werkzeug- und Schwermaschinenbau, Elektrotechnik und die Pharmaindustrie. Die Vorschrift legt unter anderem fest, dass der Anteil in Russland gefertigter Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen bis 2030 mehr als verdoppelt werden soll – auf 62 Prozent. Zudem müssen bestimmte Werkmaschinenhersteller in ihren Geräten künftig 42 Bauteile aus lokaler Produktion verbauen, weniger als die Hälfte der verwendeten Komponenten dürfen ausländischen Ursprungs sein. Erfüllen die Hersteller die strengen Vorgaben, werden sie vom Staat großzügig mit Subventionen unterstützt.

Auslandshandelskammer in Sorge

Matthias Schepp sieht das stetige Wachsen der Anforderungen bei der Lokalisierung schon seit Längerem mit Sorge. „Wenn Beamte am Schreibtisch die Fertigungstiefen für Mähdrescher und Autos bis hinters Komma festlegen, dann ist das der falsche Weg“, erklärte der AHK-Vorstandsvorsitzende Ende 2018 auf einer Pressekonferenz in Moskau.

Julian Stegemann

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