„Kapitalistische Romantik“: die Architektur der Ära Luschkow

Für den einen sind sie geschmacklose Zeugnisse einer schlimmen Zeit, die man besser heute als morgen beseitigt. Andere schätzen sie als festen Teil der Geschichte. Die verspielten Bauten der Postmoderne in Moskau spalten die Gesellschaft.

Postmoderne Architektur: Einkaufszentrum Nautilus
„Spucke in den Gesichtern aller Moskauer“? Das Einkaufszentrum Nautilus erhitzt die Gemüter. (Foto: Wikimedia Commons)

„Eine wahnsinnige Kombination aus absurden Elementen, vulgär und geschmacklos. Ein bisschen Segel und Meereskram, farbige Fliesen und ein Brei aus Metallkonstruktionen.“ Alles in allem sei es „Spucke in den Gesichtern aller Moskauer.“ Derart schmeichelhaft charakterisierte der Blogger Ilja Warlamow das Einkaufszentrum Nautilus an der Lubjanka im Herzen Moskaus. Er gab dem 1999 fertiggestellten Bau den ersten Platz auf seiner Liste der hässlichsten Gebäude Moskaus, seinen Schöpfer Alexej Woronzow bezeichnet er als „Hofarchitekten“ des damaligen Bürgermeistes Jurij Luschkow.

Dieser regierte von 1992 bis 2010 in Moskau – und er hatte ein Faible für Architektur. Das war offenbar so ausgeprägt, dass manche geneigt sind, ihm einen ganzen Baustil zuzuschreiben, den „Luschkow-Stil“. Ilja Warlamow bezeichnet diesen als „Stil der Barbaren“, der sich durch eine verächtliche Haltung gegenüber Geschichte und Kultur auszeichne. Es sei eine Architektur des Geldes und der Gier. „Luschkows Mannschaft stürzte sich wie ein Heuschreckenschwarm auf die Stadt und begann sie zu zerstören, wie die Matrosen, die den Winterpalast plünderten und in Vasen urinierten“, schrieb er in seinem Beitrag für „Echo Moskwy“.

Die Architektur der Ära Luschkow polarisiert

Mit dieser Meinung steht er in Moskau nicht alleine da. Der verspielte Stil der 1990er und 2000er Jahre lässt besonders viele Ältere in der Stadt bis heute fassungslos zurück. „Leute über 50 sagen oft, Luschkow habe ihr altes Moskau zerstört“, sagt der Architekturhistoriker Ajrat Bagautdinow, Gründer von Moskau durch die Augen des Ingenieurs. Er selbst sieht das differenzierter. Das Einkaufszentrum Nautilus hält er durchaus für ein „starkes Werk“, das Referenzen an die Jugendstilbauten in der Nähe aufweise. „Es steht im Kontext der Geschichte. Der Rundkörper bildet die von den Bolschewiken zerstörte St.-Panteleimon-Kapelle nach, die einst hier stand. Und zugleich zieht es alle Aufmerksamkeit auf sich, wie es so in diesen monumentalen Raum an der Lubjanka mit seinem KGB-Charme eindringt“, schwärmt er.

Die Architektur der Ära Luschkow polarisiert, doch was zeichnet sie eigentlich aus? Und wie eng ist sie wirklich mit der Person des 2019 verstorbenen Ex-Bürgermeisters verbunden? Ajrat Bagautdinow findet diese Zuschreibung falsch, man müsse eher von einer „russischen, kommerziellen Postmoderne“ und von Eklektizismus sprechen. Der Stil an sich sei zur selben Zeit auch anderswo populär gewesen.

Verspätete Postmoderne

Ihre Wurzeln hat die postmoderne Architektur in den 1960er und 1970er Jahren. Nach der Moderne mit ihrer Betonung des Funktionalen, den klaren Formen, der Schmucklosigkeit, dem unbedingten Glauben an technolo­gischen Fortschritt und Rationalität, kam eine Gegenbewegung auf, die wieder den Rückbezug auf die Geschichte anstrebte. Referenzen an die Umgebung, an den historischen Kontext, Ironie und Witz wurden, so Ajrat Bagautdinow, zu Prinzipien der postmodernen Architektur. „Man kann von geradezu literarischen Methoden sprechen. Das Konzept ist bei der Postmoderne wichtiger als die Form“, sagt er.

All das fand allerdings damals weit entfernt von Moskau statt. „Die Postmoderne konnte sich in der Sowjetunion nicht entfalten. Das Konzept passte nicht zur sozialistischen Ideologie, die auf Monumentalität ausgelegt ist“, so der Architekturexperte. Als dann die Perestroika kam, sei zwar die Möglichkeit dagewesen, doch das Geld habe gefehlt. Erst gegen Ende der 1990er Jahre sei dann die Büchse der Pandora geöffnet worden und die Architekten hätten sich regelrecht auf die Postmoderne gestürzt.

Eklektizismus, Dekor und Kitsch

Man müsse allerdings unterscheiden zwischen der eigentlichen Postmoderne mit ihrem konzeptionellen Zugang, so etwa beim besagten Einkaufszentrum, und dem reinen Eklektizismus. Der mische einfach wild vergangene Stilrichtungen. „Vor einiger Zeit kam dafür die Bezeichnung kapitalistische Romantik auf, kurz KapRom“, so Ajrat Bagautdinow. Die assozia­tive Verbindung zwischen der opulenten, kitschigen und verspielten Architektur mit dem entfesselten Kapitalismus der 1990er Jahre, die scheint festgesetzt zu sein.

Jurij Luschkow liebte Kitsch, Eklektizismus und alles Dekora­tive. Als Vorsitzender des Architekturrats in Moskau hatte er durchaus Einfluss. „Er hat die eigentliche Postmoderne allerdings nicht verstanden und wählte schlicht dekorative und eklektizistische Projekte aus“, sagt Ajrat Bagautdinow. Er solle etwa einmal gesagt haben, ein bestimmtes Projekt sei ihm „zu langweilig“. Und er hatte oft das letzte Wort. Deswegen könne man aber noch nicht sagen, er habe die Architektur maßgeblich geprägt.

„Spiegelbild der Gesetzlosigkeit der 1990er Jahre“

Wer aufmerksam durch die Stadt geht, der sieht die Zeugnisse dieser Epoche mit ihren verspielten Fassaden, den unkonventionellen Farben und Formen und den wilden dekorativen Elementen überall. Das Theater Et cetera, das sogenannte Eierhaus, der Wohnkomplex Patriarch, die großen Einkaufszentren Ochotnyj Rjad, Ewropejskij und Atrium sind nur einige besonders auffällige Beispiele.

Sind sie nun ein „Spiegelbild der Gesetzlosigkeit der 1990er Jahre und die Demonstration, dass ein ignoranter Autokrat die Stadt zerstören kann, wenn er nicht rechtzeitig gestoppt wird“, wie Ilja Warlamow ätzt? Oder einfach nur die verdichtete Spielform eines Baustils, der durch die sozialistische Ideologie zurückgehalten wurde, um dann später völlig enthemmt die wildesten Blüten zu treiben?

Es gibt eine kleine Fanszene

Die Mehrheit ist wohl auf Warlamows Seite. Doch wie lange noch? „Es werden bereits Führungen zu diesen Gebäuden angeboten“, sagt Denis Romodin, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum Moskaus. Er verweist zudem auf die Website des Architekten Nikolaj Malinin, die sich dieser Architektur widmet. „Und Daria Paramonowa hat ein ganzes Buch darüber geschrieben.“

In „Pilze, Mutanten und andere“ setzt sich die Architektin für den Erhalt der Werke aus der Ära Luschkow ein. Sie sei sich bewusst, wie einfach man beweisen könne, dass die postsowje­tische Architektur keinen künstlerischen Wert habe und keine sozialen Probleme löse. Zudem seien oft nur kurzlebige Materialien von schlechter Qualität verwendet worden. Aber gerade das sei doch ein Anlass, diese Architektur als einen einzigartigen Beweis zu betrachten für „einen hellen, widersprüchlichen und einzigartigen Moment in unserer Geschichte, die Ära des Zusammenbruchs des größten sozialistischen Staates und der Entstehung einer neuen Gesellschaft.“

„Einzigartige Episode der russischen Architektur“

Denis Romodin ist sich sicher, dass das so kommen wird. Eine neue Generation, die nicht zu den Zeitzeugen des Stils zähle, werde ihn zum Gegenstand ihrer Forschungen machen. „Schon jetzt sind die 1990er Jahre ein interessantes Thema für die Generation Z“, sagt er. Der „Luschkow-Stil“ sei eine interessante und einzigartige Episode der russischen Architektur in Moskau und stehe damit auf einer Stufe mit dem Naryschkin-Barock um 1700 und einigen Aspekten der stalinistischen Architektur.

Ob sich dann auch das Verhältnis der Mehrheit der Moskauer zu dem Erbe der Ära Luschkow ändert, wird sich zeigen. Die späte Sowjetmoderne hat ja durchaus an Akzeptanz gewonnen, warum nicht auch die Postmoderne der Ära Jurij Luschkow?

Jiří Hönes

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