Die schönste Nebensache des Fußballs ist Begegnung

Kann eine Weltmeisterschaft Katalysator für tiefgreifende Veränderungen der Eigen- und Fremdwahrnehmung einer Gesellschaft sein? Dieses aktuell debattierte Thema griff eine Podiums­diskussion an der Deutschen Schule Moskau auf.

Ein Fußball-Event der besonderen Art erlebten die Teilnehmer der dritten Auflage des Schülerbegegnungsprojekts „Erinnern, Gedenken, Versöhnen“ in der Aula der Deutschen Schule. Die Jugendlichen aus Deutschland und Russland verfolgten rund 90 Minuten Podiumsdiskussion unter dem Titel „Russland 2018 zwischen WM und Isolation: Schafft Fußball, was Politik nicht schafft?“, grätschten mit kritischen Nachfragen auch energisch dazwischen. Die Schüler von der Deutschen Schule Moskau, der Mittelschule Nr. 12 der Stadt Rschew und dem Johannes-Brahms-Gymnasium Hamburg betreiben mit ihrem Projekt aktive Völkerverständigung. Das nordwestrussische Rschew war im Zweiten Weltkrieg Schauplatz einer der opferreichsten Schlachten und wurde fast vollständig zerstört.

Bei der Podiumsdiskussion war mit Erik Stoffelshaus ein Deutscher dabei, der Russland und den russischen Fußball aus eigener Erfahrung kennt: Er ist seit anderthalb Jahren Sportdirektor von Lokomotive Moskau und mit dem Klub bereits Pokalsieger (2017) und Meister (2018) geworden. Ebenfalls bei der Veranstaltung an der Deutschen Schule sprach der Deutsche Botschafter Rüdiger von Fritsch: Er hielt die Eröffnungsrede. Dann legten die Diskutanten los.

Tim Köhler, Herausgeber des unlängst in Deutschland erschienenen Buches „Russkij Futbol“, in dem 120  Jahre russische Fußballgeschichte beleuchtet werden, sagte, internationale Sportereignisse hätten das Poten­zial, den Blick auf das eigene Land zu verändern. Das zeige die Geschichte. In Deutschland sei die WM von 1954, das sogenannte „Wunder von Bern“, trotz der zeitlichen Distanz immer noch präsent. „Wenn wir die Erinnerungskultur betrachten, dann gibt es diese Trias mit 54, 74 und 90, dem Jahr der Wiedervereinigung, gerade so, als ob sich das irgendjemand ausgedacht hätte.“

Für Rico Noack, den Vorsitzenden des Vereins Gesellschaftsspiele e.V., kann Fußball auch die Wahrnehmung einer Nation im Ausland verändern: Das „Sommermärchen“ der WM 2006 habe sicherlich ein anderes Bild von Deutschland transportiert, als einige erwartet hatten. „Es hat gezeigt, dass Deutschland bunter geworden ist und nicht nur aus Bier trinkenden Unsympathen besteht.“

Diskutierten bei einem Begegnungsprojekt über Begegnung: ZSKA-Moskau-Fan Robert Ustian (r.) und andere Experten. © Simon Federer

Neben dem Blick in die Vergangenheit ging es bei der Diskus­sion natürlich auch um die aktuelle WM in Russland. Robert Ustian, Initiator des Projekts „ZSKA-Fans gegen Rassismus“, kritisierte die Berichterstattung mancher westlicher Medien im Vorfeld der Weltmeisterschaft scharf: „Ich habe über 80 Stunden Interviews gegeben und darum gebettelt, Russland die Chance zu geben, zu zeigen, wie es wirklich ist.“ Obwohl er sehr kritisch sei, was Demokratie oder freie Medien hierzulande angehe, „war es für mich absolut inakzeptabel, dass in gewissen englischen Medien fast schon eine Hasskampagne gegen Russland betrieben wurde“. Die Logik sei hierbei wie folgt: Russland werde mit Präsident Wladimir Putin gleichgesetzt, und der sei das personifizierte Böse.

Auch an Politikern lässt Ustian kein gutes Haar. „Sie wollen nicht, dass wir uns treffen und miteinander reden. Sie sind nicht unsere Verbündeten, wenn es um den Dialog zwischen uns geht.“ So spiele der britische Außenminister Boris Johnson aus innenpolitischen Gründen nur zu gern die „russische Karte“, wenn er etwa die Weltmeisterschaft in Russland mit der Olympiade 1936 im Deutschen Reich vergleiche.

Ustian findet es unerheblich, ob Politiker zur WM nach Russland reisen oder eben nicht. Der größte Gewinn der Sportveranstaltung liege vielmehr in der persönlichen Begegnung. „Für mich ist es viel wichtiger, dass sich ein gewöhnlicher Nigerianer in meinem Land umschaut.“ Leidenschaftlich fährt er fort: „Wir versuchen, denen, die hierhergekommen sind, zu vermitteln, dass wir anders sind, als wir dargestellt werden. Wir sind keine Menschen, die nicht lächeln, unfreundlich oder kalt sind.“

Die Russen hätten in den letzten Wochen jegliche Angst abgelegt, was wiederum Folgen für die Zukunft haben könne. „Viele werden sich fragen: Warum kann unser Land eigentlich nicht immer so offen wie während der WM sein?“ Die Bedeutung des Großereignisses für Russland schätzt Ustian äußerst hoch ein. „Die Weltmeisterschaft in diesem Land ist das Beste seit Jurij Gagarins Flug in den Weltraum.“

Simon Federer

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