Mit Badehose ins Gotteshaus

Am Newskij-Prospekt, dem St. Petersburger Prachtboulevard, üben sich die christlichen Konfessionen in guter Nachbarschaft. Schräg gegenüber von der lutherischen Petrikirche befindet sich die orthodoxe Kasaner Kathedrale, fast schon nebenan die katholische Katharinenkirche. Die Petrikirche ist heute wieder Russlands größte evangelische Kirche. Zu Sowjetzeiten war sie ein Hallenbad.

Stöpsel gezogen: Nach den gottlosen Zeiten erstrahlt die Petrikirche wieder in altem Glanz. © Ivan Narmanev Wikimedia Commons

Die Petrikirche in St. Petersburg ist über 180 Jahre alt. 1838 geweiht, wurde sie 1937 geschlossen und 1962 als Schwimmbad zweckentfremdet. Statt dem Altar gab es nun einen Sprungturm, statt Kirchenbänken ein Schwimmbecken. Seit 1993 werden wieder Gottesdienste abgehalten.

Das alte Becken ist noch da

Die Spuren der Vergangenheit sind im Inneren der Kirche noch deutlich zu sehen: An den Seiten erinnern Tribünen mit Eisengeländer an frühere Wettkämpfe. Von dort aus können die Besucher des Gottesdienstes auf den Altar und die Reihen mit den Kirchenbänken davor blicken, die etwas tiefer in den Boden eingelassen sind – quasi auf dem alten Schwimmbecken. „Weil ein Abriss die Statik gefährdet hätte, wurde das Becken mit einem neuen Boden abgedeckt“, erklärt Klaus Dombrowski, der Küster und Glöckner im Ehrenamt ist und Besucher durch die Kirche führt, die etwas zurückgesetzt am Newskij-Prospekt steht.

Pfarrer Michael Schwarzkopf möchte gern mehr Gäste begrüßen. Er will deshalb das Kulturangebot in der Kirche erweitern. 2017 wurde eine große Orgel eingebaut. Seither gebe es mehr Konzerte als vorher, erzählt er. „In Russland ist Orgelmusik etwas Besonderes. In den orthodoxen Kirchen gibt es ja keine Orgeln.“ Seine Hoffnung ist, über Einnahmen aus Konzerten ein Finanzpolster aufzubauen, um Geld in den Erhalt des Gotteshauses zu stecken. Kirchensteuern gibt es in Russland nicht. Und seine Gemeinde zählt nur etwa 100 Mitglieder.

Nein, es gehe ihm nicht darum, sich gegen die orthodoxe Kirche zu behaupten, sagt der 56-Jährige. „Unsere Kirche gehört zur russischen Gesellschaft.“ Sie solle als russische evangelische Kirche wahrgenommen werden und nicht als „deutscher Ableger“ gelten. So sei die Fassade mit staatlichem Geld saniert worden.

Russischer Pfarrer soll übernehmen

Pfarrer Schwarzkopf ist wahrscheinlich der letzte Geistliche aus Deutschland, der in dem Gotteshaus aus der Bibel liest. Die Petrikirche gehört zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland. 2022 läuft Schwarzkopfs Vertrag aus, dann soll ein russischer Pfarrer den Dienst übernehmen. Der Deutsche will den Übergang managen.

„Unsere Angebote wie Konzerte, Ausstellungen oder Diskussionen werden gern wahrgenommen. Sie vermitteln Glaubensinhalte in eingängigen Formen und öffnen die Türen für Mission“, sagt Erzbischof Dietrich Brauer, Oberhaupt der russischen Lutheraner. Kultur sei ein wesentlicher Bestandteil der Gemeindearbeit. 40.000 erwachsene Gläubige gehören der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland an.

Ökumene? Orthodoxie hält Distanz

Russland zählt nur Orthodoxie, Judentum, Islam und Buddhismus als angestammte Religionen. Andere Gruppen wie Protestanten gelten als fremd, werden aber toleriert. Viele Deutsche waren im 18. und 19. Jahrhundert auf Einladung von Katharina der Großen ins Russische Reich übergesiedelt und gingen dort auch in die Kirche. In der kirchenfeindlichen Sowjet­union unter Diktator Josef Stalin wurden viele Russlanddeutsche dann als mögliche Helfershelfer Hitler-Deutschlands verfolgt.

Aus Sicht des Kirchensoziologen Gert Pickel von der Theologischen Fakultät der Uni Leipzig ist die historische Verankerung einer der Gründe, weshalb es die Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland noch heute gibt. „Durch die sehr geringe Größe stellt sie für die Russisch-Orthodoxe Kirche keinen Faktor da, zumindest solange sie keine größeren Missionserfolge aufweist oder eine aggressive Missionskampagne fährt. Beides ist derzeit nicht der Fall“, erläutert der Experte von der Universität Leipzig. „In der Breite gesehen stellt sie keine wirkliche Konkurrenz dar.“

Erzbischof Brauer sagt dazu: „Das Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche ist neutral bis freundschaftlich.“ Man dürfe aber nicht unerwähnt lassen, dass diese sehr konservativ sei – auch für innerorthodoxe Verhältnisse. So sei es offiziell kaum möglich, mit ihr ökumenische liturgische Veranstaltungen zu organisieren.

Orgelmusik und Führungen

Den Weg in die Petrikirche in St. Petersburg finden dennoch viele orthodoxe Gläubige – und sei es nur, um der Orgel zu lauschen oder sich dem Rundgang von Küster Dombrowski anzuschließen. Er führt durch den Keller der Kirche, wo einst die Umkleidekabinen des Schwimmbads waren. Überall ist es dank dicker Heizungsrohre mollig warm. In einem Internetportal über ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten merkt ein Leser zum früheren Schwimmbad augenzwinkernd an: „Atheistische Schwimmer wussten nicht einmal, dass sie heimlich getauft wurden.“

Christian Thiele (dpa)

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