Moskaus Bunker: Bedingter Schutz

Die geopolitische Lage wird immer unruhiger. Viele Moskauer fragen sich deshalb, wo sie im Notfall Schutz finden können und informieren sich über Luftschutzkeller in ihrer Nähe. Die würden für alle Einwohner der Hauptstadt ausreichen, versichert das Katastrophenschutzministerium

Bunker
Ein Vertreter des Zivilschutzes zeigt den Bunker von Mosgas. (Foto: Sergej Wedjaschkin/ AGN Moskwa)

Zwischen der Metrostation Tagangskaja und dem Ufer der Mos­kwa ging 1956 eine absolut geheime Anlage in Betrieb. Auf 7000 Quadratmetern sollte sich hier in 65 Meter Tiefe die Sowjetunion in einem Atomkrieg verteidigen. Mit dem Ende der Sowjetunion verlor die riesige Anlage ihre Funktion und wurde aufgegeben. Nach den Soldaten kamen seit 2006 die Touristen aus aller Welt, um im „Bunker 42“ in die Atmosphäre des Kalten Kriegs hinabzusteigen. Führungen kosten für Ausländer zwischen 2200 und 3500 Rubel (29 bis 46 Euro). Sogar ein eigenes Restaurant gibt es. Der „Bunker 42“ darf in keinem Moskau-Reiseführer fehlen. „Unbedingt machen“, empfahl auch ein Ulmer Stadtjournal die unterirdische Anlage.

Viele Moskauer würden der Empfehlung durchaus zustimmen. Zum Vergnügen in den Bunker, warum nicht. Doch seit Ende Januar fragen sich viele Menschen, wo es denn eigentlich funktionierende Bunker in ihrer Stadt gibt. Als sich die Situation rund um die Ukraine immer mehr zuspitzte, tauchten in vielen Telegram-Gruppen Karten mit Luftschutzräumen auf, damals stets mit einem Zwinkern versehen. „Nur damit ihr Bescheid wisst“, stand oft darunter.

Bunker in der Sowjetunion ernst genommen

Sucht man im Internet nach der Liste der Luftschutzbunker, werden Tausende Orte in Moskau angezeigt. Auch in Vkontakte-Gruppen werden Listen mit Schutzeinrichtungen geteilt. Nach Angaben des Rechnungshofes gab es 2017 in ganz Russland 16 270 Bunker für die Bevölkerung. Die „Rossijskaja Gaseta“ hat nach öffentlich zugänglichen Quellen errechnet, dass es in Moskau ungefähr 2500 gibt. Die genaue Liste ist geheim. Die meisten Einrichtungen gehören zum Zivilschutz, einem System, das die Menschen auf die Auswirkungen eines Krieges oder einer Naturkatastrophe vorbereiten soll. Verantwortlich dafür ist das Katastrophenschutzministerium MTschS. In der Sowjetunion wurde der Zivilschutz sehr ernst genommen. Überall wurden Bunker gebaut, die auch ihren jeweiligen verantwortlichen Kommandeur hatten.

Diese Karte soll die Luftschutzräume in Moskau zeigen. (Foto: wikimapia)

Im Prinzip kann sich jeder in seinem Keller verstecken, erklärt Stadtführer Alexander Usolzew dem Stadtmagazin „Moskvichmag“. Früher hingen dort auch entsprechende „Schutzbunker“-Schilder. Solange es keine direkten Treffer gibt, können die Keller ausreichend Schutz bieten. Mit der Kubakrise verstanden die Stadtplaner, dass die bisherigen Anlagen ungenügend waren und entwarfen bessere Bunker. Diese erkennt man vor allem an den Hügeln in den Innenhöfen und freistehenden Eingängen mit Eisentüren.

Mit der Deindustrialisierung verschwanden die Bunker

Die meisten Bunker wurden aber unter Industrieanlagen gebaut und boten auch Schutz gegen direkte Raketeneinschläge, ergänzt der Digger Daniil Dawydow. Doch mit der Deindustrialisierung wurde Moskau verwundbarer. Seit Jahren werden die gigantischen Fabrikgelände wie SiL oder „Serp i Molot“ abgerissen und weichen neuen Wohngebieten. Mit der Industrie demontierte auch die entsprechende Verteidigungsstruktur, so Dawydow. Wann er das letzte Mal einen funktionierenden Bunker auf einer seiner Touren gesehen hat, weiß er nicht mehr. Hinzu kommt eine Privatisierungswelle in den 1990er Jahren. Aus den Bunkern wurden damals Lagerräume und Parkhäuser, wie etwa unter dem Gagarin-Platz südlich des Stadtzentrums. Auf Plattformen wie „Avito“ werden immer noch ehemalige Bunker zur Miete angeboten.

Nach der Jahrtausendwende wurde der unzureichende Schutz für die Bevölkerung ein Fall für die Politik. Da die vorhandenen Räume nur noch für die Hälfte der Moskauer ausreichte, ordnete der damalige Bürgermeister Juri Luschkow an, bis 2012 insgesamt 5000 neue Anlagen zu errichten. Geld war damals jedoch knapp, weswegen das Rathaus die Betreiber von Shoppingcentern und Sportanlangen an den Kosten beteiligen wollte.

Platz soll für alle Moskauer sein

In den Folgejahren versuchte das Katastrophenschutzministerium, die Moskauer zu beruhigen und lud immer wieder Blogger ein, sich ausgewählte Bunker anzuschauen. Und es wurde auch gebaut. Mehrere Luxuswohnanlagen erhielten etwa ihre eigenen Schutzräume. Im Jahr 2017 ging die Schlagzeile um, ein Investor wolle an der Metrostation Botanitscheskij sad einen Bunker für 1500 Personen errichten.
Ein Jahr zuvor hatte das Katastrophenschutzministerium seine letzte Inventur durchgeführt.

Der Moskauer Leiter Andrej Mischtschenko verkündete damals stolz, man könne 100 Prozent der Bevölkerung unterbringen. Ende Januar zitierte die „Rossijskaja Gaseta“ die Aussage erneut. Im Netz regte sich dagegen Widerstand. Viele Nutzer wiesen darauf hin, dass viele Schutzräume immer noch Lager und Parkhäuser seien. Zudem ist die Stadt seitdem gewachsen. Wirlich alle Moskauer unterbringen, zumindest für eine kurze Zeit, kann wahrscheinlich nur die Metro. Die wurde zu Sowjetzeiten auch für diesen Zweck geplant.

Daniel Säwert

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