
Ein Mann hat seinen Nachbarn im hauseigenen Chat beleidigt. Hat dieser Streit eine Chance, in die Schlagzeilen der nationalen Medien zu gelangen? Auf jeden Fall, wenn im Laufe des Wortgefechts bestimmte Schlagworte verwendet werden. So kam es in der Hauptstadt Burjatiens, Ulan-Ude, zu einem lautstarken Nachbarschaftsstreit, der vor Gericht endete. Das Gericht verurteilte die lokale Anwohnerin Jewgenia Sandanowa zu einer Geldstrafe von 10 .000 Rubel (108 Euro), weil sie einen Mann im Chat als „Chochol“ bezeichnet hatte. Die Frau wurde nach dem Artikel zu „Anstiftung zu Hass oder Feindseligkeit“ für schuldig befunden.
Ein beleidigendes Wort in einem schlechten Kontext
Das Wort „chochol“ oder in der Mehrzahl „chochly“ gehört zu den Wörtern, die in anständiger Gesellschaft nicht verwendet werden sollten. Es handelt sich dabei natürlich nicht um den russischen Mat – also völlig tabuisierte Schimpfwörter. Allerdings weiß jeder, dass diese Bezeichnung für Ukrainer heute alles andere als neutral ist.
Die Verwendung des unschönen Wortes wurde durch den Kontext untermauert. Wie aus den Gerichtsunterlagen hervorgeht, schickte Sandanowa an die Viber-Hausgruppe Nachrichten wie „Ischenko: Alle Scheiße endet auf o“ (Nachnamen, die auf -o enden, haben oft ukrainischen Ursprung), „Ihr seid alle niederträchtige Chochly“, „Chochly sind immer so: Sie liken dich und dann beschimpfen sie dich hinter deinem Rücken“.
Die Experten kamen zu dem Schluss, das ohnehin Offensichtliche nochmals zu bestätigen: Diese Äußerungen enthalten „eine herabwürdigende Bewertung der Persönlichkeit des Adressaten aufgrund seiner Nationalität“ und „schreiben ihm eine Reihe von verallgemeinerten negativen Eigenschaften zu, die Vertretern der ukrainischen Nationalität zugeschrieben werden“.
Verteidigungsstrategie
Normalerweise droht denjenigen, die die Nationalität einer Person mit beleidigenden Ausdrücken betonen, nichts. Die meisten dieser Fälle kommen nicht vor Gericht. Wenn es jedoch in der Öffentlichkeit einen Aufschrei gibt, gehen diejenigen, die unangemessene Ausdrücke verwenden, sofort in die Defensive. Die Verteidiger des Wortes „Chochol“ weisen in der Regel darauf hin, dass es historisch gesehen („bis zuletzt immer“) neutral war.
Ähnliches lässt sich über das Wort „Schid“ (vgl. poln. „żyd“, dt. „Jude“ oder eng. „jew“) sagen. Manche verwenden es anstelle des Wortes „Jewrej“ (russische Variante des Wortes „Hebräer“, aber in Bezug auf die modernen Juden). Es gibt sogar Menschen, die das Wort mit seinem eindeutig antisemitischen Beigeschmack verteidigen und sich dabei auf andere Sprachen berufen: Im Polnischen gibt es das Wort „żyd“, warum also nicht auch bei uns? Wer jedoch solche Ausdrücke verwendet, charakterisiert damit ganz klar sich selbst, seine Ansichten und sein geistiges Niveau.
Im Fall von Burjatien wählte die Frau jedoch eine andere Verteidigungsstrategie. Sie verwies darauf, dass Ischenko, an den die Nachrichten gerichtet waren, „gesagt habe, dass er russischer Nationalität sei“. Daher könnten ihre Äußerungen „nicht als eine Verletzung der Würde einer Person aufgrund ihrer nationalen Zugehörigkeit (Ukrainer) angesehen werden“. Der Richter stimmte dieser Interpretation des Vorfalls nicht zu.
Sie ist nicht die Einzige
Man kann sich leicht vorstellen, dass in letzter Zeit in Russland die Zahl der Menschen zugenommen hat, die gegenüber Ukrainern überwiegend abwertende Bezeichnungen verwendet. (Seit November 2023, als die israelische Armee ihre Operation in Gaza begann, werden negativ besetzte Bezeichnungen für Nationalitäten auch häufiger gegenüber Juden verwendet).
Dies lässt sich auf Telegram beobachten, insbesondere bei Autoren, die über die Front berichten, sowie in anderen sozialen Netzwerken, aber auch in Fernseh-Talkshows. Das Wort „Chochly“ in Bezug auf Ukrainer wird regelmäßig von russischen Medienpersönlichkeiten wie der Chefin von RT, Margarita Simonjan, und dem Fernsehmoderator Wladimir Solowjow sowie verschiedenen Gästen seiner politischen Talkshow in den Mund genommen.
Normalerweise achtet niemand darauf, aber die Gäste solcher Sendungen reden sich völlig in Rage. So verurteilte ein Moskauer Gericht den Militärexperten Alexander Artamonow wegen Anstiftung zum Hass zu einer Geldstrafe. Im Hauptsender des Landes sagte er: „Die NATO führt Krieg gegen uns, und ich habe eine sehr schlechte Meinung von den Ukrainern, weil ich nicht sehe, dass sie sich auflehnen […]. Meine Meinung über sie ist viel schlechter als über die Russen […]. Ich werde darauf bestehen, dass sie leider Menschen zweiter Klasse sind.“ Neben einer Geldstrafe hat Artamonow für diese Äußerungen auch Kritik von den entschiedenen Befürwortern des aktuellen politischen Kurses auf sich gezogen.
Nur als Selbstbezeichnung
Der Leiter des Zentrums für Rechtsordnung in Moskau und der Region Moskau, Alexander Chaminski, erklärte gegenüber „RT auf Russisch“, wann die Verwendung des Wortes „Chochol“ keinen Verstoß darstellt. Laut dem Juristen hängt dies vom Kontext ab. „Insbesondere kann es in Kunstwerken verwendet werden. Und wenn ein Ukrainer es ohne negative Konnotation in Bezug auf sich selbst verwendet, ist das kein Verstoß“, glaubt er.
Dies gilt wahrscheinlich auch für andere ähnliche Fälle. Nur werden Russen, die nicht darauf erpicht sind, als „Katzaps“, „Moskali“ oder „Rusnja“ bezeichnet zu werden, in anderen Rechtsordnungen kaum Unterstützung finden. Denn auch dort gibt es Persönlichkeiten, die Russen als Menschen zweiter Klasse betrachten.
Igor Beresin


