Kaliningrad: Russlands Tor nach Europa

Im Rahmen des crossmedialen Projekts „Die Russland-Meister: Eine Leistungsschau der deutschen Wirtschaft“ startete die AHK Russland am 23. Mai eine WM-Rallye durch das Gastgeberland der Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Drei VW Tiguan, die im russischen VW-Werk in Kaluga vom Fließband gelaufen sind, werden eine Strecke von fast 5.000 Kilometern abfahren. Mit an Bord sind zwei deutsche Autoren und ein Fotograf, die über Land und Leute berichten werden. Heute: Kaliningrad.

An der Promenade am Ufer der Pregel  liegen heimelige Restaurants, die russische und deutsche Kulinarie vereinigen. /Foto: Hans-Jürgen Burkard.

13. -14. Juni

Genau da genießen, wo sie zuhause sind: Königsberger Klopse in weißer, sahniger Sauce mit eingesprenkelten Kapern. Dazu gekochte Butterkartoffeln und Salat von roter Bete. So, wie es heutzutage selbst die einheimischen Russen liebend gern mögen. Himmlisch!

Dazu gesellen sich urrussische Rote-Beete-Spezialitäten wie „Hering im Pelzmantel“. Klassiker der russischen Küche in schöner Eintracht mit traditioneller, treudeutscher Küche auf ostpreußische Art. In den vielen heimeligen Restaurants von Kaliningrad, dem früheren Königsberg.

Ein kulinarisches Zusammenspiel von deutschem und russischem Erbe wie es auch in Menschen wie dem Maler, Kunstlehrer und leidenschaftlichen Stadtgeschichtler Wiktor Riabinin, 72, lebt. Obwohl seine Geburtsstadt heute eigentlich Kaliningrad heißt, hat er als Wohnort auf seine Visitenkarte Koenigsberg i./Pr. drucken lassen. Und fließend Deutsch spricht er auch. „Wer die Geschichte seiner Heimat nicht kennt und respektiert, kann seine Heimat nicht lieben.“ Es ist natürlich nicht nur das Essen. Noch viel mehr atmet auch nach mehr als 70 Jahren russischer Nation deutsche Geschichte, deutsche Kultur, deutsche Mentalität.

Rund um Kaliningrad lagern 90 Prozent der weltweiten Bernsteinvorkommen. /Foto: Hans-Jürgen Burkard.

Als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs eingeklemmt zwischen den heutigen EU-Staaten Polen und Litauen. Mit denen teilt sie das unvergleichliche Naturwunder „Kurische Nehrung“ zwischen Haff und Ostsee. Mit ihren breiten, dutzende Kilometer langen, feinen Sandstränden, den riesigen Dünen, den windverwehten, verwunschenen Wäldern und der artenreichen Fauna. Zu Zeiten machen hier allein bis zu zwei Millionen Zugvögel Station. Nicht zu vergessen: Hier ist auch das Gebiet, wo das „Baltische Gold“, der Abermillionen Jahre alte Bernstein, industriell aus Erde und Sand gespült wird. Vier Millionen Tonnen Erde müssen jährlich bewegt werden, um 450 Tonnen des fossilen Harzes zu gewinnen. Der geht dann roh oder zum Schmuckstein verarbeitet in die Welt. Das Kaliningrader Bernsteinkombinat führt die lange Tradition der Bernsteingewinnung äußerst erfolgreich weiter. Von hier kommen 90 Prozent aller Rohsteine, hier lagern 90 Prozent der weltweiten Bernsteinvorkommen.

Bernsteinschnitzer fertigen Schmuckstücke und Kunstwerke, die in die ganze Welt verkauft werden. /Foto: Hans-Jürgen Burkard.

In der Stadt selbst holpern die Autos über hundert Jahre altes Kopfsteinpflaster, vorbei an alten, noblen Villen in baumbestandenen Alleen – fast wie im Berliner Grunewald. So manche davon allerdings nicht mehr so ganz vorzeigefähig. In anderen Straßen herrscht hergebrachte norddeutsche Backstein-Architektur mit den typischen Treppengiebeln. Schließlich gehörte Königsberg auch einstmals zur Perlenkette erfolgreicher Hansestädte an der Ostsee. Ihr Wappen zeigt immer noch eine Hansekogge mit aufgeblähten Segeln. Und auch der Hauptplatz hieß über hunderte von Jahren Hanse-Platz und seit 1946, Siegesplatz.

Der 700 Jahre Königsberger Dom wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört und anschließend restauriert. /Foto: Hans-Jürgen Burkard.

Das unbestrittene Wahrzeichen der Stadt aber war, ist und bleibt der Dom auf der Kneiphof Insel. Mehr als 700 Jahre überragten seine Türme alles, bis nach einem britischen Luftangriff 1944 nur noch die Grundmauern übrig blieben. Erst 1998 konnten die Restaurierungsarbeiten des mächtigen Bauwerks der klassisch-deutschen Backstein-Gotik weitgehend abgeschlossen werden. Mit tatkräftigem, privaten Einsatz und Spendengeldern, sowohl aus Russland als auch aus Deutschland. Der „neue“ Dom beherbergt eine Orgel – in einjähriger Bauzeit vom Potsdamer Traditionsunternehmen „Alexander Schuke“ originalgetreu wieder aufgebaut, die als die größte Russlands und einer der schönsten Europas gilt. Täglich wird vornehmlich Johann Sebastian Bach gespielt, aber auch Werke von russischen Komponisten wie Michail Glinka. So verbindet die Kirche die große russische Musiktradition mit der deutschen.

Mansur Jussupow ist tadschikischer Herkunft und mit 26 Jahren schon einer der Orgelspieler im Kaliningrader Dom. /Foto: Hans-Jürgen Burkard.

Eigentlich wollten die sowjetischen Machthaber die schäbigen Reste der Kathedrale abgerissen wissen. Dass sie nun aber wieder so da steht, wie sie schon ewig war, ist einem Mann zu verdanken, der das menschliche Wahrzeichen der Stadt verkörpert: Immanuel Kant (1724-1804) – hier geboren, hier gelebt, hier begraben. Der Weltweise und Vordenker der modernen Philosophie, Lehrer Friedrich Hegels und dieser dann von Karl Marx. Ihm ist eine Grabstätte an den Nordmauern der ehemaligen protestantischen Kirche gewidmet. Diese mit zu zerstören, nein, das haben dann selbst die Kommunisten gegen den erklärten, lautstarken Willen der Bevölkerung nicht gewagt. Der Wiederaufbau des Doms war beschlossene Sache.

Inzwischen ist das Geschichtsbewusstsein um das deutsche Erbe gar soweit gediehen, dass ein Wiederaufbau des preußisch-königlichen Schlosses, von dem nur noch ein paar Kellermauern übrig sind, heiß diskutiert wird – Berlin mit seiner langen Diskussion um den Wiederaufbau des Stadtschlosses lässt grüßen.

Im Schlafzimmer des Privatmuseums „Altes Haus“ liegt eine Ausgabe der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ auf dem Nachttisch. Das Privatmuseum „Altes Haus“ lockt mit der Nachbildung einer deutschen Bürgerwohnung aus vergangenen Jahrhunderten bis zu tausend Besucher im Monat. /Eine Familie genießt die Ruhe unberührter Natur beim Ausflug in die Kurischen Nehrung. /Foto: Hans-Jürgen Burkard.

Und ein smarter Kaliningrader hat aus der deutschen Vergangenheit sein eigenes, gutes Geschäft gemacht: Alexander Bizenko hat in dem Haus einer Zentrumstraße, die wie eine Filmkulisse aus den goldenen Berliner 1920ern anmutet, eine komplette Wohnung im Stil der damaligen Zeit eingerichtet – detailgetreu bis zu „Nadel und Faden“. Zum Privatmuseum „Altes Haus“ finden zur Saison bis zu tausend Besucher im Monat.

Kaliningrad ist der einzige Fußball-WM-Ort 2018, der aus der EU auch durchaus mit dem Auto gut zu erreichen ist. Berlin ist nur gute 600 Kilometer entfernt, die russische Hauptstadt Moskau dagegen mehr als doppelt so weit. Da nimmt es kein Wunder, dass Kaliningrad im Volksmund auch bisweilen den Beinamen „Russisch-Europa“ verliehen bekommt.

Frank Ebbecke

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