Immer bereit! Oder nicht?

Für die russischen Medien war das mehr als nur eine Randnotiz: Die sowjetische Pionierorganisation hätte am 19. Mai ihren 100. Geburtstag gefeiert. Man schwelgte nur zu gern noch einmal in Erinnerungen. Es sei denn, man war eher ungewollt bei den Pionieren gewesen. So wie MDZ-Chefredakteur Igor Beresin.

Manches ist bei den heutigen Pionieren dann doch anders als zu Sowjetzeiten: Aufnahme von Mädchen und Jungen in die Pionierorganisation der Kommunistischen Partei Russlands auf dem Roten Platz. (Foto: Sofja Sandurskaja/AGN Moskwa)

Der Sommer bei Oma auf dem Dorf durfte nicht einfach nur unbeschwert sein. Dass ich, der neunjährige Moskauer Junge, in meinen großen Ferien im Fluss badete, mit den einheimischen Kindern herumstromerte, ganze Schüsseln voller Kirschen aß und die Kerne ins Brennnesselgestrüpp spuckte – schön und gut. Aber der Junge musste lesen. Das passende Buch hat sich in jenem Sommer gefunden. Von seinen Helden war ich dermaßen begeistert, dass ich am liebsten einer von ihnen geworden wäre – den Pionieren. Der gleichnamige Roman von James Fenimore Cooper ließ mich von einer Hütte am See, von der Jagd mit einer langen Flinte und von Freundschaften mit Indianern träumen. Leider verlief mein weiterer Lebensweg ziemlich weit an den Großen Seen vorbei. Das hat mich allerdings nicht daran gehindert, Pionier zu werden, so wie die allermeisten sowjetischen Schüler.

Dieser Tage hätte die Pionier­organisation ihren 100. Jahrestag gefeiert. Menschen über 45, die noch selbst die roten Halstücher, Käppis, Abzeichen und sonstige Attribute getragen haben, erinnern sich aus diesem Anlass zurück. Meist wird ihnen dabei warm ums Herz. Das liegt überhaupt im Trend: Selbst wer gar nicht in der Sowjet­union gelebt hat (vielleicht gerade deshalb), schwärmt von jener Zeit. Für die Pioniere gilt das ganz besonders: Sie sind ein Synonym für die glückliche sowjetische Kindheit, für Wanderungen und Lagerfeuer.

Erste echte Lebensschule

Dass dahinter eine Ideologie stand, wird gern außer Acht gelassen. Bei seiner Aufnahme in die Organisation musste der Pionier geloben, „zu leben, zu lernen und zu kämpfen, wie uns der große Lenin aufgetragen hat, wie uns die Kommunistische Partei lehrt“. Im Pionier­statut war die Rede von den jungen Erbauern des Kommunismus, die den Kommunisten nacheifern würden. Logisch, wem hätten sie auch sonst nacheifern sollen? Andere Parteien gab es nicht.

Aber Äußerlichkeiten, Forma­lien und Rituale sind gar nicht der springende Punkt. Die Pionierzeit stellte eine erste echte Lebensschule in der Sowjetunion dar. Zwar waren da noch die Oktoberkinder, ebenfalls junge Erbauer des Kommunismus, aber noch sehr kleine. Mit neun Jahren wurde die Mitgliedschaft in der Organisation automatisch beendet.

Pioniere hingegen mussten bereits wissen, dass das Kollektiv jedes Recht hatte, Details aus dem Privatleben jedes Mitglieds zu besprechen. Und das war nur der Anfang. Auf Komsomol- oder Parteiversammlungen wurde das „moralische Antlitz“ derer, die irgendwie aus der Reihe tanzten, zur Diskussion gestellt. „Wenn du einen Kameraden runterziehst, dann schüttelt er sich und geht seiner Wege. Aber wenn das Kollektiv dich runterzieht, dann bist du erledigt.“ So sagte man damals.  

„Freiwillig unfreiwillig“

Das Dasein eines Pioniers war vom ersten Tag an eine Illustration der sowjetischen Verhältnisse. Schon im jungen Alter lernten die Kinder, was „freiwillig unfreiwillig“ bedeutet. Das System war so aufgebaut, dass man „freiwillig“ Dinge tat, die man gar nicht tun wollte und zu denen man auch nicht verpflichtet war, wozu man sich aber trotzdem gezwungen sah. Dazu gehörte auch der Eintritt in Organisationen, in die einzutreten man eigentlich überhaupt nicht die Absicht hatte.

Aber manchmal war im System eine Schraube locker. Der Autor dieses Textes trat nicht in der dritten Klasse in die Pioniere ein, wie sich das eigentlich gehörte. Dabei hatte ich alle Chancen, mit der ersten Garnitur aufgenommen zu werden  – inklusive Fahrt zum Lenin-Museum und Besuch des Lenin-Mausoleums. Aber aus irgendeinem Grunde klappte das nicht. Und dann wollte ich nicht mehr. Schon damals kam mir das alles auch irgendwie unaufrichtig vor. Und so verdarben ich und noch einige weitere Mitschüler den Lehrern die Statistik. Die Harmonie war erst in der fünften Klasse wiederhergestellt. Als es keiner mehr von uns erwartete, entschied eine ganze Gruppe von Taugenichtsen, dass wir nun auch dem Pionierkollektiv angehören wollten. Vom Mausoleum konnte keine Rede sein, die Aufnahme erfolgte im Klassenzimmer, mein Schulbanknachbar lieh mir dafür sein Halstuch.

Die meisten machten gern mit

Die Lehrer waren zufrieden und wir auch: Denn wir wurden an diesem Tag vom Unterricht befreit, was auch der Plan war. So kamen wir um zwei gefürchtete Klassenarbeiten herum. Die Halstücher trugen wir höchstens drei Tage. Aber das hat schon niemanden mehr interessiert.

Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Die große Mehrheit der Kinder trat nur zu gern den Pionieren bei. Dafür strengte man sich in der Schule an, nahm an allen erdenklichen Sportwettkämpfen teil und sammelte Tonnen von Altpapier und -metall. Den Besten winkten Reisen in die Pionierlager „Orljonok“ und „Artek“ am Schwarzen Meer. Ein Abenteuer, das ohne Weiteres die Tatsache wettmachte, es nicht den Pionieren aus dem Roman von Cooper gleichtun zu können.

Früher war alles besser

Die Nostalgie der Pioniere von einst, die längst selbst Eltern sind, ist nicht verwunderlich, schon aus praktischen Gründen. Damals unterhielt jeder sowjetische Betrieb sein eigenes Pionierlager. Für den Aufenthalt dort musste ein symbolischer Betrag entrichtet werden. Den Löwenanteil der Kosten trug die Gewerkschaft. Für die heutigen Ferienlager muss in der Regel viel tiefer in die eigene Tasche gegriffen werden. 

Ähnlich verhält es sich mit den Pionierhäusern (oder Pionierpalästen, wie sie häufig hießen). Die gab es in jedem Stadtbezirk, also quasi um die Ecke. Und sie boten eine Unmenge an Freizeitbeschäftigungen, Zirkeln und Sektionen. Natürlich kostenlos. Heute finden solche außerschulischen Aktivitäten immer häufiger auf kommer­zieller Grundlage statt.

Die Pioniere wiederaufleben zu lassen, scheint verlockend. Initiativen von staatlicher oder staatsnaher Seite hat es schon zur Genüge gegeben, auch jetzt zum Jubiläum wieder. Zudem nimmt die Kommunistische Partei Russlands einmal im Jahr auf dem Roten Platz in Moskau Jungpioniere auf. Bei der Siegesparade am 9. Mai marschieren Mitglieder der „Junarmija“ in ihren Uniformen über denselben Platz. Doch zu Massenbewegungen können solche Neuauflagen kaum werden, solange der Beitritt zu ihnen nicht wieder mittels „freiwilligem Zwang“ erfolgt.


Das staatliche Meinungsforschungsinstitut WZIOM hat in einer Telefonumfrage Eltern von Schülern gefragt, was sie von der sowjetischen Pionierorganisation halten. Ergebnis: 92 Prozent bewerten deren Tätigkeit positiv, nur vier negativ.

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