IK-2: Sittengemälde eines Lagers

Das Innenleben der Strafkolonie, in der Kremlgegner Alexej Nawalny eine Freiheitsstrafe verbüßt und sich im Hungerstreik befindet, beschäftigt die Öffentlichkeit im In- und Ausland. Die Haftbedingungen am eigenen Leib erlebt hat der Nationalist Dmitrij Djomuschkin. Vor zwei Jahren sprach er mit dem Staatssender RT ausführlich darüber.

Berüchtigt: das Straflager Nr. 2 in Pokrow, Region Wladimir. (Foto: RT)

Ein bisschen Deutschland ist auch in Pokrow. Das „Besserungslager“ IK-2 gut 100 Kilometer östlich von Moskau in der Region Wladimir liegt in der Franz-Stollwerck-Straße. Benannt ist sie nach dem Unternehmensgründer des ehemaligen Kölner Süßwarenherstellers Stollwerck, der in Pokrow 1997 eine Schokoladenfabrik eröffnete. Vier Jahre später wechselte sie mit dem US-Konzern Kraft Foods den Besitzer. Schokolade wird in der Kleinstadt auch weiterhin produziert, ein Schokoladenmuseum buhlt darum, dass Durchreisende einen Zwischenstopp einlegen.

Doch nicht mit seiner Schokoladenseite schafft es Pokrow regelmäßig auch in die überregionalen Nachrichten. Es ist die Strafkolonie Nr. 2 mit ihren mal mehr, mal weniger prominenten Häftlingen, die Schlagzeilen macht. Bis der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny hier eingeliefert wurde, war der wohl bekannteste Dmitrij Djomuschkin, ein ehemals führender Kopf der nationalistischen Szene. Ein Gericht stufte Veröffentlichungen des heute 41-Jährigen in sozialen Netzwerken als extremistisch ein und verurteilte den Mitbegründer der Bewegung „Russkije“ 2017 zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft. Nach seiner Entlassung sprach Djomuschkin im März 2019 mit dem TV-Sender RT über die Haftbedingungen im IK-2 und speziell im „Sektor A für verstärkte Kontrolle“, wo heute auch Nawalny einsitzt. Nachfolgend einige Auszüge in deutscher Übersetzung.

Wohin hat man Sie dann gebracht (aus dem Moskauer Untersuchungsgefängnis „Matrosenstille“ – d. Red.)?

Nach Wladimir, wobei mir das bis zuletzt nicht gesagt wurde.

Warum?

Es gab Fälle, wo sich Leute die Kehle aufgeschnitten oder sich anderweitig verletzt haben, wo große Summen geflossen sind, nur um nicht dahin zu kommen. Alle wussten, dass das zu der Zeit eine der „härtesten“ Regionen im Strafvollzug war. Und das allgemeine Lager in Pokrow, wo ich letztlich gelandet bin, gilt als eines der härtesten seiner Art.

Wie lief der Transport ab?

Unter enormen Sicherheitsvorkehrungen. Ich wurde an ein Seil gekettet, das vom Auto bis zum Eisenbahnwagen gespannt war. Und drinnen ging es so weiter. Unterwegs hat sich die Wachmannschaft natürlich nach Herzenslust ausgelassen.

Sie wurden geschlagen?

Man hat mir gesagt, dass mit dem Sicherheitsvermerk, den mir die „Matrosenstille“ verpasst hat (Djomuschkin wurde eine Neigung zu Angriffen auf Beamte attestiert – d. Red.) viele am Ziel als Schwerbeschädigte ankommen. Das heißt diesen Stempel drückt man absichtlich denen auf, die besonders hart rangenommen werden sollen.

Es ging direkt nach Pokrow?

Nein, zuerst ins Untersuchungsgefängnis Nr. 1 in Wladimir. Dort hat bei der Ankunft überhaupt keiner mit mir geredet. Ich wurde von allen anderen Verurteilten getrennt und in den Karzer gesteckt, ohne dass irgendetwas gegen mich vorgelegen hätte. Ich habe während meiner gesamten Haftzeit keinerlei Strafen kassiert. Und nun saß ich in einem separaten runden Turm, wo früher Verurteilte vor der Hinrichtung durch Erschießen untergebracht waren. Dort gibt es eine kleine Zelle mit sehr niedriger Decke, die noch unter der Erdoberfläche liegt. Drinnen ist es kalt und so feucht, dass der Boden fünf Tage nicht trocknet, wenn er gewischt wird. Im Endeffekt habe ich mir eine Lungenentzündung zugezogen. Na wenigstens keine Tuberkulose.


Maria Butina hat als „russische Agentin“ 2018 sechs Monate in einem US-Gefängnis zugebracht. Anfang April war sie nun wieder in einer Haftanstalt: Mit einem Filmteam des Staatssenders RT inspizierte sie die Strafkolonie Nr. 2 im Städtchen Pokrow, nachdem die Behandlung des dort mit Abstand prominentesten Häftlings Alexej Nawalny sogar international Besorgnis ausgelöst hatte. Butina fühlte sich allerdings vielmehr an ein „Pionierlager“ erinnert, wie sie in ihrem Telegram-Kanal schrieb, bezeichnete die Einrichtung als „praktisch mustergültig“ und die Bedingungen als „asketisch, aber akzeptabel“. 


Was hat Ihnen am meisten zu schaffen gemacht (im Lager, wo Djomuschkin für die ersten acht Monate in den „Sektor A für verstärkte Kontrolle“ kam – d. Red.)?

Du stehst entweder sechs bis acht Stunden am Tag oder sitzt, das Kreuz gerade, die Beine zusammen, die Hände auf den Knien, und darfst dich nicht rühren. Für jede Bewegung, zum Beispiel, um sich an der Nase zu kratzen, braucht es die Erlaubnis der Aktivisten (Häftlinge, die mit der Lagerleitung zusammenarbeiten und dafür bestimmte Privilegien genießen – d. Red.), die alles überwachen. Reden durfte man nur bei den Hofgängen, die es aber so gut wie nicht gab und wenn, dann dauerten sie bisweilen nur zehn Minuten. Miteinander zu sprechen, war also mehr oder weniger unmöglich.

Sie haben also in diesen acht Monaten den ganzen Tag reglos gesessen oder gestanden?

Ja. Dazu war es dort sehr kalt.

So viel Kälte hatte ich überhaupt nie erlebt, obwohl ich jedes Jahr in Eiswasser bade und mich als ziemlich abgehärtet bezeichnen würde. Aber dort wurde einem nie warm. In der Baracke zeigte das Thermometer 11 Grad, manchmal waren es auch 13 Grad. Sich warm anzuziehen, war nicht gestattet. Wir schliefen in T-Shirt und Unterhose, unter einer dünnen Decke, so dass die Nachtruhe zur Qual wurde.

Du bist so erschöpft, dass du sofort einschläfst, und wachst nach ein paar Stunden frierend auf. Die einzige Freude war es, eine Tasse heißen Tee im Speiseraum zu trinken. Aber manchmal war der Tee kalt. Man könnte meinen: eine Nichtigkeit. Doch das hat dich damals wahnsinnig gemacht. 

Was gab es sonst noch an Besonderheiten in diesem Sektor?

Es war streng verboten, uns überhaupt anzuschauen. Wenn wir durchs Lager geführt wurden, mussten sich die übrigen Häftlinge abwenden. Alle zwei Stunden kam ein Mitarbeiter zu mir, und was auch immer ich gerade tat, hatte ich loszulegen: „Der Verurteilte Djomuschkin Dmitrij Nikolajewitsch, geboren 1979, verurteilt nach Artikel 282, Paragraf 1, zwei Jahre und sechs Monate, Haftbeginn 21.10.2016, Haftende 20.4.2019, neigt zu Extremismus und Terrorismus, zu Angriffen auf Sicherheitsbeamte, Gruppe soundso.“ Nachts sah das so aus, dass ein Mitarbeiter jede Stunde meine Decke anhob und mir mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtete. Manchmal bin ich aufgewacht und konnte dann nur scheibchenweise schlafen. Aber man gewöhnt sich an alles.

Wie verhielt es sich unter diesen Umständen mit Konflikten oder Freundschaften untereinander?

Wenn Sie sich noch nicht einmal unterhalten oder anschauen dürfen, dann sind auch Konflikte ausgeschlossen. Genauso wenig können Sie sich mit jemandem anfreunden oder zusammentun.

Sie werden von früh bis spät auf Trab gehalten, erfüllen alle Befehle im Laufschritt, mit gesenktem Kopf, mit den Händen auf dem Rücken. Künstlich wird eine Situation erzeugt, als ob Sie ständig spät dran sind. Sie haben anderthalb Minuten, um das Bett zu machen, anderthalb Minuten, um sich anzuziehen, anderthalb Minuten, um anzutreten. Alles muss schnell gehen, alle rennen, ständig wird geschrien.

Und Sie leben in dieser künstlich geschaffenen Anspannung, so dass Ihnen alle und alles gestohlen bleiben können.

Sie bekommen keinen Löffel, Sie bekommen keinen Stift, man darf nichts Eigenes haben. Der Stift zum Briefeschreiben wird Ihnen für 15 Minuten ausgehändigt. Eigentlich sollte das täglich der Fall sein, aber bei uns waren diese 15 Minuten einmal in der Woche. So habe ich fünf Wochen gebraucht, um einen Brief zu beantworten. 

Nach Ihren Worten zu urteilen, hatten Sie es schwerer als Lebenslängliche in Lagern mit verschärften Bedingungen.

Von uns sind Leute zur Häftlings-Olympiade gefahren. Unter den Teilnehmern waren auch solche aus Lagern mit strengem Regime. Die haben gesagt, dass Pokrow die Hölle ist und die Verhältnisse unmenschlich sind.

Übersetzung: Tino Künzel

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