Himmler als Höhepunkt

Im August druckte die Bild-Zeitung Dienstkalender-Einträge von Obernazi Heinrich Himmler, die vom Deutschen Historischen Institut (DHI) Moskau in Podolsk entdeckt wurden. Wie die Arbeit im Zentralen Archiv des russischen Verteidigungsministeriums unweit von Moskau aussieht, haben wir DHI-Mitarbeiter Matthias Uhl gefragt.

Himmler Kalender Russland

Matthias Uhl stellt sich in Podolsk der Presse / DHI Moskau

Die Nachricht über die veröffentlichten Dienstkalender von Himmler ging um die Welt. Hat Sie das überrascht oder haben Sie mit so einer Resonanz gerechnet?

Ja, zweifellos. Es war auf keinen Fall abzusehen, dass die Ankündigung auf ein geradezu weltweites Interesse stößt. Auch das große Interesse der russischen Seite hat letztendlich überrascht. Letztlich beweist das starke Medieninteresse aber auch, dass es richtig ist, die Diensttagebücher Himmlers in kommentierter Form herauszugeben.

Schlummern noch vergleichbare „Schätze“ im Archiv von Podolsk?

Die Diensttagebücher Himmlers für die Jahre 1943-1944 und 1938 sind schon ein „Highlight“. Nachdem wir einen ersten Überblick über die Akten gewonnen haben, sind ähnlich spektakuläre und umfangreiche Funde weitgehend auszuschließen. Das heißt jedoch nicht, dass in den Akten nicht noch das eine oder andere unbekannte Dokument auftauchen wird. Wir sind als Wissenschaftler jedoch nicht auf der Jagd nach einzelnen, prominenten Dokumenten. Für uns ist eher von Interesse, dass in Podolsk Bestände lagern, die die Überlieferung im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg ergänzen und zudem einen Blick in Unterlagen gewonnen werden kann, der vor allem für die bessere Erforschung der zweiten Kriegshälfte unverzichtbar ist.

Wie kann man sich die Digitalisierung der Dokumente vorstellen?
Himmler Kalender Russland

Beim Scannen der Dokumente aus der NS-Zeit / DHI Moskau

Zunächst wählen wir aus dem Gesamtbestand von den mehr als 28 000 deutschen Akten in Podolsk ein entsprechendes Aktenverzeichnis aus, das bearbeitet werden soll. Nach der Auswahl beginnen zunächst die Sichtung der ausgewählten Akten und deren Vorbereitung für die Digitalisierung. Es werden fehlende Blattnummern ergänzt, einzelne Aktenstücke falls nötig restauriert, die Einbände aktualisiert. Dann werden die Akten an die Digitalisierungsabteilung gegeben und gescannt. Anschließend erfolgen die nötigen Bearbeitungsprozesse und dann werden die gescannten Dokumente auf die Webseite eingearbeitet.
Gleichzeitig zu diesem technischen Prozess erfolgt eine wissenschaftliche Prüfung jeder Akte. Dann werden die aktualisierten Angaben zu den Akten – die sogenannten Metadaten – mit den Scans zusammengeführt. Dieser Prozess wiederholt sich für jede einzelne Akte und ist natürlich entsprechend arbeitsintensiv.

Wie sieht in Podolsk die Zusammenarbeit mit den Russen aus?

Wir arbeiten eng mit den russischen Partnern im Verteidigungsministerium und im Archiv in Podolsk zusammen. Ohne das große Engagement der russischen Seite wäre dieses Projekt gar nicht zu realisieren. Die Mitarbeiter des Archivs leisten in der Frage der Digitalisierung der dort befindlichen deutschen Bestände außerordentlich viel und sind unverzichtbarer Bestandteil des Vorhabens.

Und wer hat das letzte Wort, wenn es um die Bekanntgabe von Funden zur NS-Zeit geht?

Über die Veröffentlichung entscheiden die am Projekt beteiligten Wissenschaftler. Zudem ist an dieser Stelle festzuhalten, dass die Akten formell nicht als geheim eingestuft waren oder sind, weshalb der Zugang eigentlich keinen Beschränkungen unterliegt. Gleichwohl ist es vor allem für westliche Historiker schwierig, im Archiv des Verteidigungsministeriums zu arbeiten, weshalb wir uns ja auch für den unbeschränkten Zugang zu den Dokumenten über eine entsprechende Webseite entschieden haben. Dass mittlerweile mehr als 1,8 Millionen Nutzer diese Seiten besucht haben, spricht für ein großes Interesse daran.

Werden wir wirklich Neues über den NS-Staat und den Zweiten Weltkrieg erfahren?

Im Moment ist das DHI – mit seinem relativ kleinen Mitarbeiterstab – so in die Bearbeitung der zu digitalisierenden Akten eingespannt, dass eine wissenschaftliche Auswertung leider bislang nur punktuell möglich ist. Deshalb strebt das DHI hierfür auch ein umfangreicheres Forschungsprojekt an. Mehr als 70 Jahre NS-Forschung werfen die Akten natürlich nicht über den Haufen, aber sie geben in bestimmten Fragen mehr Tiefenschärfe. Viel verspreche ich mir vor allem zur Untersuchung der zweiten Hälfte des Krieges, besonders an der Ostfront, hier sind durchaus Ergebnisse zu erwarten, die über bislang Bekanntes hinausgehen werden.

Die Fragen stellte Michael Lechner

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