Wie Moskau zur Hauptstadt der Elektrobusse wurde

Nirgends in Europa sind mehr Elektrobusse unterwegs als in Moskau. Die russische Hauptstadt betreibt die Modernisierung des Busverkehrs im Eiltempo. Ab diesem Jahr werden keine neuen Dieselbusse mehr gekauft. Die Elektrobusse werden nun zum Teil direkt in Moskau endmontiert.

Elektrobusse in Moskau
Bald sollen eintausend Elektrobusse der Marken KamAZ und LiAZ in Moskau unterwegs sein. (Foto: Mosgortrans)

Eintausend Elektrobusse sollen bis Anfang nächsten Jahres auf Moskaus Straßen unterwegs sein. Schon jetzt steht Russlands Hauptstadt mit über 900 Exemplaren europaweit an erster Stelle, wenn es um batteriebetriebene Busse geht. Die blauen Fahrzeuge mit dem Schriftzug „Das ist ein Elektrobus“ werden mittlerweile von fünf Depots auf 65 Linien eingesetzt und sind fast überall im Stadtgebiet zu sehen.

Dabei begann das Elektrobus-Zeitalter in Moskau erst vor knapp über drei Jahren, und das auch noch mit einem Holperstart. Am 1. September 2018 ging die erste Linie in Betrieb. Die Eröffnungsfahrt mit Bürgermeister Sergej Sobjanin und einer Schülergruppe an Bord endete mit einer Panne. Spott und Häme entluden sich in sozialen Netzwerken, insbesondere bei Moskauern, die gerne den Trolleybus behalten hätten. Doch seine Kinderkrankheiten hat der Moskauer Elektrobus heute längst hinter sich gelassen.

Busse von KamAZ und LiAZ

Die ersten Lieferungen gingen auf eine Ausschreibung von Mai 2018 zurück. Die beiden russischen Hersteller KamAZ und GAZ konnten je ein Los für sich entscheiden. Die KamAZ-Busse werden von der Tochterfirma Nefaz gefertigt, deren Sitz sich in Neftekamsk in Baschkortostan befindet. Die Busse aus dem Hause GAZ firmieren unter der Traditionsmarke LiAZ, die seit 2005 Teil des Konzerns ist. Das Werk befindet sich in Likino-Duljowo in der Region Moskau.

Mit den Verträgen verpflichteten sich die beiden Hersteller zur Lieferung von je 100 Elektrobussen und zur Installation von je 62 Ladestationen. Es handelt sich um Life-Cycle-Verträge, bei denen die Hersteller die Wartung der Fahrzeuge übernehmen und deren Verfügbarkeit für 15 Jahre garantieren.

60,7 Tonnen CO2 im Jahr weniger als ein Dieselbus

Gegenüber einem Dieselbus soll ein Elektrobus 60,7 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr einsparen. Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass durch die Neuanschaffungen von Elektrobussen in den kommenden Jahren 86.000 Tonnen CO2 pro Jahr weniger ausgestoßen werden. De facto kommt der Vorteil des Elektrobusses jedoch erst dann zum Tragen, wenn die rund 1500 seit 2014 außer Betrieb genommenen Trolleybusse ersetzt sind.
Auf technischer Seite entschied sich Moskau für ein Schnelllade­system.

Während Elektrobusse wie etwa der E-Citaro von Mercedes über Nacht per Kabel geladen werden und eine relativ große Reichweite haben, sind die Moskauer Busse auf häufiges Nachladen im laufenden Betrieb ausgelegt. Dies erfolgt über Stromabnehmer an Ladestationen.

Ladestationen an den Enthaltestellen

Artjom Burlakow, Leiter der Abteilung für Energie und innovative Projekte bei Mosgortrans, der Moskauer Nahverkehrsgesellschaft, erläutert gegenüber der MDZ die Details: „Die Busse sind mit Lithium­titanat-Akkus ausgestattet, welche sich besonders schnell laden lassen.“ Ein kompletter Ladevorgang dauere 24 Minuten, doch das komme im Alltag praktisch nicht vor. „In der Praxis werden die Akkus nicht komplett entleert, daher dauert ein Ladevorgang inklusive Parkmanöver zwischen zehn und 15 Minuten“, so Artjom Burlakow.

Die mittlerweile über 150 Ladestationen sind im ganzen Netz verteilt, üblicherweise an den Endstationen der Linien. Die Instandhaltung der Ladestationen ist ebenfalls Teil des Life-Cycle-Vertrags. Mit einer Ladung kommt ein Bus theoretisch etwa 70 Kilometer weit. In der Praxis wird früher geladen.

Verhältnismäßig teures System

Da die technischen Vorgaben der Ausschreibung sehr eng waren, sind die in Moskau eingesetzten Modelle Kamaz-6282 und LiAZ 6274 weitgehend identisch. „Wir sind prinzipiell für alle Hersteller offen“, sagt Artjom Burlakow. Da Mosgortrans jedoch ein Unternehmen in öffentlicher Hand sei, müsse die Produktion lokalisiert werden. Das mache es für ausländische Hersteller schwierig.

Bislang ging ein weiteres Los über 100 Fahrzeuge an GAZ, während KamAZ sich den Rest der Aufträge sichern konnte. Das System sei verhältnismäßig teuer und daher nicht für jede Stadt geeignet, so Artjom Burlakow. In St. Petersburg setze man beispielsweise auf einen Mischbetrieb mit herkömmlichen Trolleybussen. Die dortigen Elektrobusse laden ihre Batterien im Oberleitungsnetz und befahren andere Strecken mit der Energie aus dem Akku.

Neues Elektrobuswerk in Moskau

Der nächste Schritt in Richtung Elektrobus-Hauptstadt erfolgte im April dieses Jahres. Um einen Teil der Wertschöpfung nach Moskau zu holen, wurde die Endmontage der KamAZ-Elektrobusse teilweise hierher verlegt. Sie erfolgt jetzt im Fahrzeugwerk Sokolniki unter der Regie der KamAZ-Tochter Nefaz.

Ein Teil des über 100 Jahre alten Werks wurde grundlegend modernisiert. Es entstanden über 100 Arbeitsplätze, bis 2023 sollen noch einmal so viele dazukommen. Pawel Kiseljow, Qualitätsmanager bei Nefaz, führt durch die Werkshalle. „Die Vormontage erfolgt in Neftekamsk, hier wird schließlich die ganze Technik eingebaut, die Steuerung, die Elektronik und auch die Inneneinrichtung“, erzählt er. Es fänden rund 40 Prozent der Arbeiten hier in Moskau statt, die aber zugleich 60 Prozent der Kosten ausmachen würden, so Pawel Kiseljow. Das komme auch dem Stadthaushalt in Form von Steuern zugute.

Ein Elektrobuswerk für Moskau

Rund zehn Elektrobusse stehen in der Halle, letzte Arbeiten werden vorgenommen. Einer wird gerade daraufhin getestet, ob alle Dichtungen korrekt verarbeitet sind. „Bei so viel Elektronik darf bei Regen kein Wasser eindringen“, so der Fachmann. Daher wird der Bus in einer Kammer von allen Seiten mit Wasser besprüht. Das Werk ist laut Pawel Kiseljow für die Auslieferung von bis zu 500 Bussen im Jahr ausgelegt.

Elektrobusse in Moskau
Letzte Arbeiten an neuen Elektrobussen im Werk in Sokolniki (Foto: Jiří Hönes)

Zugleich wird weiter an technischen Neuentwicklungen gearbeitet. Noch gibt es nämlich nur einteilige Elektrobusse in Moskau, doch ein Gelenkbus befindet sich bei KamAZ und Nefaz in Vorbereitung. Das Modell KamAZ-6292 soll demnächst in Serie gehen.

Keine neuen Dieselbusse mehr

Seit November läuft zudem ein Versuch mit einer neuen Technik für die Ladestationen. Dabei kommt der Bus ohne Stromabnehmer auf dem Dach aus. Dort befinden sich nur Kontakte. Stattdessen senkt sich ein sogenannter invertierter Stromabnehmer aus der Ladestation herab. Man verspricht sich dadurch Gewichtseinsparungen beim Bus und somit weniger Energieverbrauch.

Schon ab diesem Jahr hat Mosgortrans die Beschaffung neuer Dieselbusse eingestellt und kauft nur noch Elektrobusse. Ab 2030 soll die gesamte Busflotte elektrisch sein. Die besteht derzeit immerhin aus rund 9000 Fahrzeugen.

Artjom Burlakow von Mosgortrans gibt sich optimistisch, dass das Ziel sogar schon vorher erreicht wird. Dann ist Moskau endgültig die Elektrobus-Hauptstadt Europas.

Jiří Hönes

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