Fromm und fröhlich: Zu Besuch bei den Russen von Rumänien

Dass es eine russische Minderheit in Rumänien gibt, hat seinen Grund im Moskauer Kreml: Der dortige Patriarch Nikon stieß im 17. Jahrhundert Kirchenreformen an, denen sich viele jedoch entschieden widersetzten. Diese sogenannten Altgläubigen flüchteten vor Verfolgung in entlegene Winkel des Zarenreichs, manche sogar ins Ausland. Die Lipowaner fanden Zuflucht im schwer zugänglichen Donaudelta. Dort leben sie bis heute.

Tür eines Lipowaner-Hauses im rumänischen Fischerdorf Jurilowka (Foto: Irina Radu)

Wer in die Dobrudscha reist, Rumäniens Schwarzmeerregion, der kann die Lipowaner praktisch gar nicht verfehlen. Es sind nicht mehr die bärtigen Männer von imposanter Statur, die in klassischen Holzbooten durch das Wasser der Donau streifen, wie sie der rumänische Schriftsteller Geo Bogza in der Zwischenkriegszeit beschrieb. Man wird aber auf ihre Nachkommen stoßen. Es sind gesellige Menschen, die ihren Glauben, ihre Sprache und die Gewohnheiten ihrer Vorfahren beibehalten.

30.000 bis 40.000 Angehörige soll die Minderheit heute haben, deren Name wohl von „Lipa“ abgeleitet ist, dem russischen Wort für die Linde. Sie sprechen ein archaisches Russisch, in das über die Jahrhunderte Lehnwörter aus dem Türkischen oder Rumänischen eingeflossen sind. Von Russen aus Russland würden sie bei einer einfachen Unterhaltung aber immer noch verstanden, sagt Galina Teleucă, Vize-Bürgermeisterin des Fischerdorfs Jurilowka.

Lebensalltag im Wandel

Das Lipowaner-Dorf Jurilowka wurde an der Schwelle zum 19. Jahrhundert gegründet. Ursprünglich war es ein Weiler, entwickelte sich aber nach und nach zum größten Fischerdorf im Donaudelta. Die malerischen schilfgedeckten Häuser der Lipowaner mit ihren weiß-blau gestrichenen Fassaden sind nicht zu übersehen. Die eng beieinander stehenden Gebäude zeichnen sich auch durch das perforierte Holzdekor am Giebel aus. Der Ort erfreut sich nicht zuletzt bei Touristen großer Beliebtheit. 2015 wurde er zum Kulturdorf Rumäniens erklärt und damit die Pflege von Tradition und Handwerk gewürdigt.

Ein älterer Lipowaner im traditionellen Gewand (Foto: Mirko Cecchi)

Der Bau von Booten, Angelzubehör, Weidenkörben oder Netzen spielt bis heute eine Rolle für die Gemeinschaft. Doch die Bedeutung des Fischfangs hat stark abgenommen. „Vor 20 Jahren gab es bei uns noch 500 Fischer, heute sind es 30“, so Vize-Bürgermeisterin Teleucă. Viele seien auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben gen Westen weitergezogen. Auch Russland lockte die Lipowaner mit zwei Repatriierungsaktionen während des 20. Jahrhunderts in die alte Heimat. Tatsächlich hätten sich mehrere tausend Menschen aus der Dobrudscha daraufhin in der Region des Asowschen Meers angesiedelt, erzählt Teleucă. Doch für die meisten sei der Westen eine zu große Versuchung. Wenn sie schon auswanderten, dann nicht nach Russland. „Viele fischen heute in schottischen und irischen Gewässern.“

Altslawische Lieder beim Gottesdienst

In den traditionellen Fischerdörfern an der Donau gewinnen der Gemüseanbau, die Imkerei und der Tourismus mehr und mehr an Stellenwert. Wichtig bleibt für die Altgläubigen der Kirchenbesuch, besonders an religiösen Feiertagen, die wie in Russland nach dem julianischen Kalender begangen werden und dadurch mit zweiwöchiger Verschiebung gegenüber dem gregorianischen Kalender. Frauen tragen in der Kirche mit Blumen gemusterte Kopftücher, lange und weite Röcke sowie einen speziellen bunten Wollgürtel mit Quasten an den Enden. Für Männer sind lange Hosen und lange, in der Mitte von einem Gürtel zusammengehaltene Hemden üblich. Begleitet wird der Gottesdienst von altslawischen Liedern.

Kirchdach im Fischerdorf Jurilowka (Foto: Irina Radu)

Anschließend trifft sich die Familie bei Tisch. Ihre Leidenschaft fürs Kochen zeigt sich, wenn die Lipowaner Gäste bewirten. Dann werden Schtschi-Suppe, Kohl, Pschownik (Milchreis), Teigtaschen oder Pfannkuchen mit Käse, Jarkowia aus eingelegten Gurken und das Fischgericht Malasolka aus der Küche gezaubert. Die Lipowaner mögen fromme Menschen sein, aber sie wissen auch, wie man seinen Spaß hat, zum Beispiel beim Tanz zur Harmoschka, dem Akkordeon. 

Volkskunst gibt es bei Valentina Koker aus Jurilowka zu kaufen, die sie auch selbst herstellt, etwa Kopfschmuck und Kostümteile aus Samt oder Seide. „Die traditionelle Frauentracht weist noch einige alte Elemente auf, aber auch großstädtische Modetrends des 19. und 20. Jahrhunderts sind zu spüren“, sagt sie. Koker hat in Jurilowka ein Ausbildungszentrum für künftige Kunsthandwerker eingerichtet. Hier wird ihnen unter anderem beigebracht, wie man Perlen auf Ornamente aufbringt.

Volkskunst, gefertigt von Valentina Koker (Foto: Valentina Koker)

Bedrohte Identität

Im Rumänien von Ex-Staatschef Nicolae Ceaușescu wurden die Lipowaner nicht anerkannt. Sie konnten sich nicht einmal russischsprachige Lehrbücher besorgen. Erst nach der rumänischen Revolution von 1989 und Ceaușescus Tod wurde die Gemeinschaft der Lipowaner gegründet. Heute ist sie in mehreren Städten Rumäniens und im Parlament vertreten, verfügt auch über einen eigenen Verlag und eine Druckerei.

„Leider gehen bestimmte Traditionen langsam verloren“, meint Claudia Osip, eine junge Frau aus Ghindărești in der Dobrudscha. Gerade aus ihrer Generation wanderten viele in die Städte ab. In gemischten Familien wird immer mehr Rumänisch gesprochen. Aber russische Sprach- und Literaturkurse sind immer noch beliebt. An den Schulen der Lipowaner wird auf Russisch unterrichtet. Und wie in Russland wird auch nach wie vor Masleniza gefeiert, die „Butterwoche“. Bevor die Fastenzeit vor Ostern beginnt, ziehen in der Dobrudscha dann Frauen und Kinder durch die Dörfer und singen russische Lieder.

Irina Radu

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