Festival geschlossen, Autoren ausgeladen

Ende des Jahres wurden in zwei großen russischen Städten ein Fest und mehrere Auftritte von Personen des öffentlichen Lebens auf einer Buchmesse abgesagt. Kritiker vermuten nicht zuletzt ideologische Gründe dahinter. Was war dabei so „rechtswidrig“?

GES-2 war wegen der Absage vieler Auftritten halbleer. (Foto: Alexandr Awilow/AGN Moskwa)

Die Absage des „Nekrokomikkon“-Festivals, das für den 1. und 2. November 2025 in St. Petersburg geplant war, avancierte zu einem der meistdiskutierten Kulturereignisse des Herbstes. Die zweitägige Veranstaltung, die Fans von Comics, düsterer Ästhetik, Horror und alternativer Kultur zusammenbringen sollte, endete fast unmittelbar nach ihrer Eröffnung.

Genehmigt – und doch verboten

Die Gründe für die Absage lagen nicht in organisatorischen Fehlern, sondern im Eingreifen der Stadtverwaltung und der Polizei, wodurch die Veranstaltung eine politische und ideologische Dimension erhielt.

Das Festival hatte im Vorfeld die Genehmigung des zuständigen Komitees erhalten, und die Vorbereitungen verliefen wie gewohnt. Doch bereits einen Tag vor Beginn traten erste Probleme auf: Die Polizei nahm den Veranstalter von „Nekrokomikkon“ fest, und Fahrzeuge mit Dekoration wurden von Sicherheitskräften blockiert. Am Eröffnungstag herrschte auf dem Gelände die für solche Veranstaltungen typische Atmosphäre – Kostüme, Künstlerstände und Performances.

Kurze Zeit später verkündete der Veranstalter jedoch, dass die Genehmigung widerrufen worden sei und das Festival noch am selben Tag abgebrochen werden müsse. Die Besucher wurden gebeten, das Gelände zu verlassen, und ihnen wurde eine Rückerstattung versprochen.

„Destruktiv“ oder einfach dunkel?

Die offiziellen Erklärungen ließen sich auf mehrere Theorien reduzieren. Die Behörden behaupteten ihrerseits, das Festivalformat, wie es in den sozialen Medien und in Werbematerialien dargestellt wurde, entspräche nicht dem genehmigten Format. Sie warfen den Veranstaltern außerdem die mögliche Zurschaustellung „destruktiver“ Symbole vor und deuteten eine Verbindung zwischen einigen Gestaltungselementen und extremistischen Ideologien an.

Die Bezirksverwaltung beharrte darauf, dass die Organisatoren die „wahren Ziele“ der Veranstaltung nicht überzeugend dargelegt hätten und die Absage daher unausweichlich gewesen sei.

Die Organisatoren von „Nekrokomikkon“ ihrerseits beteuerten, alle Dokumente seien ordnungsgemäß erstellt worden, das Festivalthema sei traditionell für die alternative Kultur und verstoße nicht gegen das Gesetz. All die Vorwürfe sind demnach ein Versuch, „die Bedeutung der Veranstaltung zu verzerren“.

Die Absage des Festivals erwies sich als schwerer Schlag für die Comic- und Horror-Community, die solche Veranstaltungen als seltene Gelegenheit zum Austausch schätzt. Viele Besucher brachten ihre Empörung zum Ausdruck und hielten die Entscheidung der Behörden für übertrieben und voreingenommen. Im Netz wurde diskutiert, dass solche Vorfälle einen Präzedenzfall schaffen könnten: Jede Veranstaltung mit unkonventioneller Ästhetik laufe Gefahr, des „Extremismus“ oder eines Verstoßes gegen die öffentliche Moral verdächtigt zu werden.

Freier Dialog, eingeschränkt

Anfang November gab es auch eine weitere fragwürdige Absage einer Veranstaltung in Russland. Das Moskauer Kulturzentrum GES-2, in dem eine Buchmesse stattfand, strich einige Verlage und Autoren aus dem Programm.

Laut offizieller Mitteilung veranlassten „programmatische und organisatorische Gründe“ das Projektteam, mehrere Stände und Veranstaltungen abzusagen.

Unter den abgesagten Rednern war die Dichterin Olga Sedakowa, die ihr Buch „Franziskus und seine Brüder“ vorstellen sollte. Ihren Angaben zufolge sagten die Organisatoren die Veranstaltung „auf Wunsch von Z-Bloggern“ ab (die Russlands Vorgehen in der Ukraine stark unterstützen). Auch der Auftritt einer Kulturwissenschaftlerin sowie weiterer Autoren wurden aus dem Programm gestrichen.

Besonders viel Aufsehen erregte der Verlag „Individuum“: Eine Stunde vor Messebeginn, so der Verlag, hätten die Organisatoren verlangt, „alle Waren sofort vom Stand zu entfernen“. Auch der „Samokat“-Verlag wurde angeblich „wegen einer Sicherheitsbedrohung“ von der Teilnahme ausgeschlossen.

GES-2 erklärte die Situation damit, dass das Festival regelmäßig angepasst werde und Ablehnungen Teil des internen Prozesses seien. Und das, obwohl es zum Ziel der Buchmesse hieß, man wolle verschiedene Buchgemeinschaften zusammenbringen: Leser, Autoren, Illustratoren, unabhängige Verlage und all jene, die „Bücher ermöglichen“.

Kritiker sehen in der Absage jedoch mehr als nur „organisatorische Schwierigkeiten“. Für einige würden Behauptungen über Sicherheitsbedenken Druck und Zensur darstellen. Beobachtern zufolge hat GES-2 zu schnell externen Angriffen nachgegeben und damit die Idee des Festivals als Raum für freien kulturellen Dialog infrage gestellt – insbesondere im Hinblick auf „unbequeme“ oder unabhängige literarische Stimmen.

Viktoria Nedaschkowskaja

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