Eine Stadt, aus Holz gemacht

Tomsk ist in etwas so groß wie Dresden oder Bremen. Holzhäuser sind in der sibirischen Stadt deshalb natürlich eine Minderheit. Aber was für eine! Sie verleihen Tomsk sein besonderes Flair. Auch dem Deutschen Matthias Frey, der in dieser Regionalhauptstadt lebt, haben sie es angetan. In seiner MDZ-Kolumne schreibt er diesmal über den Umgang mit diesem Kulturerbe, der kein Holzweg sein soll.

Eine Augenweide: das Deutsch-Russische Haus in Tomsk (Foto: Matthias Frey)

Holzarchitektur gehört zu Tomsk wie der Schnee zu Sibirien. Sie prägt seit mehr als 400 Jahren das Bild der Universitätsstadt. Zunächst wurden hier wie anderswo auch gewöhnliche Holzhütten gebaut, doch mit steigendem Handel stieg auch die Liebe zum Detail. So finden sich heute quer über die Stadt verteilt aufwendig verarbeitete und verzierte barocke, klassizistische und moderne Holzhäuser, die Tomsk seinen speziellen, gemütlichen Charme verleihen.

Matthias Frey schreibt in der MDZ über Land und Leute in Russland

Diesem Charme bin ich gleich bei meinem ersten Stadtrundgang erlegen. Auf einer eher zufälligen Entdeckungstour entlang der Krasnoarmejskaia-Straße war ich sehr überrascht, wie viele Meisterwerke aus Holz dort noch stehen. Fast die gesamte Straße ist von Holzhäusern gesäumt und wirkt wie ein kostenloses Freilichtmuseum, das in vergangene Zeiten zurückversetzt. Von den altehrwürdigen Häusern hat jedes seine eigene Geschichte, die von Generation zu Generation fortgeschrieben wird. Zum Großteil sind sie noch bewohnt, nur wenige werden kommerziell als Café oder Hotel genutzt.

Um mir einen Überblick über die einzelnen Epochen zu verschaffen, habe ich mich im Museum für Holzarchitektur umgeschaut. Das Gebäude im Jugendstil ist schon für sich genommen sehenswert. Im Innenraum sieht man Fragmente der schönsten Holzbauten der Stadt und erfährt, mit welchen Werkzeugen die kunstvollen Ornamente geschnitzt wurden.

Das meistfotografierte Motiv ist sicherlich das Deutsch-Rus­sische Haus, in das auch ich mich schnell verliebte. Seine Geschichte habe ich mir von Direktor Alexander Heier erzählen lassen. Sie ist besonders interessant: Die im Jahr 1904 für den Kaufmann Georgij Golowanow gebaute Villa wurde 1917 verstaatlicht und fortan als Sanatorium genutzt, ab 1941 als Kinderheim und danach als medizinische Fachschule. Erst nach einem Umbau 1995 kam man auf die Idee, hier eine kulturelle Einrichtung für die Russlanddeutschen im Tomsker Gebiet zu eröffnen. Es werden beispielsweise Deutschkurse und alle möglichen Veranstaltungen abgehalten. Die Aktivitäten stehen dabei nicht nur Russlanddeutschen offen.

Wie es der Zufall wollte, durfte ich selbst in diesem märchenhaften Bauwerk mit dem typischen Zeltdach Deutsch unterrichten. Daher habe ich eine spezielle Verbindung zu ihm und dem guten Geist, der ihm innewohnt.

1800 Holzhäuser erhalten – noch

Aber leider ist das Kulturerbe in Gefahr. Die Stadt Tomsk und die UNESCO versuchen, die noch bestehenden 1800 Holzhäuser zu schützen, aber die Zahl sinkt von Jahr zu Jahr. Wetterbedingte Fäulnis, absichtlich gelegte Brände und mangelnder Unterhalt haben dazu geführt, dass viele nur noch als unbewohnte Baracken am Straßenrand stehen. Mit jedem Haus stirbt ein Stück Tomsker Geschichte.

Lange Zeit schien es so, als ob den Tomskern der Zustand ihrer Holzhäuser gleichgültig sei und Investitionen lieber in andere Gebäude getätigt würden. Tatsächlich sind die Restaurierungsarbeiten sehr aufwändig und teuer. Gleichzeitig wird der Wohnraum immer knapper.

Zur Miete wohnen für einen Rubel

Doch dann kam die Stadt auf eine geniale Idee: Für einen symbolischen Rubel kann man ein Holzhaus für 49 Jahre mieten und dort kostenfrei wohnen. Man muss sich im Gegenzug nur dazu verpflichten, das Haus vollständig zu restaurieren. Auf diese Weise erstrahlten schon so einige Problemfälle wieder in neuem Glanz. In einem frisch renovierten Holzhaus soll demnächst ein Restaurant eröffnen, das sibirische Spezialitäten anbieten will – besser könnte es kaum passen.

Inzwischen hat die Stadt alle renovierungsbedürftigen Bauten auf eine Liste gesetzt, um den Überblick über die Schmuckstücke zu behalten. Neben der Ein-Rubel-Initiative sollen noch weitere entstehen, ein Anstoß kam sogar aus Karlsruhe von Studenten der Technischen Universität, die Empfehlungen für die Restaurierung gaben. Es besteht also Hoffnung, dass die Tomsker Wahrzeichen gerettet werden. Ich wünsche den Tomskern dabei ganz viel Erfolg und klopfe drei Mal auf Holz, dass möglichst viele der schönen Holzhäuser erhalten bleiben und wir uns weiter am Freilichtmuseum erfreuen können.

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