Ein Tag im Mai

Wer die Bilder sah, der mochte den Eindruck haben, dass dieser 9. Mai in Berlin sich dann doch nicht groß unterschied von früheren Jahren. Doch tatsächlich stand er stark im Zeichen der aktuellen Ereignisse – und unter Beobachtung von allen Seiten. Auch die Polizei war vorbereitet. Der Tag im Protokoll.

Die größte Veranstaltung am 9. Mai war der Gedenkmarsch auf der Straße des 17. Juni. (Foto: Tino Künzel)

7:00

Berufsverkehr in Berlin. Der 9. Mai ist in Russland ein Feiertag, in Deutschland ist er ein normaler Montag. Aber was ist in diesen Zeiten schon normal? Im Zeitungsladen auf dem Hauptbahnhof künden die Titelseiten der Tagespresse vom Ernst der Weltlage.

Am Vortag, dem 8. Mai, hatten sowohl Bundespräsident Stein­meier als auch Bundeskanzler Scholz das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 77 Jahren, den „Tag der Befreiung“, zum Anlass für alles andere als routinierte Reden genommen. Scholz wandte sich aus aktuellen Anlass mit einer TV-Ansprache zur besten Sendezeit – zwischen Tagesschau und Tatort – sogar direkt ans Volk, erklärte die Politik der Bundes­regierung gegenüber der Ukraine und Russland („Vier klare Grundsätze“), zeigte Verständnis für Sorgen, für „intensive Diskus­sionen“. Seinen Satz „Angst darf uns nicht lähmen“ macht die „Welt“ anderntags zur Titelzeile. Daneben: ein Foto vom 8. Mai in Berlin, auf dem Polizisten am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten eine große Ukraine-Fahne abräumen.   

8:30

Vor eben diesem Ehrenmal haben zu früher Stunde bereits 17 Einsatzwagen Stellung bezogen. In Berlin waren für den 8. und 9. Mai rund 50 Veranstaltungen angemeldet. Auch heute sind wieder 1800 Beamte im Einsatz. Und die sieht man auch. Das Großaufgebot soll dafür sorgen „Provokationen und Eskalationen“ zu verhindern, so hat es Innensenatorin Iris Spranger gesagt. „Würdiges Gedenken“ solle in einem „angemessenen und respektvollen Rahmen“ stattfinden können.  

9:10

Wer zum sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park will, der wird auf dem Weg von netten älteren Damen und Herren angesprochen, die Flugblätter der „Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands“ an den Mann bringen wollen. Darin werden linken Klassenverrätern – „Sozialdemokraten, Stalinisten und Gewerkschafts­bürokraten“ – die Leviten gelesen. Mit diesen „Handlangern des Imperialismus“ gebe es keinen Ausweg aus dem „endlosen Teufelskreis aus Krise und Krieg“. Die Arbeiter der Ukraine und Russlands sollten sich durch „neue Oktoberrevolutionen“ selbst befreien.

9:20

Am Eingangsportal zum Ehrenmal halten Polizisten einen Mann mit roter DKP-Fahne und Nelke im Knopfloch auf. Er wird aufgefordert, die Fahne wegzupacken. Für 15 Gedenk­orte in der Stadt hat die Polizei nämlich eine „Allgemeinverfügung“ erlassen, die das Tragen und Zeigen bestimmter Symbolik untersagt. Dazu gehören unter anderem Uniformteile, militärische Abzeichen, die Buchstaben Z und V und das Georgsband. Dass neben der russischen und der sowjetischen auch die ukrainische Fahne auf dem Index steht, hatte im Vorfeld für teils heftige Empörung gesorgt. Der ukrainische Botschafter Melnyk nannte das auf Twitter eine „skandalöse Entscheidung“.

In Treptow wird nun eigentlich alles kassiert, was über das reine Kriegsgedenken hinausgeht. Der DKP-Anhänger weiß nicht, was er dazu sagen und wie er sich verhalten soll. Während er an der Fahnenstange nestelt, platzt es aus ihm heraus: „Ein Scheißstaat!“

9:30

Das Ehrenmal im Treptower Park am Morgen des 9. Mai (Foto: Tino Künzel)

Der russische Botschafter Netschajew nimmt gemeinsam mit seinem kasachischen und usbekischen Kollegen an einer Gedenkveranstaltung am Ehrenmal im Treptower Park teil. 80.000 Soldaten der Roten Armee sind 1945 in der Schlacht um Berlin gefallen. Drei sowjetische Ehrenmale in der Stadt halten nicht nur die Erinnerung daran wach, sie sind auch Soldatenfriedhöfe.

Das Ehrenmal im Treptower Park, wo mehr als 7000 Tote ruhen, wurde 1949 eingeweiht. 1994 fand hier die militärische Verabschiedung der russischen Westgruppe statt. Seit 1995 werden alljährliche Gedenkfeiern abgehalten, die speziell am Nachmittag und Abend Volksfestcharakter annehmen.

Noch 2020 war Netschajew bei der Kranzniederlegung in Gesellschaft des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin Müller und des sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer. Diesmal ist man mehr oder weniger unter sich. Die russische Botschaft hat, offenbar aus Sicherheitsgründen, im Vorfeld nicht einmal Einzelheiten der Veranstaltung – wie etwa ihre Uhrzeit – öffentlich gemacht.

9:55

Blumen am Treppenaufgang zum Soldatendenkmal (Foto: Tino Künzel)

Als nicht nur der Botschafter wieder weg ist, sondern auch die Ehrenwache abgezogen wird, löst sich die Struktur der Zeremonie auf. Die Anwesenden – vielleicht 200, 300 Menschen – laufen nun durcheinander, machen Fotos und drängen die Stufen zum Soldatendenkmal hinauf. Gegen Fahnen und Symbolik schreitet die Polizei nicht ein: Für Diplomaten gelten Ausnahmen von der Verfügung. Deshalb lässt man auch die Menge, die sich am Denkmal eingefunden hat, weitgehend gewähren.

Soldatenmützen, Georgsband, russische Trikolore – in Treptow war alles wie immer. (Foto: Tino Künzel)

10:05

Ein Kamerateam vom „Ersten Kanal“ des russischen Staatsfernsehens zeichnet Interviews auf. Auch deutsche Medienvertreter sind vor Ort. Ein Mann mit einer Matrosenmütze auf dem Kopf lehnt es ab, auf Fragen zu antworten. „Kein Kommentar! Sie schreiben doch sowieso nicht die Wahrheit“, sagt er auf Russisch. Woher er das wissen will? „Na ich schaue doch Medien.“      

10:15

Natalja (ihren vollen Namen möchte sie nicht nennen) hält ein Porträt ihres im Krieg verschollenen Großvaters in den Händen. „Iwan Jakowlewitsch Schewtschenko. 1914-1943“, lautet die Aufschrift. Schon auf dem Weg zum Ausgang tritt ein Polizist an sie heran, sie möge das Foto herunternehmen. Umstehende mischen sich ein. „Diese Soldaten sind auch für Sie gestorben“, sagt einer, an den Polizisten gewandt. Der erwidert „Ich kann Sie ja verstehen“, er habe sich die Maßnahmen „nicht selbst ausgedacht“.

Natalja ist einst aus der Ostukraine in die damalige DDR gezogen, erzählt sie. Ihr Großvater Iwan sei auch Ukrainer gewesen. „Er hat das Leben, meine Großmutter und seine drei Kinder geliebt. Ich habe die Briefe gelesen, die er im Schützengraben an Oma geschrieben hat. Er hat gegen die Deutschen gekämpft, aber gehasst hat er sie nicht.“

11:40

Teilnehmer am „Unsterblichen Regiment“ (Foto: Tino Künzel)

Am Brandenburger Tor setzt sich ein Gedenkmarsch in Bewegung, das „Unsterbliche Regiment“. In früheren Jahren hatte er auch schon mal 3000 Teilnehmer, heute sind es höchstens tausend. Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Auf den 400 Metern bis zum Ehrenmal im Tiergarten werden Fotos von Angehörigen aus der Kriegsgeneration in die Höhe gereckt, Lieder gesungen, Sprechchöre wie „Wir sind stolz“ und „Spassibo“ angestimmt. Ab und zu stockt der Zug, weil die Polizei verbotene Attribute entdeckt hat. Besonders im Visier ist das Georgsband, das überklebt oder entfernt werden muss. Aber alles bleibt ruhig. Der Marsch endet mit einer Schweigeminute.

Mit Porträts von Angehörigen … (Foto: Tino Künzel)
… zogen die Menschen vom Brandenburger Tor … (Foto: Tino Künzel)
… zum sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten … (Fotos: Tino Künzel)
… wo sie Blumen niederlegten … (Foto: Tino Künzel)
… darunter an zwei T-34-Panzern, die den Eingang zu der Anlage flankieren (Foto: Tino Künzel)

14:10

27 Mitglieder des berühmt-berüchtigten russischen Motorradclubs „Nachtwölfe“ erreichen, aus Frankfurt/Main kommend, die Berliner Stadtgrenze. Dort werden sie schon von der Polizei erwartet, kontrolliert und zum Ehrenmal im Tiergarten begleitet, wo sie Kränze niederlegen.

15:00

Die kremlkritische Gruppe „Demokrati-ja“ hat ihren Infostand nur auf der dem Ehrenmal gegenüberliegenden Straßenseite aufbauen dürfen, wo er zwar Anlaufpunkt zahlreicher Exilrussen ist, sonst aber kaum gesehen wird. Es läuft Musik, man versucht, Aufmerksamkeit zu erregen, aber sobald ein Transparent oder Spruchband am Zaun befestigt werden sollen, geht die Polizei dazwischen. „Berlin hat den Verstand verloren“, schreibt eine Aktivistin auf Facebook.

15:40

Das Ehrenmal in Pankow, wo über 13.000 Tote begraben sind, mehr als in Treptow und Tiergarten zusammmen (Foto: Tino Künzel)

Manni ist zum sowjetischen Ehrenmal in der Schönholzer Heide gekommen, wie jedes Jahr. „Das muss ich machen“, sagt er und spricht von einem „inneren Bedürfnis“. Gestern war er schon in Treptow, heute ist er hier in Pankow. Das schönste aller Ehrenmale sei das, „wenn man denn in diesem Zusammenhang von schön reden kann“. Manfred Schischke, Jahrgang 1946, stammt aus Uebigau in Südbrandenburg. Seinen Vater hatten sie in den letzten Kriegstagen schon an die Wand gestellt, weil er in seiner schwarzen Eisenbahnuniform für die Rotarmisten aussah wie ein SSler. Im letzten Moment erkannte ein Offizier, wie sich die Sache wirklich verhielt.

Der Gang zum Ehrenmal ist für Manfred Schmischke jedes Jahr ein Pflichttermin. (Foto: Tino Künzel)

Schischke hat 1968 bei der Werksfeuerwehr im VEB Braunkohlenkombinat Lauchhammer angefangen. In den 1970er Jahren ging es zum Studium an die Feuerwehrtechnische Hochschule nach Moskau. Dort verliebte er sich, heiratete Nadja, eine waschechte Moskauerin. „Die wurde von meiner Sippe so herzlich aufgenommen wie ich von ihrer.“

Nach der Wende machte er Karriere bei der Berliner Feuerwehr. The Wall, die Fußball-WM 2006, die Love Parade – „alles meine Nerven, sach ich dir, da könnte ich dir Geschichten erzählen“. Dann muss der jetzige Rentner aber los, zurück in seinen Garten. Da will heute noch der Rasen gemäht werden.

19:00

„Zwei einsatzreiche Tage“ liegen hinter der Berliner Polizei, die nun aber nur kleinere Zwischenfälle bilanziert. Die „taz“ fasst ihren Bericht vom 9. Mai unter der Überschrift „Tag der Gereiztheiten“ zusammen. Zu den von vielen befürchteten „größeren Störaktionen oder handfesten Auseinandersetzungen“ sei es jedoch nicht gekommen.

Tino Künzel

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