
Ein deutsches Eldorado
Die Fabergé-Datscha befindet sich auf dem Gebiet der Verwaltung von Pargolowo, historisch gesehen gehörte dieser Ort jedoch der Familie Lewaschow. Viele pachteten Land von ihnen und bauten dort Datschen. Die Gegend war besonders bei den Deutschen in St. Petersburg beliebt. Ihre zunehmende Beliebtheit verdankt sie vor allem der 1870 eröffneten Eisenbahnstrecke nach Helsinki, die die Umgebung mit der Stadt verband. So bemerkte der Schriftsteller Wsewolod Krestowski, dass „Pargolowo in gewisser Weise ein deutsches Eldorado ist“. Seiner Meinung nach kamen „sybaritische Deutsche hierher, die sich auf den bukolischen Lorbeeren ihres Wohlstands ausruhten“, um sich zu erholen.
Familie Fabergé
Die Geschichte der Familie Fabergé lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Zusammen mit anderen Hugenotten aus Frankreich wanderten die Fabergés nach Deutschland aus, wo Protestanten willkommen waren. Berühmt wurde der Familienname jedoch erst in Russland. Gustav, der Gründer des Juwelierhauses Fabergé, eröffnete sein eigenes Geschäft an der Ecke Bolschaja Morskaja/Kirpitschnyj-Gasse in St. Petersburg und baute das Geschäft nach und nach aus. Später schloss sich ihm sein Sohn Peter Сarl an. Er war es, der das Unternehmen auf Weltniveau brachte. Er wurde mit dem Titel „Juwelier Seiner Kaiserlichen Majestät und der Kaiserlichen Hermitage“ ausgezeichnet.
Carl Fabergé bevorzugte es, im Herzen von St. Petersburg zu leben und zu arbeiten. Für seine Freizeit erwarb er von Graf Lewaschow ein Grundstück für den Bau einer Datscha. Der herausragende Architekt Carl Schmidt hat sowohl an den Entwürfen für das neue Firmengebäude in der Bolschaja Morskaja 24 als auch für die Landvilla gearbeitet. Sogar die beim Bau der Gebäude verwendeten Materialien finden sich wieder: So wurden beispielsweise aus dem Gangut-Granit, mit dem das Gebäude des Juwelierhauses verkleidet ist, die majestätischen Säulen gefertigt, die den Balkon im zweiten Stock des Landhauses in Lewaschowo stützen.
Agathon Fabergé
Im Jahr 1907, anlässlich der Geburt seines vierten Enkels, schenkte Carl Fabergé sein Anwesen seinem Sohn Agathon, der ebenfalls im Familienunternehmen tätig war. Agathon Carl Theodor Fabergé ist eine ebenso interessante Persönlichkeit wie sein Vater. Er wurde 1876 in St. Petersburg geboren und in der lutherischen Kirche St. Anna getauft. Der Juwelier aus der traditionsreichen Familie stand stets im Mittelpunkt des Kulterlebens der Hauptstadt. Er war ein anerkannter Experte und sammelte selbst Kunstgegenstände. Seine Sammlung umfasste etwa 60 Teppiche, darunter seltene Seidenmodelle, 200 Glyptik-Kunstobjekte, 300 Buddha-Figuren, Porzellan, Keramikvasen, Silber, Gemälde, Stiche, exotische orientalische Kleinigkeiten, Jadeit-Figuren, Briefmarken und viele andere Gegenstände, die seiner Meinung nach sammelwürdig waren. All diese Reichtümer zeigte Agathon gerne in seinem Herrenhaus, das seine Zeitgenossen „Kleine Hermitage“ nannten.

Die renovierte Datscha von Agathon beeindruckte nicht nur durch seine äußere Erscheinung, sondern auch durch seine fortschrittliche technische Ausstattung. Es verfügte über ein eigenes Kraftwerk, eine Wasserheizung, ein Gewächshaus mit Blumen und Pfirsichbäumen sowie einen Stall mit Telefon. Wenn Gäste zum Landhaus der Familie Fabergé wollten, fuhren sie bis zum Bahnhof Lewaschowo, riefen von dort aus im Anwesen an und wurden sofort mit einer Kutsche abgeholt.
Im Ersten Weltkrieg wurde die schicke Villa in ein Lazarett des Roten Kreuzes umfunktioniert. Nach der Revolution begannen die Verhaftungen, und fast alle Familienmitglieder verließen das Land. Agathon versuchte offenbar zunächst, sich an die veränderte Realität anzupassen, und eröffnete sogar ein Antiquitätengeschäft. Das Ergebnis war vorhersehbar: Der Laden wurde geschlossen, der Besitzer verhaftet und sein Eigentum beschlagnahmt. Die Datscha wurde zunächst von den Einheimischen geplündert, dann wurde sie zu einer staatlichen Angelegenheit: 1919 entdeckte man einen geheimen Raum, aus dem Mitarbeiter des Militärrevolutionären Komitees unzählige Reichtümer mitnahmen.
Das Album mit Briefmarken
Unter diesen Wertgegenständen befand sich auch das berühmte Album mit Briefmarken in einem eisernen Einband. Die Philatelie nahm einen besonderen Platz im Herzen von Agathon Fabergé ein. Seine Sammlung umfasste 311 000 Briefmarken! Das Prunkstück der Sammlung war der Prototyp der ersten russischen Briefmarke, gefertigt von Franz Michael Kepler, die Agathon von Nikolaus II. geschenkt worden war. Außerdem besaß er die weltweit größte Sammlung finnischer und polnischer Briefmarken. Zusammen mit Carl Schmidt, mit dem er Mitglied der Petersburger Abteilung des Dresdner Verbandes der Philatelisten war, erstellten sie ein Nachschlagewerk über seltene Landkreismarken.

Agathon Fabergé hatte Glück, die Bolschewiki erschossen ihn nicht. Er war ein wertvoller Spezialist, sein Wissen kam dem Petrograder Staatlichen Edelmetallfonds zugute. Aber sein Glück endete damit nicht: 1927 gelang es ihm, über das Eis des Finnischen Meerbusens aus dem Land zu fliehen.
Das Schicksal der Fabergé-Villa ist nicht beneidenswert. In der Sowjetzeit befanden sich dort ein Krankenhaus, ein Erholungsheim, ein Kino und sogar ein Kindergarten. Danach stand das baufällige Gebäude leer und verfiel. Im Jahr 2007 wurde das Anwesen an das Bergbauinstitut übergeben, aber bis 2014 wurden die Verpflichtungen zur Restaurierung nicht erfüllt. 2017 erhielt das Anwesen den Status eines Kulturdenkmals. Der Verfall konnte ausschließlich durch die Bemühungen von Freiwilligen aufgehalten werden. Bei der Versteigerung im Jahr 2026 wird das Haus mit der Auflage angeboten, das Denkmal zu restaurieren. Es bleibt zu hoffen, dass, wenn der traurige Anblick der einst luxuriösen Villa die Investoren nicht inspiriert, vielleicht die Legenden übereinen irgendwo auf dem Grundstück vergrabenen Koffer mit Diamanten ihr Interesse wecken werden.
Anna Majorowa
Der Trauerort Lewaschowo
Lewaschowo ist nicht nur für seine malerischen Datschen bekannt, sondern auch für seine tragische Geschichte. Die Lewaschowsker Heide wurde zur letzten Ruhestätte für Opfer politischer Repressionen, die zwischen 1937 und 1955 dort begraben wurden. Nach Angaben aus verschiedenen Quellen wurden hier zwischen 19 450 und 46 771 Menschen beigesetzt. Sie wurden unter verschiedenen Vorwänden verhaftet, um den Moskauer Plan zu erfüllen und zu übererfüllen, der die Anzahl der geheimen Hinrichtungen politisch unliebsamer Personen festlegte. Die Verfolgungen richteten sich oft gegen bestimmte Nationalitäten. Gemäß einem geheimen Erlass des Volkskommissariats für Inneres vom 25. Juli 1937 wurde eine „Operation zur Unterdrückung deutscher Staatsangehöriger, die der Spionage gegen die Sowjets verdächtigt wurden“ durchgeführt. In den Jahren des „Großen Terrors“ wurden vermutlich genau hier die Überreste von 166 Erschossenen beigesetzt – die deutsche Gemeinde in St. Petersburg konnte 2002 eine entsprechende Liste erstellen.

Der Gedenkfriedhof hat den Status eines regionalen Kulturerbe-Objektes Russlands. Hierher kommen Menschen, um der Opfer der Repressionen zu gedenken. Die Gedenkveranstaltungen werden von Menschen verschiedener Nationalitäten besucht: In Lewaschowo befinden sich nationale Gedenkstätten für Polen, Tataren, Litauer, Juden, Finnen und andere Völker. Orthodoxe Kreuze erinnern an Russen, die aus verschiedenen Gründen unterdrückt wurden. Leider werden solche Denkmäler in letzter Zeit regelmäßig geschändet. So verschwand 2023 das Denkmal für die bei Leningrad erschossenen Polen, und eine polnische Delegation durfte das Gelände unter dem Vorwand einer Inspektion potenziell gefährlicher Bäume auf dem Friedhof nicht betreten.


