Ein langes Leben für die Kunst

Am 1. Dezember ist Irina Antonowa im Alter von 98 Jahren verstorben. Schon zu Lebzeiten war sie eine Legende: Über 70 Jahre war die Kunsthistorikerin in staatlichen Diensten des Puschkin-Museums in Moskau – seit 1961 als Direktorin, seit 2013 als aktive Präsidentin.

Im Angedenken und als Hommage hier die Aufzeichnungen des MDZ-Autors Frank Ebbecke über eine so einflussreiche wie bewundernswerte Frau aus seinem Buch „20 Meister-Porträts“ (2018). 

Bild: Andrej Nikeritschew/AGN Moscow

Natürlich hat sie eine Wohnung. Aber ihre eigentliche Adresse ist das Puschkin-Museum. Gleich zwischen den zwei Machtzentren Russlands im Herzen der Hauptstadt Moskau. Schräg gegenüber die mächtige Christ-Erlöser-Kathedrale, nur ein kurzer Weg den breiten Boulevard hinunter zum Kreml. Hier ist Irina Alexandrowna Antonowa zuhause, all ihre Mitarbeiter wie eine große Familie. Inzwischen über sieben Jahrzehnte. Richtig gelesen. Die Dame mit ihren weißen, vollen, frisch ondulierten Haaren, geschickt-frischem Make-up, dezenten Schmuck-Akzenten, in einem eleganten Strickkostüm ist in diesem Frühjahr 96 gesegnete Jahre alt geworden. Und doch so jung wie sich zeigt.

Das berufliche Domizil der seit 2013 amtierenden Präsidentin des Puschkin-Museums erscheint beinahe so groß wie ein kleiner Ausstellungsraum, ebenso reich mit Artefakten ausgestattet. Sie lässt sich Zeit. Ordnet die Dinge auf ihrem großen, nach viel Arbeit anmutenden Schreibtisch. Hier ist sie jeden Tag, von morgens bis abends, wenn sie nicht gerade auf Einladung irgendwo in der Welt über Kunst philosophiert und präsentiert. Dann wendet sie sich freundlich-verbindlich ihren Gästen am antiken Besuchertisch zu. Wenn sie mit klarer, pointierter Stimme spricht – zwischendurch in mehreren Sprachen, mal Russisch, mal Deutsch, Französisch oder Italienisch – und was sie dann zu sagen hat, lässt rasch die wahre Größe dieser fesselnden Person von kleinerer, schlanker Statur erkennen. Bildung und Kultur, bewegende Erfahrungen aus einem beinahe hundertjährigen Lebenslauf durch eine verstörende Epoche voller Irrungen und Wirrungen.

Am Ende des Großen Vaterländischen Krieges hatte sie gerade ihren erfolgreichen Abschluss als Kunsthistorikerin an der traditionsreichen staatlichen Lomonossow-Universität gemacht, nebenbei war sie als Krankenschwester ausgebildet worden. Doch ihre ersten beruflichen Aufgaben führten sie gleich dahin, wo sie heute noch ist – ins Puschkin-Museum. Sie wurde zum Ausladen und Registrieren der aus Deutschland verbrachten Beutekunst, in Russland Trophäenkunst genannt, eingesetzt.

Der „Schatz des Priamos“ aus dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte, den der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann 1873 in Troja entdeckt hatte, gehört immerhin seit 1996 zur Dauerausstellung des Museums. Vieles weitere ist hier inzwischen längst von der Öffentlichkeit zu bestaunen. Was verbliebene Rückführungen von Kulturgütern betrifft, vertritt Irina Antonowa eher sehr zurückhaltende Ansichten. Es gehe doch weniger um materiellen Ausgleich als um moralische Einschätzungen. Entschlossen erinnert sie an die Zerstörungen und Gräueltaten der „deutsch-faschistischen Eroberer“, was die Künste betrifft, allein 430 Museen seien in Russland verlorengegangen. Wobei ihr selbst Deutschland immer auch in guter Erinnerung geblieben ist. Als sehr junges Mädchen hat sie als Tochter eines sowjetischen Diplomaten von 1929 bis 1933 in Berlin gelebt, dort von einem „Genossen Erich“ ihre lebenslange, sportliche Liebe, das Schwimmen, gelernt und Museen hat sie schon dort und damals gerne besucht.

Bild: Kirill Sykow/AGN Moscow

Aber zu den Verschleppungen gen Osten gehörte zum Beispiel auch die wertvolle Sammlung der Dresdener Gemäldegalerie Alter Meister. Die wurde 11 Jahre später, am 3. Juni 1956, an ihren Ursprungsort in die damalige DDR zurückgeführt. Da hing dann auch eine kleine Plakette, auf der an die Rettung der unwiederbringlichen Kunstschätze und deren fachmännische Restaurierung in Moskau erinnert wurde. Als Irina Antonowa vor anderthalb Jahren dort wieder einen Besuch machte, war die nicht mehr da. Das hat sie traurig gemacht. Denn sie erinnert sich genau daran, welch künstlerische Sorgfalt und Mühe die Wiederherstellung der während des Krieges arg ramponierten Kunstschätze die russischen Experten gekostet hatte. Und sie war dabei, als eines der berühmtesten Gemälde der italienischen Renaissance, die „Sixtinische Madonna“ von Raffael, in weiße Tücher gehüllt, von zwei Soldaten gehalten, ausgepackt wurde – Maria, die den Menschen Christus, ein Kind, schenkt. Da hat sie, wie sie sagt, weinen müssen.

Berührt hat sie das Bild vor allem als unvergleichliches Kunstwerk. Als Kunst, wie Irina Antonowa sie für sich wie generell definiert und empfindet. Obwohl sie sich des stetigen Wandels in allen Bereichen bewusst sei, sei wahre Kunst einfach zeitlos. Da nennt sie Prinzipien der Ästhetik und der Ethik, des Geistes und der Mythologie, Kunst als ein erstrebenswertes Ideal. Und die unersetzliche Echtheit. Die gehe mit der Macht der technologischen Entwicklung verloren. Menschen von heute und in Zukunft würden sich visuell und akustisch leicht mit Reproduktionen zufrieden geben, statt die Emotionalität und die Essenz eines originalen Kunstwerks je spüren zu können – wie auch im Vergleich von Musik per Tonträgern zum konzertanten Erlebnis. Für zeitgenössische Strömungen wie zum Beispiel Performances hat sie aber natürlich trotzdem offene Augen und Ohren – schon von Berufs wegen. Die beschreibt sie aber eher als neue Formen von Kreativität denn als Kunst im wahren Sinne.

1961 wurde Irina Antonowa vom damaligen Generalsekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, zur Direktorin des Vorzeigemuseums berufen. Und das blieb sie stolze 52 Jahre lang, bis 2013. Da wurde sie zur für sie eigens geschaffenen Position der Präsidentin des Puschkin-Museums ernannt. Sie hat zu Zeiten schon dafür gesorgt, dass die noch per Stalin-Ukas verfemten Impressionisten Stück für Stück wieder aus den Archiven hervorgeholt werden konnten. Sie schaffte 1981 einen Durchbruch, als sie Werke aus Paris von den zwar hierzulande offiziell unerwünschten, aber weltweit anerkannten russischen Künstlern der klassischen Moderne, Marc Chagall und Wassily Kandinsky, ohne Folgen ausstellen ließ. Wer auch immer an der Spitze des Staatsapparates stand, sie habe stets nur im Dienst der Kunst gestanden. Daran wird sie wohl auch nichts mehr ändern. Zumal sie beim amtierenden Präsidenten der Russischen Föderation in persönlichem Kontakt einiges Kunstverständnis ausgemacht hat.  

Gründungstag ihres Kunsthauses war bereits der 31. Mai 1912, noch zu Zarenzeiten, als „Museum der Schönen Künste“. 1937, zum Gedenken an den 100-jährigen Todestag des russisch-nationalen Dichterhelden Alexander Puschkin, wurde es dann nach ihm benannt. Die Kultstätte für unvergängliche Kunstschätze von der Antike bis zur Moderne, von insgesamt 670.000 Gemälden und Skulpturen, Photographien und Numismatik hat es auch unter Kennern und Könnern längst zu großer Anerkennung gebracht. Neben der Eremitage in St. Petersburg ist das Puschkin-Museum mit durchschnittlich 1,2 Millionen Besuchern pro Jahr zum bedeutendsten Kunsttempel von Weltruf des Landes geworden. Nicht zuletzt, wenn nicht vor allem, aufgrund der kompromisslosen Kunstbesessenheit, des professionellen Feingespürs und des leidenschaftlichen Durchsetzungsvermögens einer charismatischen, faszinierenden Frau. Leben ist eine Kunst. Irina Alexandrowna Antonowa hat die Kunst zu ihrem Leben gemacht. Zu einem reichen.

Kommentare

Kommentare

Newsletter

Wir bitten um Ihre E-Mail: