Ein deutsches Leben zwischen Ost und West

Zielstrebigen, aber sichtlich entspannten Schrittes nähert sich Professor Dr.-Ing. Dr. h.c. Dietrich G. Möller seinem beruflichen Zuhause im repräsentativen Moskauer Stadtviertel Samoskworetschje, einem der ältesten der russischen Hauptstadt. Den weitläufigen Empfang der Siemens-Zentrale in Russland, die er seit 2006 geleitet hat, überwacht eine mannshohe Bronzestatue des Carl Heinrich Siemens (1895 zu von Siemens geadelt). Der hatte 1853 die erste Niederlassung des Berliner Unternehmens in St. Petersburg gegründet. Ursprünglich sollte sein Konterfei der öffentliche Blickfang im Vorgarten des Eingangsbereichs werden, aber noch wurden die umfangreichen Bebauungsgenehmigungen von der Moskauer Stadtregierung nicht erteilt.

Siemens und Russland sind historisch verbunden

Verdient hätte er es als einer von drei Siemens-Brüdern, die 1847 ein Unternehmen in Berlin aus der Taufe gehoben hatten, das heute mit weltweit 200  nationalen Gesellschaften zu beeindrucken weiß, mehr als die Bundesrepublik Deutschland an diplomatischen Vertretungen vorzuweisen hat. Und Ende des 19. Jahrhunderts waren die wirtschaftlichen Erfolge in Russland mit vier Werken und einem langjährigen Servicevertrag für die Telegrafenlinien größer als im Heimatmarkt des damaligen Deutschen Kaiserreiches. Bis in unsere Tage ist die Elektrifizierung im riesigen Russland ohne Siemens kaum denkbar, ebenso wenig wie die rapide wachsende Bereitstellung von Regional- und Hochgeschwindigkeitszügen zwischen immer mehr Wirtschaftsmetropolen im europäischen Teil Russlands.

Dietrich Möller wohnt geschickter Weise auch persönlich in der Gegend. Zu Fuß lassen sich so Moskaus notorische Verkehrsstaus vermeiden. Er kann pünktlich an Ort und Stelle sein, jedenfalls in seinem Büro – ein durchaus nobler Charakterzug der traditionellen deutschen Mentalität und in Russland nicht gerade besonders üblich. Ansonsten hat er an seinen Gastgebern kaum etwas auszusetzen: „Der Prozentsatz an Idioten ist doch in allen Ländern etwa gleich“, resümiert er. Er hat Einiges zum Wohl seines weltbekannten Arbeitgebers und den ihm anvertrauten Märkten in Russland, Weißrussland und denen in Zentralasien beigetragen. In über 13 Jahren erhielt Siemens unter seiner Leitung viele Milliarden Euro an neuen Aufträgen und einige Serviceverträge reichen bis ins Jahr 2050. Beteiligt sind daran 7000 Mitarbeiter in zehn Werken, 40 Vertriebsbüros und der Zentrale, in der von den rund 1000 Siemens-Mitarbeitern die Hälfte Frauen sind.

Mit Zielstrebigkeit zum Erfolg

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Dietrich Möller kehrt nach einer erfolgreichen Zeit in Moskau im Herbst nach Deutschland zurück.
© Siemens AG

Sein Vater, ein Mathematiker, hatte ihm den zielstrebigen Wahlspruch „Hammer oder Amboss sein“ mit auf den Weg gegeben. Nun, Sohn Dietrich fiel die Entscheidung, sein Leben als prägender „Hammer“ aktiv zu gestalten, offenbar nicht sonderlich schwer. In Dresden am 6. Dezember 1957 geboren und dort zur Schule gegangen, erwarb er sein Diplom als Elektroingenieur am Kiewer Polytechnischen Institut. Seinen Doktor in Ingenieurwissenschaften machte er dann an der Technischen Universität Dresden. Mit gerade einmal 25 Jahren war er Entwicklungsingenieur im Elektroprojekt- und Anlagenbau (ELPRO), einem Kombinat in Ostberlin, das in der DDR einen ähnlichen Stellenwert wie Siemens für die BRD gehabt habe, wie er sagt. Nur fünf Jahre später war Dietrich Möller Leiter des Forschungs- und Entwicklungszentrums mit über 2000 Kollegen.

Beim ersten Westbesuch auf einer internationalen Konferenz in Aachen 1988 spürte er, dass sie in ihrer Ostheimat professionell „vom Rest der Welt abgekoppelt“ waren und „der Westen nicht einholbar“ war. Dann kamen die Wende und das Aus. Während Kollegen aus dem Management die Werte der ELPRO mit dubiosen Mitteln für sich und mit großem Reibach schnellstens versilbern wollten, machte er da nicht mit: „Meine ethische Grundeinstellung und Ehrlichkeit als Lebensgrundsatz haben sich auf meinen Nachtschlaf positiv ausgewirkt“. Allerdings dann weniger die Tatsache, dass er plötzlich auf der Straße stand: „Es war ein Mittwoch und ich kam bereits mittags nach Hause.” Noch heute zucke seine Frau erschrocken zusammen, wenn er früher als üblich nach Hause kommt, sagt Möller.

Neuanfang nach der Wende

Doch schon im Januar 1991 kam er mit 40 seiner besten Mitarbeiter unter das Dach von Siemens in Erlangen. Seine Familie und er hätten das wie einen Umzug ins Paradies erlebt. Und so gut wie alle zwei, drei Jahre ging es dort für ihn wieder aufwärts – von einer Führungsverantwortung im Industrie- und Verkehrstechnikbereich in die nächsthöhere. Im Jahr 2000 war er „President of Trains Division“ bei Siemens Transportation Systems, sechs Jahre danach wurde er als „President & CEO Siemens Russia“ wieder gen Osten entsandt.

Gleich zu Beginn zwischen 2006 und 2008/09 wurde das eine absolute Hochzeit für das Unternehmen und ihn selbst: „Extremes Wachstum, Aufträge ohne Ende, ein Großkraftwerk und erste Sapsan-Aufträge.“ Die Jahre von 2009 bis 2013 erklärt er in der Retrospektive zur gesunden Konsolidierungs- und Lokalisierungsphase, während sich ab 2014 immer „mehr Wasser in den Wein“ gemischt habe und zwar „kein Gegenwind, aber auch kein Rückenwind“ mehr zu spüren gewesen sei.

Auf und Ab im Russlandgeschäft

Er hat dem Siemens-Geschäft seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt, und das all die langen Jahre unter ja beileibe nicht immer wärmenden Umfeldbedingungen: „Wenn die Politik eine Auszeit nimmt, muss die Wirtschaft übernehmen“, fordert Möller aus Erfahrung. „Russland kann sich langfristig nicht von globalen Entwicklungen abkoppeln und ebensowenig abgekoppelt werden“, nährt er mit Ruhe und Gelassenheit die Hoffnung auf bessere Zeiten. Die wachsenden nationalen Aktivitäten im Rahmen der politisch motivierten Importsubstitution und Produktionslokalisierung beurteilt Möller als „sicherheitspolitisch verständlich“, aber auch als „risikoreich“ und teilweise „rückwärtsgerichtet“, da „häufig international nicht konkurrenzfähig“ – und seine persönlichen Erfahrungen aus DDR-Zeiten mögen ihn da nicht täuschen.

Nachdenklich und ernüchternd stimmen Dietrich Möller nach wie vor mangelnde Produktivität, Rechts- und Investitionssicherheit. Alles zusammen ein Szenario, welches statt eines notwendigen und möglichen Wirtschaftswachstums von sechs bis sieben Prozent nahezu Stagnation mit mageren ein bis zwei Prozent verursache. Auch macht er die Abhängigkeit von den Rohstoffpreisen und die geringe Arbeitsproduktivität verantwortlich und nur zu einem geringeren Teil die Sanktionen.

Die Weichen Richtung Zukunft sind gestellt

Dietrich Möller hat sein Siemens-Feld wohl bestellt. Schon vor zwei Jahren hat er seinen potenziellen Nachfolger ins Haus geholt. Einen gebürtigen St. Petersburger, der sich schon im Management von Siemens in Russland, den USA und in Singapur bewiesen und in der globalen Konzernzentrale in Erlangen empfohlen hatte: Alexander Liberov. Was Dietrich Möller als langjähriger Präsident auf die Schiene gesetzt hat, wird unter dessen Führung zügig weiter Fahrt aufnehmen und die bald 170-jährige erfolgreiche Tradition des Weltkonzerns Siemens in Russland für die Zukunft sichern und beschleunigen.

Neben klassischen Siemens-Kernbereichen wie Energie und Mobilität ist dafür das zentrale Stichwort selbstredend die fortschreitende Digitalisierung der Industrie in den Schlüsselsektionen „Big Data“ (Sammelbegriff für neue digitale Technologien zum Sammeln und Auswerten großer, komplexer Datenmengen), „Digital Twins“ (virtuelle Darstellung eines physischen Produkts oder Prozesses zur Vorhersage der Leistungsmerkmale des realen Pendants), künstliche Intelligenz und „Smart Networks“.

Pläne für die Zukunft

Am 30. September dieses Jahres, dem offiziell letzten Tag in Diensten von Siemens, werden wohl kaum Freudentränen ob seiner regulären Pensionierung fließen, aber viele werden sich noch lange mit der ein oder anderen Träne im Auge an ihn erinnern. Zwar verlässt Dietrich Möller in absehbarer Zeit Russland, aber loslassen wird ihn das Land nicht. Zwar zieht es ihn zurück nach Deutschland, aber seinen Ruhesitz im fränkischen Marloffstein bei Erlangen nennt er „Datscha“.

Und da wären noch so einige langgehegte Reisepläne, wie nordwärts nach Karelien, zum heiligen Meer der Russen, dem mystischen Baikalsee tief in Sibirien, oder eine Erholungstour in den russischen Süden, mit dem Auto von Sotschi nach Krasnodar entlang der Schwarzmeerküste. Und auch seine bereits langjährige Lehrtätigkeit an der Russischen Universität für das Transportwesen MIIT in Moskau will er nicht gänzlich ruhen lassen, denn er sieht es als eine Verpflichtung, jungen Leuten eines Landes etwas zurückzugeben, das ihm selbst so viel gegeben hat.

Frank Ebbecke

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