
Deutsche und russische Schauspieler bei einem Workshop in Moskau / Leonid Selemenjew
Von Jacqueline Westermann
Andrej Afonin vom Moskauer Theater Kroog II und Gert Hartmann von der Berliner Bühne Thikwa haben für ihr Theater mit nichtbehinderten und behinderten Künstlern einige Preise bekommen: den der „Moskowski Komsomolez“ oder die Goldene Maske 2014. Erfolgreich war vor allem das Stück „Entfernte Nähe“, das vor fünf Jahren vom Goethe-Institut in Moskau initiiert worden war. Nun wird seit einigen Monaten an einer neuen Produktion gearbeitet: „BioFiktion – Wo endet das reale Leben?“.
Zum ersten Mal kooperieren dafür beide Theater miteinander. Ihr gemeinsames Ensemble besteht aus vier russischen Schauspielerinnen des Kroog II und vier deutschen Kollegen des Thikwa. Sie trafen sich bereits im vergangenen Jahr zu einem Workshop im Meyerhold-Zentrum in Moskau.
Vorbild war Hartmanns Theater Thikwa in Berlin. Seit 25 Jahren stehen dort professionelle Künstler mit und ohne geistige Behinderung gemeinsam auf der Bühne. Das Ganze begann als künstlerisches Experiment unter dem Motto „Der Geist lässt sich nicht behindern“. Letztlich aber hätten Alle etwas davon: Integratives Theater ermöglicht es den Künstlern, sich auszudrücken, auch wenn sie dazu verbal nicht in der Lage sind, die Teilnehmer lernen mit- und voneinander. Für sie ist die Arbeit unter Gleichen eine große Erfahrung.
Für Russland ist dieser inklusive Ansatz noch ganz neu. Andrej Afonin hat mit dem Studio Kroog II das erste und bisher einzige Theater in Russland gegründet, an dem Erwachsene mit geistiger Behinderung professionell schauspielern. Afonin arbeitet seit 27 Jahren in diesem Bereich und sieht in Russland bisher nur kleine Fortschritte in Sachen Inklusion. „Natürlich hat sich etwas getan“, sagt der Regisseur. „Aber es gibt noch keinen richtigen Inklusionsprozess, viele Menschen sind sehr skeptisch.“ Dann erzählt er von einem typischen Beispiel: In einem Kulturzentrum, in dem auch Afonin probt, hätten Eltern sich darüber beschwert, dass ihre Kinder dort behinderten Menschen begegnen könnten. Die Berührungsängste sind groß und letztlich fehlt es an sozialen und professionellen Strukturen, welche die Inklusion in der Gesellschaft voranbringen könnten.
Von den bisherigen Produktionen des Kroog II sind die Zuschauer dennoch begeistert. Sie kommen aus Neugier und erkennen schnell, dass Menschen mit geistiger Behinderung ganz normal sind, dass man sich ihnen nähern und mit ihnen das Theatererlebnis teilen kann. Und dennoch wurde das inklusive Theater lange nicht als professionell wahrgenommen. „Es stand sehr schnell nur die Diagnose der Schauspieler im Mittelpunkt“, berichtet Gert Hartmann aus den letzten Jahren. „Klassische Kunstkritik gab es kaum.“ Allerdings ändere sich dies im Moment. Mit „Entfernte Nähe“ schaffte es das Kroog-Ensemble sogar auf die staatlichen Bühnen.
„BioFiktion“ wurde übrigens aus den Biografien der deutschen und russischen Künstler entwickelt. Es geht um die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung der Umgebung, die fließenden Grenzen zwischen Fantasie und Realität. Elemente aus Fantasy und Manga finden sich in der Theaterperformance wieder. Die Premiere wird in Deutschland und Russland im November und Dezember stattfinden. Bis dahin probt das Ensemble.


