Der fliegende Alleskönner

Jahrzehntelang dominierten Russland und die USA den Markt für schwere Transporthubschrauber. Doch nun will auch China mit einem eigenen Modell in die Branche einsteigen. Warum Peking bei seinem Vorstoß auf Starthilfe aus Moskau angewiesen ist.

Der russische Transporthubschrauber Mil Mi-26 könnte bald Konkurrenz aus China bekommen. /Foto: aviaru.rf

Er kann mehr als 20 Tonnen Nutzlast befördern, braucht eine fünfköpfige Besatzung aus Pilot, Copilot, Navigator, Flugtechniker und Ingenieur, um überhaupt abheben zu können und sein riesiger Laderaum bietet problemlos Platz für bis zu 90 Soldaten oder zwei Luftlandepanzer: Der Mil Mi-26 ist der stärkste, schwerste und größte Schwerlasthubschrauber der Welt, der in Serie gebaut wird.Ursprünglich für das Militär entwickelt, begeistert der Koloss mit den 16 Meter langen Rotorblättern Abnehmer weltweit durch seine enorme Breite an Einsatzmöglichkeiten. Ob klassische militärische Aufgaben wie der Truppentransport oder das Aufstellen riesiger Strommasten, Rettungsflüge bei Erdbeben sowie die Bekämpfung von Waldbränden aus der Luft: Die 28 Tonnen schwere Kraftmaschine kommt auch mit den anspruchsvollsten Spezialaufträgen locker zurecht. Sogar der Transport kompletter Flugzeuge oder Schiffe ist kein Problem für den Giganten, der bisher nur von seinem amerikanischen Rivalen, dem Transporthubschrauber Sikorsky CH-53, ernsthaft herausgefordert werden konnte.

Ein Rivale aus China

Doch die beiden Kraftpakete sollen nun Konkurrenz bekommen. Denn chinesische Luftfahrtingenieure drängen mit einem eigenen Modell auf den bisher allein von Russland und den USA beherrschten Markt für Schwerlasthubschrauber. Dabei haben sich die Chinesen viel vorgenommen: Ganze 15 Tonnen soll der AHL (Advanced Heavy Lift) getaufte Helikopter bewegen können, Distanzen von bis zu 630 Kilometern überwinden und mit einer Geschwindigkeit von bis zu 300 Stundenkilometern fliegen. Allerdings verfügen die Konstrukteure aus dem Reich der Mitte noch nicht über die notwendige Technik für einen Transporthubschrauber aus ausschließlich chinesischer Produktion – und müssen daher auf russisches Know-how zurückgreifen.

Hilfe aus Moskau

Zu diesem Zweck verhandelt der chinesische Luftfahrtkonzern „AVIC“ gegenwärtig mit dem russischen Hubschrauberbauer „Wertolety Rossij“ über die letzten Formulierungen eines Kooperationsvertrages, der noch in diesem Jahr zur Unterschrift vorliegen soll. Das Vorhaben, das bereits 2015 mit einem Rahmenabkommen zwischen beiden Seiten angestoßen wurde, teilt Peking dabei die Rolle des Chefentwicklers zu. Russland soll als Subunternehmer einzelne Komponenten wie Getriebe, Transmissionssystem und Heckrotor für den AHL-Hubschrauber liefern. China erhofft sich von dem Gemeinschaftsprojekt einen Transfer von Wissen und Technologien, die in der Zukunft für die Entwicklung eigener Schwerlasthubschrauber genutzt werden könnten. Für die russische Seite bietet die Zusammenarbeit die derweil einzige Chance, an der Neuentwicklung eines Hubschraubers aus der Schwergewichtsklasse teilzunehmen.

Projekt mit langem Vorlauf

Allerdings müssen die Planer auf beiden Seiten noch einen langen Atem beweisen: Die konkreten Planungen für den Bau des AHL haben noch nicht begonnen und könnten frühestens in fünf Jahren beginnen, schätzt der Militärtechnikexperte Anton Lawrow gegenüber der Tageszeitung „Kommersant“. Bis zur Serienreife des Schwertransporters würden so noch mindestens zehn Jahre vergehen, prognostiziert der Spezialist. Kopfzerbrechen bereitet den Konstrukteuren zudem der Motor für den Schwertransporter. So würde die ursprünglich geplante Verwendung eines russischen PD-12W-Aggregates die Fertigstellung des Hubschraubers zusätzlich in die Länge ziehen. Der Grund: Der Antrieb besteht bisher nur auf Konstruktionsskizzen und muss erst noch gebaut werden. Alternativ könnten die Ingenieure auf einen Antrieb des ukrainischen Antriebsbauers „Motor Sich“ zurückgreifen, der in Kooperation mit dem chinesischen Luftfahrtunternehmen „Skyrizon Aviation“ entwickelt werden soll. Allerdings soll der Grundstein für die entsprechende Fabrik in China erst im kommenden Jahr gelegt werden – bis zur Serienreife des Motors würde so noch mal geraume Zeit vergehen.

Militärs warten auf Kraftprotz

Abnehmer des fliegenden Muskelprotzes sollen in erster Linie das russische und chinesische Militär werden. „Das ist unter den gegenwärtigen Sanktionen besonders wichtig“, unterstreicht Anton Lawrow im Gespräch mit dem „Kommersant“. „Ohne Perspektiven für den Absatz macht es keinen Sinn, ein solches Projekt anzugehen.“ Allerdings schließen die Konstrukteure einen Export des 40-Tonnen-Kolosses in weitere Länder zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus. Bis es allerdings so weit ist, werden Auftraggeber für besonders schwere Herausforderungen wohl weiter auf die bewährten Dienste des Mil Mi-26 zurückgreifen.

Birger Schütz

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