Große Geschichte in kleinen Dingen

Fast zwei Jahrhunderte hatten deutsche Siedler an der Wolga gelebt, als die Wolgadeutschen im Spätsommer 1941 nach Sibirien und Kasachstan deportiert wurden. Am 28. August jährt sich ein entsprechender Beschluss der Sowjetführung. Was kam damals mit in die Fremde? Nachkommen der Deportierten erzählen.

Fotos und Schriftstücke aus der Vorkriegszeit, die 1941 mit ihren Besitzern den schweren Gang nach Osten antraten (Foto: Privat)

Sofja Simakowa aus der sibirischen Kleinstadt Jaschkino zwischen Tomsk und Kemerowo

Familie Freiman – mein Opa Friedrich Friedrichowitsch, meine Oma Sofja Fjodorowna und ihre Töchter Sonja (12), Tanja (3) und meine Mutter Irma (6 Monate) – wurde aus Marxstadt an der Wolga umgesiedelt. Der Transport Nr. 748 ging am 8. September 1941 von Engels ab, mit Ankunft am 23. September in Jaschkino.

Opa war eingefleischter Kommunist und hatte dem Stadtrat in Marx­stadt vorgestanden. Er nahm das Buch „Stalin über Lenin“ in deutscher Sprache mit. Darin hat Oma später Dokumente aufbewahrt. Ebenfalls mit auf die Reise ging eine große Truhe, die mein Großvater eigenhändig angefertigt hatte. Nun war sie überlebenswichtig, denn in ihr hatte eine Menge Sachen Platz, die später gegen Essen eingetauscht werden konnten. Die Truhe diente unterwegs im Güterwagen als Bett und auch danach im Dorf, als man bei Ortsansässigen einquartiert wurde.

Was außerdem mitgenommen wurde, war Geschirr (ein Suppenteller, aus dem Opa immer aß, ist erhalten geblieben). Im Dorf Patscha, Kreis Jaschkino, wo man meine Familie unterbrachte, verfügte damals noch niemand über privates Geschirr.

Swetlana Henrichs aus dem Dorf Grischkowka im Deutschen Nationalrajon, Region Altai

Von der Deportation blieb auch meine Mutter Anna Stehl nicht verschont, die damals zehn Jahre alt war. Aus dem Dorf Soljanka nahe Wolgograd kam sie mit ihrer Familie nach Podsosnowo, einen kleinen Ort im Altai. Soweit ich weiß, hat man Haushaltsgegenstände mitgenommen, die in der Fremde von Nutzen sein konnten (Waffeleisen, Bügeleisen, Nudelhölzer, Werkzeug und dergleichen mehr), aber auch Bücher, in erster Linie religiösen Inhalts, allen voran die Bibel. Mama erinnert sich noch, dass ein Vorhängeschloss des Hauses mit im Gepäck war. Im Hungerwinter 1942 hat sie es selbst gegen zwei Schalen Getreide eingetauscht.

In der Schule, deren Direktorin ich bin, haben wir ein Museum für solche Dinge eingerichtet. Die Exponate wurden uns von den Deportierten zur Verfügung gestellt, darunter Bibeln, ein Familienalbum, ein Strickstrumpf und eine Gabel. Jeder dieser Gegenstände erzählt seine eigene Geschichte.

Die Kinderstrümpfe wurden noch vor dem Krieg liebevoll von einer Oma für ihren Enkel gestrickt. Zum Zeitpunkt der Deportation war er bereits 15 Jahre alt. Als seine Mutter die Kindersachen einpackte, waren auch die Ringelsocken dabei – in der Familie gab es noch kleine Kinder. Die Jahre vergingen, doch der bereits ergraute Gerhard Dick bewahrte seine Kinderstrümpfe weiter auf. Nur einer davon existiert noch heute, doch in ihm stecken die Gefühle und Erinnerungen eines Menschen an seine glückliche, sorglose Kindheit, wie ein Licht in seiner Seele. Die Nachkommen von Gerhard Dick haben den Strumpf unserem Museum überlassen.

Die Gabel stammt ebenfalls aus dem Hause Dick. Als der Vater seinen Sohn in die Arbeitsarmee verabschiedete, trug er ihm auf, etwas mitzunehmen, das ihn immer an seine Familie erinnern würde. Der Sohn entschied sich für eine Gabel aus dem Essbesteck, das noch von der Wolga stammte. Als er aus der Arbeitsarmee heimkehrte, packte er die Gabel aus, legte sie zum übrigen Besteck zurück und sagte: „Jetzt bin ich zu Hause.“ Ein einfacher Gegenstand und doch steht er für das Liebste und Teuerste auf der Welt – das Elternhaus.

Paulina Kaiser aus Samara

Bis 1941 lebte unsere Familie in der Sowchose Kotluban bei Wolgograd und Mama studierte in Moskau an einer Fachschule für Tierhaltung und Veterinärmedizin. Als die Nachricht über die Deportation bekannt gemacht wurde, blieben 24 Stunden, um abmarschbereit zu sein. Opa ordnete an, dass Filzstiefel und ein Wintermantel mitzugehen hatten. Sie retteten meine Mutter später, als sie in die Arbeitsarmee kam und in Pochwistnewo beim Bau einer Ölleitung eingesetzt wurde. Auch eine Gitarre musste mit. Mama schrieb Opa aus der Arbeitsarmee einmal: „Verkauf alles – bis auf die Gitarre.“

Filzstiefel, Mantel und Gitarre wurden bis zum Lebensende in Ehren gehalten. Wenn Mama und Opa uns etwas von jenen Jahren erzählt hätten, dann hätten auch wir sie aufbewahrt. So sind ein Eckchen aus Omas Aussteuer mit den Initialen MK (sie hieß Maria-Kristin), Vorkriegsfotogra­fien, ein Sammelband mit Kirchenliedern und Mamas Schatulle erhalten geblieben.

Ida Liss aus dem sibirischen Dorf Panfilowo zwischen Kemerowo und Leninsk-Kusnezkij  

Papa stammte aus Mariental, zog aber nach der Hochzeit zu Mama in die Kolonie Zürich um. 1939 wurde er zur Armee eingezogen. Er diente in Ordschonikidse, stand bei Kriegsbeginn an der Front und geriet schon nach wenigen Tagen in einen Bombenhagel. Als er im Krankenhaus lag, erreichte ihn die Nachricht von der Deportation der Wolgadeutschen. Er schrieb seiner Frau, dass sie so viel mitnehmen solle, wie sie könne.

Ins Gepäck kamen letztlich eine Bibel und ein Liederbuch, gedruckt 1863 in Leipzig und mit einem Büchereistempel versehen, Dokumente und Klöppelarbeiten, offenbar noch aus Vorkriegszeiten. Hier war an Klöppeln dann gar nicht mehr zu denken.

Aufgeschrieben von Olga Silantjewa

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