Das Land der Scheinwaren

Russland ist ein Paradies für Fälscher. Der Markt wächst, vor allem im Luxussegment. Aber auch in anderen Bereichen wird fleißig kopiert. Während die Menschen gerne auf die Waren zugreifen, läuft der staatliche Schutz nur zögerlich an.

Blick ins Schaufenster: Schuhe gehören zu den meistgefälschten Waren in Russland. © pxhere.com

Eine schicke Handtasche, das neueste Schuhmodell oder eine exklusive Jacke. Russen zeigen gerne nach außen, was sie besitzen. Doch immer öfter trügt der Schein. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass das, was dort glänzt, ein Plagiat ist, ist hoch. In Russland finden kopierte Waren mehr Anklang als in den meisten anderen Ländern. Im vergangenen Jahr ist der Schwarzmarkt zwischen Kaliningrad und Wladiwostok um fünf Prozent gewachsen, wie die auf Markenrecht und gefälschte Waren spezialisierte Anwaltskanzlei Brandmonitor jetzt in einer Untersuchung herausfand.

Im Segment der Luxusgüter wurde mit nachgemachten Gütern 2018 sogar erstmals mehr umgesetzt als mit den Originalen. So kauften die Russen Edeltaschen, Schuhe und Kleidung im Wert von 280 Milliarden Rubel (vier Milliarden Euro), während der legale Handel lediglich 248 Milliarden Rubel (3,5 Milliarden Euro) und damit 13 Prozent weniger einnehmen konnte. Weltweit wird der Schwarzmarkt auf 30 bis 35 Prozent taxiert.  

Wachstum im Onlinehandel

Brandmonitor geht davon aus, dass der Markt gefälschter Luxusartikel auch weiter wachsen wird. Und das vor allem im Internet. Dort wurden im vergangenen Jahr 84 Milliarden Rubel (1,2 Milliarden Euro) über soziale Netzwerke und 25 Milliarden Rubel (350 Millionen Euro) über Messenger umgesetzt. Wer sich im „Land des Fake-Luxus“, wie die Tageszeitung „Kommersant“ schrieb, mit nachgemachter Ware eindecken will, tut das immer noch im lokalen Handel.

So entfallen auf Einkaufszentren 40 Prozent und auf Kleidungsmärkte 30 Prozent des Umsatzes, wie Brandmonitor schreibt. Letztere sind jedoch in Moskau immer seltener anzutreffen. Wegen der Politik des Moskauer Bürgermeisters und hoher Mieten sind viele ins Umland gezogen. In der Stadt gibt es Fake-Waren jeglicher Qualität nur noch auf dem Dubrowka-Markt zu kaufen. Ein Nahkaufangebot, das sowohl von ärmeren aber auch reichen Moskauern gerne angenommen wird, wie die Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ herausfand. 

Gefälscht wird fast alles 

Gefälschte Waren sind in Russland nicht nur im Luxussegment anzutreffen, sondern in nahezu allen Bereichen. Denis Manturow, Minister für Wirtschaft und Handel, sprach bereits 2017 davon, dass je nach Sektor zwischen 20 und 50 Prozent aller Güter nicht original seien. Die Gesamtsumme für Russland bezifferte er auf zwei Billionen Rubel (28,3 Milliarden Euro). 

Die Fachzeitschrift „Farmazewtitscheskij westnik“ schrieb erst im Juni, dass im Kosmetikbereich kopierte Produkte im Wert von 200 Millionen US-Dollar im Umlauf seien. Größere Aufmerksamkeit erhielt die Sprecherin des Föderationsrates Walentina Matwijenko, als sie am 8. Juli erklärte, dass 80 Prozent des Mineralwassers in russischen Geschäften unklarer Herkunft oder gefälscht seien. So seien erst kurz zuvor 30 Firmen, die das beliebte Mineralwasser „Jessentuki“ verkauften, verboten worden, da sie keinen Zugang zu den Brunnen hatten und deshalb das Warenzeichen nicht verwenden durften.

Sergej Tschemesow, Generaldirektor der Staatsgesellschaft Rostec, sprach bei einem Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin Anfang Juli davon, dass Trinkwasser das am meisten gefälschte Produkt sei und oft überhaupt nicht klar sei, woher es komme. Allerdings nannte er Größenordnungen von 25 bis 30 Prozent. Putin forderte er auf, Maßnahmen zu ergreifen. 

Die Menschen kaufen, der Staat zögert

Der Kampf gegen gefälschte Waren gestaltet sich in Russland bisher schwer. Das liegt auch daran, dass nachgemachte Produkte in der Bevölkerung ein hohes Ansehen genießen. Wie die Wirtschaftszeitung „RBK“ unter Berufung auf eine Umfrage von Brandmonitor im März 2018 schrieb, haben 86  Prozent der Russen kein Problem damit, gefälschte Waren zu kaufen. 75 Prozent der damals Befragten würden ein Plagiat sogar als Geschenk erwerben. Dabei war die Zustimmung besonders im Fernen Osten und im Nordkaukasus hoch.

Die Menschen in der Hauptstadt zeigten sich wählerischer. Hier bestand jeder Fünfte darauf, nur Originalware zu kaufen. Überhaupt verschwimmt in der Wahrnehmung vieler Russen die Grenze zwischen Original und Fälschung. „Russen kaufen Kopien und Nachahmungen nicht, weil sie billiger sind, sondern weil sie sie für legale Produkte halten, die dem Original in Preis und Qualität in nichts nachstehen“, schreibt „RIA Novosti“ dazu.

Registrierung aller Waren geplant

Hinzu komme, dass Fälschungen in Russland nur als solche gelten, wenn ein Gericht dies bestätigt, zitiert die Nachrichtenagentur die Qualitätsprüfer von Roskatschestwo. Testkäufe von Brandmonitor kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass gefälschte Produkte durchaus von guter Qualität sein können. 

Im Jahr 2016 reagierte der russische Staat erstmalig auf die zunehmenden Fälschungen und initiierte ein Projekt, das Originalwaren als solche markieren soll. Als erstes Produkt kamen Pelzwaren in den Genuss dieser Qualitätsbestätigung. Bei Lebensmitteln unterliegen aktuell nur Milchprodukte der Markierung. Dies kostet die Hersteller 25 Milliarden Rubel pro Jahr. Seit dem 1. Juli 2019 unterliegen auch Schuhe und einige pharmazeutische Produkte der Kennzeichnung. Bis 2024 sollen schließlich alle Originalwaren in Russland als solche zertifiziert werden. 

Daniel Säwert

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