Auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben

Menschen mit Behinderungen erkämpfen sich langsam den Weg in die russische Gesellschaft und die Arbeitswelt. Für viele von ihnen sind die Abilympics das Sprungbrett. Denn hier können sie zeigen, was sie draufhaben.

Volle Konzentration beim Polieren. Anastassija Koldaschowa (rechts im Bild) zeigt auf den Abilympics, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hat. /Foto: Lisa Petzold

Es ist Anastassija Koldaschowas großer Tag. Nach langer Vorbereitung kann die junge Frau Mitte November auf dem Ausstellungsgelände WDNCh endlich zeigen, was sie in den vergangenen Monaten alles gelernt hat. Und so poliert die Gastronomieauszubildende Besteck, Gläser und Teller, faltet Servietten zu kleinen Kunstwerken und deckt einen Tisch für Gäste ein. Doch Anastassija ist keine gewöhnliche Frau. Denn die 17-Jährige ist von Geburt an taubstumm und die Abilympics sind ihre große Chance, etwas näher an der „normalen“ Welt zu sein. Anastassija gehört zu den 13,3 Millionen Menschen in Russland mit Behinderungen. Wurde diese Gesellschaftsgruppe in der Sowjetunion noch an den Rand gedrängt, hat in den vergangenen 20 Jahren ein langsames Umdenken eingesetzt. Menschen mit Behinderungen werden in kleinen Schritten zu einem Teil der Gesellschaft. So sind mittlerweile zwischen acht und 15 Prozent berufstätig, wie die Konrad-Adenauer-Stiftung ermittelt hat.

Integration mit Wettbewerb

Geholfen haben der Integration auch Wettbewerbe wie die Abilympics, die die Grundlage zur Persönlichkeitsentwicklung und Berufsorientierung legen wollen. Erstmals 1953 in Japan ausgetragen, wurde die Idee 2014 von der Abteilung für Arbeit und sozialen Schutz der Stadt Moskau übernommen, die seitdem Schirmherrin ist. Die veränderte russische Gesellschaft sehe Behinderungen nicht mehr als Fehler, sondern versuche, die Vorteile zu erkennen, ist Valentina Bogdanowa überzeugt. Die Lehrerin für Restaurant-Service an der Berufsschule für Management, Gastgewerbe und Informationstechnologie in Zaryzino glaubt, dass die Abilympics dazu beitragen, die Haltung der Gesellschaft gegenüber der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen zu verändern und notwendige Voraussetzungen für eine barrierefreie Ausbildung zu schaffen. An ihrer Einrichtung werden seit Jahren Menschen mit Einschränkungen von Lehrern und Pädagogen betreut und in Berufen geschult, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind und ein selbstständiges Leben ermöglichen. So schließen jedes Jahr Gärtner, Masseure oder Restaurantfachkräfte wie Anastassija die Berufsschule im Moskauer Süden ab. Anastassija ist stolz auf das, was sie erreicht hat. Es gehe ihr nicht darum, eine Medaille von den Abilympics mit nach Hause zu nehmen, sagt sie. Sondern einfach darum, sich in ihrem Traumberuf verwirklichen zu können. Und das möglichst bald in einem Restaurant.

Lisa Petzold

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