
In der Novemberausgabe der Zeitschrift „Gosudarstwo“ (Staat), die vom Institut der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsverwaltung herausgegeben wird, erschien ein Artikel von Alexander Haritschew. Im Text mit dem Titel „Wer sind wir?“ hat der Mitarbeiter der Präsidialverwaltung und Leiter der Abteilung für Monitoring der sozialen Entwicklungen eine Liste von Herausforderungen formuliert, mit denen sich Russland seiner Meinung nach konfrontiert sieht.
Diese umfassen Spaltung und Konflikte in der Gesellschaft, Verlust der staatlichen Souveränität, Bevölkerungsrückgang und die Ablehnung von Familie und familiären Werten, Verlust des Vertrauens in die Regierung sowie Entmenschlichung und Transhumanismus.
Der Artikel blieb weder von den regierungsnahen Medien, wie dem Fernsehsender „Zargrad“, noch von der Opposition unbemerkt. Der Grund dafür ist klar: Der Text gibt nicht nur die Meinung des Autors wieder, sondern spiegelt auch die Stimmung in den höchsten Führungsetagen des Landes wider. Hier sind Formulierungen und Worte wichtig. Und wenn der Autor einen „Bürgerkrieg“ als Bedrohung für das Land sieht, kann man davon ausgehen, dass die Regierung eine solche Entwicklung tatsächlich befürchtet.
Ist das wirklich so? Sind die Reden, die die Russen jedes Jahr am 4. November, dem Tag der nationalen Einheit, hören, nur ein Vorwand, um die unschöne Realität zu verschleiern? Und woher kommt eigentlich die Gefahr für die Gesellschaft nach Meinung des Beamten, der soziale Entwicklungen überwacht?
Laut Haritschew kann ein großer Zusammenstoß durch verschiedene Umstände ausgelöst werden, nämlich durch „Konflikte auf nationaler oder religiöser Grundlage, Generationskonflikte oder Eigentumsstreitigkeiten“.
Das passt gut zur Logik der Nationalpatrioten, wie aus den Kommentaren auf der „Zargrad“-Webseite hervorgeht. Eine Zeit lang lautete der Slogan der rechtspopulistischen Partei LDPR „Für die Armen, für die Russen!“. Nun hat diese Parole alle Chancen, von der Parteiebene auf die staatliche Ebene zu gelangen.
Igor Beresin


