Abbau von Visahürden: Taten und Absichten

Die Visaprozedur gehört zu den größten Hemmnissen im deutsch-russischen Reiseverkehr. Jetzt sind die Dinge in Bewegung geraten – konkret in einer Richtung, zumindest verbal in der anderen.

Seit 1. Juli hat sich die Oblast Kaliningrad, Russlands westlichste Region, natürlich nicht vom Fleck bewegt, aber trotzdem einen Schritt auf andere Länder zugemacht. Staatsbürger von 53 Nationen (davon 38 europäische) können seitdem mit einem E-Visum einreisen, das 30 Tage gültig ist und zu einem Aufenthalt von bis zu acht Tagen berechtigt. Es kann kostenlos übers Internet beantragt werden. Dafür muss lediglich ein Formular online ausgefüllt werden. Die Bearbeitungsdauer beträgt maximal vier Kalendertage. Nach Angaben der regionalen Regierung, auf die sich die „Komsomolskaja Prawda“ beruft, ist die neue Regelung erfolgreich angelaufen. Im ersten Monat seien 20.000 Anträge eingegangen und 10.000 Einreisen zu verzeichnen gewesen, hieß es. Etwa die Hälfte davon entfiel auf Litauen, den Nachbarn im Osten. Besonders groß war die Resonanz demnach auch in Polen, Lettland und Deutschland.

E-Visa für ganz Russland ab 2021 geplant

Das E-Visum gilt ausschließlich für die Exklave Kaliningrad. Wer von dort ins russische Kernland weiterreisen will, braucht nach wie vor ein Standardvisum. Allerdings ist bereits eine landesweite E-Visa-Einführung zum 1. Januar 2021 in Vorbereitung. Präsident Wladimir Putin hat die Regierung angewiesen, die nötigen Maßnahmen zu treffen. Im Frühjahr wurde dazu eine Arbeitsgruppe gebildet. Nach jetzigem Stand sollen die E-Visa für eine einmalige Einreise und bis zu 16 Tagen Aufenthalt ausgestellt werden. Der Reisezweck – Tourismus, Business, Kultur etc. – wäre unerheblich. Kostenlos sollen die E-Visa im Unterschied zur bisherigen Praxis nicht sein. Im Gespräch ist ein Preis von 50 US-Dollar.

Erfahrungen mit elektronischen Visa sammelt Russland bereits seit 2017, als entsprechende Erleichterungen für den Fernöstlichen Verwaltungsbezirk mit seiner Hauptstadt Wladiwostok (immerhin 40 Prozent der Fläche Russlands) in Kraft traten. Allerdings erstrecken sie sich nur auf Bürger aus 18 Staaten, hauptsächlich asiatischen und afrikanischen.

Zur Fußball-WM 2018 konnten ausländische Fans gleich ganz visafrei einreisen. Voraussetzung dafür war der Besitz eines Tickets und der sogenannten Fan-ID. Für die Betreffenden wurde die Regelung nach der WM sogar bis Jahresende verlängert.

Teilweise Visafreiheit: Polen und Tschechien dagegen

In entgegengesetzter Richtung ist bisher alles beim Alten. Während etwa Georgier und Ukrainer in der EU mittlerweile Visafreiheit genießen, hat man sich im Westen selbst in politisch weniger angespannten Zeiten schwer damit getan, einen ähnlichen Schritt auch für Russland anzubahnen. Inzwischen ist davon überhaupt keine Rede mehr. Aber immerhin gibt es Signale. Im Vorfeld des diesjährigen Treffens des Petersburger Dialoges Mitte Juli in Königswinter plädierte dessen deutscher Co-Vorsitzender Ronald Pofalla in einem Interview dafür, Russen unter 25 Jahre Visafreiheit im Schengen-Raum zu gewähren. Darüber wolle man in einer Arbeitsgruppe konkret sprechen, so der frühere Kanzleramtschef. Die Initiative geht auf einen Vorschlag des Russlandbeauftragten Dirk Wiese zurück. In der deutschen Regierung wäre der wohl mehrheitsfähig. Doch bei Schengen reden auch andere Länder mit. Polen und Tschechien haben bereits ihren Widerspruch angemeldet. Pofalla gibt die Hoffnung allerdings nicht auf: Er werde die Vorbehalte zu entkräften versuchen, sagte er.

Tino Künzel

Und was denken junge Russen über die Abschaffung der Visapflicht? Wir haben uns im Lichte des Vorstoßes bei denen umgehört, um die es geht, und russische Studenten dazu befragt.

Europa, wir kommen

Schulabgänger bei ihrem Abschlussball in der südrussischen Stadt Maikop © Vitalij Timkiw / RIA Novosti

Natalja Andrejewa, 20, Pensa
Studentin im Verwaltungswesen

Eine Kommilitonin von mir war diesen Sommer in Deutschland. Die hat mir erzählt, dass sie ein halbes Jahr vorher mit der Visabeantragung angefangen hat. Sie musste dafür aus Pensa nach Moskau fahren, was immerhin 600 Kilometer sind. Das war alles sehr umständlich, hat eine Menge Geld und Zeit gekostet. Visafreiheit würde also vieles erleichtern und vereinfachen.

Ich selbst war noch nie in Europa und überhaupt im Ausland. Aber wenn die Visumspflicht entfiele, würde ich diese Chance unbedingt nutzen. Ich hatte Französisch im Studium und wollte schon immer mal nach Frankreich. Man sagt, die Europäer seien viel toleranter, während man dir bei uns immer Vorschriften macht. Etwa was die Kleidung anbetrifft. Ich habe gehört, dass sich dort jeder kleidet, wie er will. Bei uns kriegt man da schnell was zu hören. Aber ich finde, das ist Privatsache und sollte akzeptiert werden.

Wladimir Gischtschenko, 18, Wolgograd
Medizinstudent

Es gibt auf beiden Seiten viele Vorurteile. Aber die sind leicht zu überwinden, indem man sich gegenseitig besucht. Wenn man etwas mit eigenen Augen sieht, dann lösen sich diese Klischees einfach in Luft auf.

Ich bin absolut davon überzeugt, dass eine Visafreiheit rege genutzt würde. Das Interesse an Europa unter russischen Jugendlichen ist riesig. Als wir uns zu Beginn des Studiums alle vorgestellt haben und die anderen erfuhren, dass ich schon in allen möglichen Ländern Europas war, musste ich viele konkrete Fragen beantworten. Ich war auch mal kurz in Amerika, aber das hat bei Weitem kein so großes Echo hervorgerufen. Es ist Europa, wo­rauf alle heiß sind.

Ich selbst hatte nie Probleme mit dem Visum. Mein Vater war 1991 als Austauschstudent in Köln. Seitdem sind wir regelmäßig in Deutschland. Ein tolles Land. Ich kann mir gut vorstellen, nach dem Studium dorthin überzusiedeln. Wenn man in Russland als Arzt in einem Provinzkrankenhaus arbeitet, dann reicht das Geld kaum zum Leben. Andererseits ist die russische Ausbildung auch international anerkannt, unsere Ärzte werden im Ausland geschätzt. Ich möchte mich weiterentwickeln und meinen Kindern, wenn ich später mal welche habe, eine gute Zukunft bieten.

Alina Gndojan, 20, Wolgograd
Studentin im Verwaltungswesen

Da streiten sich zwei Seelen in meiner Brust. Einerseits ist Visa­freiheit natürlich sehr gut. Das bedeutet mehr Begegnung, mehr Erfahrungsaustausch, mehr Möglichkeiten. Andererseits führt das womöglich dazu, dass noch mehr Leute unser Land verlassen wollen. Und das, wo es bei uns mit der Demografie ohnehin nicht zum Besten bestellt ist.Mir scheint, dass die Mehrheit lieber heute als morgen weggehen würde.

Wenn ich allein meine Freunde höre: Die sind doch nur am Schimpfen. Auf die Regierung, die Behörden, die Infrastruktur. Dass nichts los ist, dass man so nicht leben will. Ich denke im Gegenteil, dass man selbst etwas tun muss, wenn man unzufrieden ist. Ich liebe Russland. Hier gibt es schon geografisch alles: Eiseskälte im Norden, Hitze im Süden. Die verschiedensten Nationalitäten und Kulturen. Mir gefallen die Extreme, auch in unserer Lebensart, das Adrenalin. Ich möchte, dass die Menschen bleiben und wir hier etwas bewegen.

Mit 17 war ich mal für drei Wochen zum Schüleraustausch in Deutschland. Alles wunderbar, aber dort sesshaft zu werden – nein, das hätte ich mir nicht vorstellen können. Unsere Mentalitäten sind schon sehr verschieden. Zum Beispiel hatte ich mich sehr auf das deutsche Essen gefreut. Die Deutschen sind ja vergleichsweise wohlhabend, die können es sich leisten, richtig aufzutischen. Aber dann gab es ständig nur belegte Brote, es wurde kaum mal warm gegessen. Als die Tochter meiner Gastfamilie bei uns zum Gegenbesuch war, haben wir sie in der Beziehung total verwöhnt. Die hat vielleicht gestaunt.

Noch so eine Momentaufnahme: Ich habe in Deutschland am Stadtrand von Frankfurt gelebt. Einmal sind wir abends so um acht zum Spazierengehen rausgegangen. Da war alles menschenleer. Und ich habe mir gedacht: Hm, komisch, bei uns geht das mit dem Herumziehen um die Zeit gerade erst los.

Oder: Wir sind an einem Wägelchen mit Äpfeln vorbeigekommen. Die waren fein säuberlich drapiert und man hatte das Ganze sogar schön beleuchtet. Ein Verkäufer war nicht zu sehen, es gab stattdessen eine Kasse des Vertrauens, wo man das Geld hinterließ, wenn man sich Äpfel nahm, wie man mir erklärte. Da habe ich mir gedacht: Unsere Russen würden nicht nur die Kasse mitgehen lassen, sondern auch noch das Wägelchen auseinandernehmen.

Manchmal habe ich mich ganz schön verrückt gemacht, nach allem, was ich im Vorfeld gelesen hatte. Habe ständig das Licht ausgeschaltet, weil ich wusste, dass die Deutschen doch so sparsam sind. Habe meine Gastfamilie vorm Duschen gefragt, wie lange ich wohl das Wasser laufen lassen darf.

Ich will damit nur sagen, dass man unsere Unterschiede nicht unterschätzen und sich nicht blenden lassen sollte, wenn man irgendwohin als Tourist kommt. Der Alltag ist dann noch mal etwas ganz anderes. Doch ich bin sehr dafür, dass wir in Europa Grenzen überwinden, die noch aus dem Kalten Krieg stammen, und uns besser kennenlernen.

Wassilij Akatjew, 22, Tobolsk
Pädagogikstudent

Ich bewundere den Westen, aber bin auch ein Patriot und habe Hochachtung vor unserem Präsidenten. Weder das westliche noch das russische Modell sind ideal. Wir hätten viel voneinander zu lernen. Aber ob das wirklich funktioniert, weiß ich nicht. Meistens will jeder vor allem beweisen, dass er der Beste ist, besonders wir. Wenn ich mit meinen Freunden in den Urlaub fahre, dann ist das erste, was wir tun: Wir gucken uns Ausländer aus, um uns mit ihnen zu messen. Dann geht das los: Schach ist obligatorisch. Letztes Jahr in der Türkei haben wir mit Engländern ein Kanurennen veranstaltet. Für September sind wir mit ihnen wieder verabredet.

Ramasan Guschanow, 19, Wolgograd
Student im Verwaltungswesen

Wenn ich allein meinen Freundeskreis nehme, dann würden viele gern mal nach Europa fahren, um zu sehen, wie die Leute da leben, Einheimische kennenzulernen, den eigenen Horizont zu erweitern. Wäre also perfekt, wenn die Visa abgeschafft würden. Bis 25 hat man auch mehr Möglichkeiten, sich in der Welt umzuschauen, denn nach dem Studium ist man dann meist durch Arbeit und Familie gebunden.

Anastassija Paschnjewa, 20, Saratow
Jurastudentin

Es wäre auf jeden Fall von Vorteil, sich ein besseres Bild von bestimmten Ländern und Völkern machen zu können. Russland ist zwar selbst ein Vielvölkerstaat, aber ich würde nicht sagen, dass wir sonderlich tolerant gegenüber anderen sind. Erst recht gilt das für Länder, mit denen wir politisch oder wirtschaftlich über Kreuz liegen. In Sachen Toleranz können wir noch viel lernen.

Ich selbst würde auch gern mehr reisen, aber leben und arbeiten will ich nur in Russland. Ganz egal, was mir vielleicht auch nicht gefällt an der Politik, den Behörden, der wirtschaftlichen Lage: Hier ist mein Zuhause, hier sind meine Eltern, hier bin ich geboren und habe alle meine Freunde.

Die Stimmen sammelte Tino Künzel.

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