Die Chronologie des Festes der Feste: So wird Silvester in Russland gefeiert

Zu Silvester werden in Russland Wünsche wahr: Bei den Kleinen sorgt dafür Väterchen Frost, die Großen warten auf den Gongschlag der Kremluhr zu Mitternacht. Aber damit allein ist das russische Silvester längst nicht beschrieben. Wir haben vier Russen aus vier Städten gebeten, uns von ihrem 31. Dezember zu erzählen. So ist eine Chronologie des Festes der Feste entstanden.

Silvester

Zu Silvester darf man auch mal aus der Rolle fallen: Väterchen Frost und Snegurotschka in Moskau vor der Kulisse des Kremls. / RIA Novosti

8:30

Anna Skidanowa wird von ihrer Mutter zum Markt geschickt, um Zutaten für die Silvesterspeisen einzukaufen. Anna ist 19 und studiert Internationale Beziehungen an der Staatsuniversität in Woronesch. Aber den Jahreswechsel feiert sie im Kreise der Familie zu Hause in Gubkin, einer Stadt zwischen Woronesch und Belgorod. Das verstehe sich von selbst, meint sie. Eine der großen Silvestertraditionen daheim ist kulinarischer Art. Annas Mutter wurde in Georgien geboren, deshalb wird an jedem 31. Dezember Saziwi zubereitet, ein georgisches Hähnchengericht in Walnusssoße. Als Anna noch klein war, durfte sie nur die Nüsse mahlen, heute vertraut man ihr längst die gesamte Sauce an, die später mit Fladenbrot serviert wird.

9:00

In Staryj Oskol, das gar nicht weit von Gubkin entfernt ist, steht Galina Roschtschupkina bereits am Herd. Früher hat die 60-Jährige in einer Konditorei gearbeitet, jetzt ist sie seit fünf Jahren in Rente und kocht für ihr Leben gern. Am Silvestermorgen werden die Fleischspeisen und die Salate vorbereitet, zum Beispiel der Salat Olivier, ohne den das russische Neujahrsfest nicht vorstellbar ist, mit kleingeschnittenen Pellkartoffeln, Karotten, Gurken, Zwiebeln, Wurst und Äpfeln. Huhn hält die Küchenchefin diesmal übrigens für unpassend, denn nach dem chinesischen Sternkalender ist 2017 das Jahr des Hahns: „Das könnte Ärger geben.“

12:00

Nikolaj Schatunow trifft mit seiner Familie bei der Schwiegermutter auf dem Land ein. Schatunow, 48 Jahre, ist Skilanglauftrainer und wohnt in Wolgoretschensk bei Kostroma. Zu Silvester kommt die gesamte Verwandtschaft bei der Schwiegermutter zusammen, die in einem Holzhaus wohnt, wie es einst die Sowchose den Bauern zur Verfügung stellte, und deshalb genug Platz hat. Bis zum Abend ist noch viel zu tun. Die Männer sind für den eher rustikalen Teil zuständig und bauen im großen Saal die Tafel auf.

16:00

Nikolaj verdrückt sich mit seinem Schwiegervater in die Banja. Das neue Jahr an Körper und Seele gereinigt zu beginnen, findet er eine gute Idee. „Aber mehr sollte man da auch nicht hineininterpretieren“, schmunzelt er. Vor allem ist die Schwitzkur für ihn eine Wohltat – und zwar zu jeder Jahreszeit.

Silvester

Dieser Beitrag erschien zu unserer Zeitungsreihe „Ein Tag im Leben von …“.

17:00

Auch der russische Silvester-TV-Klassiker schlechthin spielt teilweise in der Banja. „Ironie des Schicksals“ von 1975 wird meist am späten Nachmittag gezeigt. Und auch die Studentin Anna schaut dann mindestens mit einem Auge hin. Warum der Film um einen jungen Mann, der in eine fremde Wohnung in einer anderen Stadt eindringt, weil es in den sowjetischen Plattenbaugebieten überall gleich aussieht und er glaubt, er sei zu Hause, wohl so beliebt ist? „Er ist gleichzeitig lebensnah und lustig“, findet Anna, die alle Dialoge längst auswendig kennt. (Links zu russischen Silvesterfilmen finden Sie am Ende des Beitrags.)

19:00

Rentnerin Galina gönnt sich zwei Stunden Zeit für sich. Die Haare hat sie sich schon vor zwei Tagen machen lassen, jetzt nimmt sie ein Bad, trägt Schminke auf und zieht sich fein an. Für den Anlass wird jedes Jahr mindestens ein Kleidungsstück neu gekauft, um die anderen Gäste zu überraschen.

21:00

Der kleine Sascha Nikitin aus Murom an der Oka trägt heute ausnahmsweise ein Hemd mit Krawatte. Dann nimmt der Achtjährige mit seinen Eltern und seinem großen Bruder Ljoscha am Wohnzimmertisch Platz. Beim Essen geht man das Jahr noch mal durch. Was war gut, was weniger, welche Pläne haben wir für die Zukunft?

21:30

Deutsche Kinder werden zu Weihnachten beschenkt, russische zu Silvester. Und jetzt ist es für Sascha endlich soweit: Er darf die Geschenke unterm Tannenbaum aus­packen. Letztes Jahr hat ihm Väterchen Frost ein Tablet gebracht. Oder etwa nicht Väterchen Frost? An den hat er früher sogar noch Wunschzettel geschrieben, bis er herausfand, dass der Herr Frost seinem Opa doch auffällig ähnlich sah. Eine Zeit lang haben seine Eltern auch die Nachbarn mit eingespannt und ihnen einen Sack mit Geschenken in die Hand gedrückt. Die Nachbarn haben dann geklingelt und sind weggelaufen. Wenn Sascha die Tür geöffnet hat, war da niemand, nur ein Sack von Väterchen Frost. Da hat er vielleicht Augen gemacht!

22:00

Anna und ihre Eltern haken sich unter und laufen in die Nacht. Der halbstündige Fußweg zu Annas Großeltern, wo gefeiert wird, ist gleichzeitig die Einstimmung auf das Fest. Und obwohl Anna nun schon erwachsen ist, schaut sie bei Oma und Opa nach wie vor als erstes unter den Tannenbaum. Man habe sich auch ein bisschen Heimlichkeit bewahrt: „Jeder legt seine Geschenke in einem unbeobachteten Moment ab. Sogar am Morgen des 1. Januar kann man dort manchmal noch einen Fund machen.“ Ihr schönstes Geschenk aller Zeiten? „Als ich drei oder vier Jahre alt war, habe ich eine Handpuppe geschenkt bekommen: ein weiches Kätzchen in blauer Farbe. Das war einfach pure Magie, von da an habe ich alles um mich herum vergessen. Ich weiß nur noch, dass mein Papa mit mir – und dem Kätzchen – die ganze Nacht gespielt hat.“

23:00

Bei Galina ist die Festgesellschaft komplett: Kinder, Enkel, ehemalige  Kollegen. Auf dem Tisch steht zur Feier des Tages das teuerste  Porzellan. Bis Mitternacht gibt es kalte Speisen, das Beste hebt man sich für nachher auf. Im Hintergrund läuft der Fernseher, bis er ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerät.

23:55

Auf allen Kanälen hält der Präsident seine Neujahrsansprache. Danach muss es schnell gehen. Während die Kremluhr zwölf Mal schlägt, murmeln viele Russen ihren sehnlichsten Wunsch – oder schrei­ben ihn auf einen Zettel, zünden diesen an und versenken die Asche im Sektglas. Die Chancen sollen dann besonders hoch sein, dass er sich erfüllt. „Wenn das Glocken­spiel erklingt, dann passiert in mir drin etwas. Ich fühle mich einfach gut“, sagt Galina. Ihr Wunsch vom vorigen Silvester ist in Erfüllung gegangen, wenn das auch einen traurigen Hintergrund hatte. Ans Meer wollte sie fahren. Dann ist dieses Jahr ihre Mutter mit 88 Jahren gestorben. Da haben die Kinder eine gemeinsame Reise ans Schwarze Meer organisiert, um Galina abzulenken.

0:00

Unter Hurra-Rufen wird bei Anna, Galina, Nikolaj und Sascha angestoßen. Damit bricht nicht nur das neue Jahr, sondern auch die Zeit der Trinksprüche an.

1:30

Ganz Russland trifft sich um diese Zeit bei der jeweils nächstgelegenen Jolka, der Silvestertanne, im Ort. Für Galina ist das die am Kulturhaus „Komsomolze“ in ihrem Wohngebiet. Dort spielt dann jemand mit dem Akkordeon auf. Dazu wird getanzt, gegessen und getrunken. Um zwei Uhr gibt es ein städtisches Feuerwerk. Dann kehrt man zu Tee und Kuchen nach Hause zurück. Und um die Mittagszeit sieht man sich wieder  – zum Katerfrühstück.

2:00

Anna bringt ihre Eltern von der Jolka nach Hause und zieht wieder los, diesmal mit Freunden.  Seit sie die Schule beendet haben, sehen sie sich nur noch selten. Von den Jungs sind viele geblieben, die meisten arbeiten in der Metallurgie, weil es einen großen Eisenerz-Tagebau in der Nähe gibt. Aber die Mädchen studieren alle irgendwo. Umso mehr weiß man die gemeinsamen Stunden zu Silvester zu schätzen. Schneeballschlachten, Eislaufen, Pizzaessen  – es wird viel gelacht, bis zum frühen Morgen. Und auch das ist „nicht das Ende, sondern nur der Anfang“, erzählt Anna. Tradi­tionell verabrede man sich gleich für den Abend: „18 Uhr, an der Jolka.“

Tino Künzel

 

Eine kleine Auswahl der besten russischen Silvesterfilme:

Jolki (2010)

http://megogo.net/ru/view/21288-elki.html

Jolki 2 (2011)

http://megogo.net/ru/view/21290-elki-2.html

Ironie des Schicksals (1975)

https://my-hit.org/film/3862/

Ironie des Schicksal. Die Fortsetzung (2007)

https://www.youtube.com/watch?v=x3t_7pcO50g

 

 

 

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