Jazz mit Beilagen

Hier bekommt man neben Genuss für den Gaumen auch was auf die Ohren – unser aktueller Restaurant-tipp mit "Blue Note".

Jazz

Foto: Alexey Kozlov Club

Jazz in Russland? Aber ja. Und wie. Seit dem 1. Oktober 1922. Da spielte eine Band, die sich vollmundig aber rechtens „The First Jazz Band of the Republic“ betitelte, in Moskau erstmalig nach den Klangmustern der sogenannten „Western reality“.

Ob das den damalig herrschgewaltigen Sowjetmachthabern besonders gut in den Ohren klang, ist nicht überliefert. Jedenfalls wurde es geduldet. Als Lieblingsmusik aus den mit der UdSSR alliierten USA im 2. Weltkrieg dann gar gefördert. Dem wurde aber dann zu Beginn des Kalten Krieges flugs die Bühne unter den Füßen weggezogen. Öffentliche Wiederbelebungsversuche trauten sich Musiker hierzulande erst wieder Ende der 1950er Jahre.

Inzwischen haben es so einige russische Solisten längst zu Ruhm in der weltweiten Jazzszene gebracht. Jazz jeder Stilrichtung in zahlreichen Klubs bereichert heute längst die quicklebendige Kulturszene der russischen Hauptstadt. Wahrscheinlich sogar mehr als in manch anderer Metropole Europas. Wenn Jazz auch nicht unbedingt zu den Ohrwürmern der Massenbevölkerung zählen dürfte.

Prosecco Pelmeni originalEine der Pilgerstätten ist gleich unterhalb des ehemaligen Olympia-Schwimmbads von 1980 gelegen: der traditionelle „Alexey Kozlov Club“. Hier finden an die 400 Live-Konzerte pro Jahr in zwei Sälen statt. Trotzdem ist das Lokal eigentlich nur für Insider direkt zu orten, zumal der Straßenzugang doch etwas unpassend eher an den Eingang zu einer Gartenlaube erinnert und der Gastraum sich dann auch noch hinter einem gut bestückten Bücherregal verbirgt.

An diesem Abend steht die „Valentin Dmitriev&VD-Band“ auf der mit Spotlights bestrahlten Bühne vor nachtblauen, samtenen Vorhängen. Das Licht schummrig gedämpft, erhellen nur blankgewienerte Saxophone und Gitarren in beleuchteten Glasvitrinen den weitläufigen Raum mit Bistrotischen und Ledersofas. Das junge Ensemble bringt Finger auf der Tischplatte zum Trommeln und Füße auf dem Boden zum Wippen. Die teilweise eigenen Kompositionen mit hohem Improvisationstalent machen schrill und virtuos Unterhaltungen überflüssig, ja geradezu unmöglich. Erkennbar fasziniert daddelt auch ausnahmsweise mal kaum einer der gut 50 Zuhörer aller Altersklassen an seinem Smartphone.

Der Blick auf den Teller und ins Glas verspricht dabei weitere sinnliche Genüsse. Denn hier gibt es nicht nur Ohrenschmaus. Dafür, dass die meisten der Besucher natürlich hauptsächlich wegen der außergewöhnlichen Musik hergekommen sind, läuft auch die Gastronomie auf Hochtouren. Wobei die Speisenangebote – die üblichen Verdächtigen wie griechischer Salat, einfache Pastagerichte, Suppen und ein paar Desserts – auf eine Seite passen, besetzt die Barkarte heftige 14 A4-Seiten. Mit allem, was genügend Prozente hat, oder auch Entschärfteres für Selbstfahrer. Eine waschechte Musikerkneipe eben. Der Eintritt kommt auf bescheidene 300 Rubel, die Konsumationsrechnung im Schnitt sicher nicht auf mehr als gut 1000 Rubel pro Nase. Fast geschenkt für ein sozusagen ganzheitliches Feierabenderlebnis.

Frank Ebbecke

Alexey Kozlov Club
Olimpijskij prospekt 16/2
M. Prospekt Mira
8 (926) 952 00 77
kozlovclub.ru

Kommentare

Kommentare