Hundeelend: Ein deutscher Verein setzt sich für russische Vierbeiner ein

Der Hundehilfe Russland e.V. vermittelt jedes Jahr hunderte russische Straßenhunde nach Deutschland. Vor allem aber will er die Verhältnisse vor Ort verbessern. Dabei hat er mit überlieferten Vorurteilen, misstrauischen Behörden und einer diffusen Gesetzgebung zu kämpfen.

 

Straßenhunde sind in Russland ein fester Bestandteil des lokalen Kolorits. Ob in der Großstadt oder auf der Datscha, überall ist man mit dem Bild von den herrenlosen Streunern konfrontiert. In Moskau haben sie sich sogar im U-Bahnnetz eingelebt. Die „Metrohunde“, wie sie von Einheimischen genannt werden, fahren in den Zügen mit, um in Bezirke zu gelangen, die reichlich Nahrung versprechen.

Wie viele Vierbeiner es sind, die in Russland ein Obdachlosendasein führen, darüber werden keine Statistiken geführt. Schätzungen reichen bis zu 15 Millionen Hunden und Katzen. Wenn die Tiere nicht gerade auf Futtersuche sind, eine Spritztour mit dem öffentlichen Nahverkehr unternehmen oder schlafen, vermehren sie sich unaufhaltsam. Ein Problem, das auch die Behörden vor Herausforderungen stellt. Jahr für Jahr beauftragen sie Unternehmen, die sich auf das Einfangen von Streunern spezialisiert haben. Für die war das lange Zeit ein Todesurteil, bis 2003 auf Druck von Tierschützern und internationalen Organisationen die „Catch-and-Kill“-Politik abgeschafft wurde. Inzwischen, nach einem gescheiterten Kastrationsprogramm, setzt der Staat auf die unbefristete Unterbringung in Tierheimen. Dort wurden laut Statistik 2015 allein in Moskau mehr als 16.000 Hunde verwahrt. Zufrieden sind die Tierschützer mit dieser Lösung keineswegs. Der International Fund for Animal Welfare bezeichnet die Heime als lebenslange Gefängnisse für Hunde. Die Liste der Vorwürfe von Seiten der Aktivisten ist lang.

Hundehilfe

Ein russisches Hundeleben ist oft kein Zuckerschlecken. / Alina Bertels

Natalia Gracheva ist Gründerin des deutschen Vereins Hundehilfe Russland e.V., der sich unter anderem für Hunde aus staatlichen russischen Tierheimen einsetzt. Dort, so sagt die gebürtige Moskauerin, die seit 1992 in Deutschland lebt, gehe es den Tieren letztlich meist „schlechter als auf der Straße“. Das Futter reiche in der Regel gerade zum Überleben, ansonsten würden die Hunde sich selbst überlassen und weder geimpft noch kastriert. Von den staatlichen Geldern – 130 Rubel (knapp zwei Euro) pro Tier und Tag – werde ein großer Teil veruntreut. Besuchern sei der Zutritt zu den Heimen untersagt und der Adoptionsprozess extrem schwierig. Immer wieder schleusen sich Tierschützer unerkannt in die Tierheime ein und berichten mit heimlich gemachten Aufnahmen von teils verheerenden Zuständen. Auf Internetvideos sieht man enge, ungepflegte Zwinger mit Dutzenden Tieren, die kaum erkennen lassen, ob sie noch am Leben sind. Das Moskauer Tierheim „Eko Wesch­njaki“ sorgte im April dieses Jahres landesweit für Schlagzeilen, als die Polizei 40 Tierkadaver auf dem Gelände fand.

Es waren Horrorgeschichten wie diese, die Gracheva dazu bewogen haben, mit ihrem Verein etwas dagegen zu tun. Seit dessen Gründung 2009 hat sie ein Netzwerk von Tierschützern an fünf Standorten in Russland aufgebaut. Die Helfer lesen vor allem kranke und verletzte Tiere von der Straße auf und bringen sie in private Pflegestellen. Dort werden die Hunde medizinisch versorgt, kastriert, mit einem Mikrochip versehen und zu strikten Bedingungen in sorgfältig geprüfte Familien weitervermittelt. Dabei ist es in Russland fast schon ein Ding der Unmöglichkeit, für einen Mischling ein neues Zuhause zu finden, so Gracheva. Oftmals sieht man den Schützlingen ihre Vergangenheit nämlich deutlich an, sie tragen Verstümmelungen von Unfällen oder Misshandlungen mit sich herum. An einem derart gezeichneten Haustier besteht wenig Interesse, während umgekehrt die Nachfrage aus Deutschland groß ist. Ein Hund mit schwerem Schicksal, der dazu einlädt, eine gute Tat zu vollbringen, sei dort besonders willkommen, berichtet die Tierschützerin Maria Gurjanowa aus Kasan in einem Interview mit „Business Online“. Sie arbeitet eng mit der Hundehilfe Russland zusammen und organisiert Tiertransporte von Russland nach Deutschland. Für 400 Hunde beginnt so jährlich ein neues Leben.

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Natalia Gracheva mit ihren eigenen Hunden zu Hause in Aachen. / liveberlin.ru

Doch so erfolgreich die Vermittlung in deutsche Familien auch ist: Im Fokus der Hundehilfe soll die Unterstützung der Tierheime vor Ort und eine kardinale Wende im Umgang mit Straßentieren stehen. Die Lösung liegt nach Auffassung von Natalia Gracheva nämlich auf der Hand. Ein staatlich unterstütztes Kastrationsprogramm müsse dafür sorgen, dass die eingefangenen Tiere registriert und sterilisiert würden. Notwendig sei dafür lediglich, das vorhandene Geld sinnvoller einzusetzen. „Man weiß zum Beispiel aus der Türkei, wie wirksam diese Strategie sein kann.“ Auch in Russland habe man es bereits mit diesem Ansatz versucht, aber die nötige Konsequenz bei der Durchführung vermissen lassen. Inkonsequent bleibt der Staat auch bei der Verabschiedung eines eigenständigen Tierschutzgesetzes. Es existieren zwar Paragrafen über den Umgang mit bestimmten Tieren in spezifischen Umständen, konkrete Bestimmungen über die Quälerei von herrenlosen Tieren oder ein Verbot brutaler Tötungsmethoden haben es jedoch bis heute nicht in die Gesetzbücher geschafft. Der letzte eingereichte Gesetzesentwurf zu einem Tierschutzgesetz wurde 2008 mit dem Verweis auf die schon vorhandenen Paragraphen abgelehnt.

Über staatliche Maßnahmen hinaus hält Gracheva auch Aufklärung in der russischen Bevölkerung für dringend geboten. Die Probleme fingen nämlich damit an, dass Tierbesitzer eine fragwürdige Einstellung zur Tierhaltung und zum Umgang mit ihren Lieblingen hätten: „Ein Großteil der Straßenhunde war vorher in Haushalten untergebracht, häufig teure reinrassige Tiere, die man gerne zur Schau stellt, solange sie jung und fidel sind. Wenn die Tiere alt oder krank werden oder zu viele Junge bekommen, dann setzt man sie einfach vor die Tür“, erklärt sie. Bisher bleibt diese Praxis in Russland ohne jegliche rechtliche Folgen. Während ihrer Arbeit hat Gracheva schon mit so manchem populärem Irrtum aufräumen müssen. „Einige Russen glauben tatsächlich, dass Tiere keine Schmerzen empfinden, und auch die Idee, dass Hunde und Katzen erst einige Male gebären müssen, bevor man sie kastrieren kann, ist noch immer weit verbreitet.“

Ein Tierheim in Kasan soll nun für die Hundehilfe der nächste Schritt im Kampf gegen die Tierquälerei werden. In der Millionenstadt an der Wolga stehen 13 Frauen bereit, sich dem Projekt zu verschreiben. Geplant ist der Aufbau eines Heimes, das sowohl eine medizinische Station als auch eine Hundeschule beinhaltet und sich damit vollständig selbst finanziert. Schulklassen sollen eingeladen und Konferenzen zum Thema Tierschutz abgehalten werden, um einen Bezug zur Bevölkerung herzustellen. Das Konzept ist fertig und das Team startklar, doch bislang stellt sich die Stadt quer. Die Behörden verweigern die zur Betreibung des Heims nötige Lizenz. Zu den Hintergründen sagt Gracheva: „Weil wir unseren Sitz in Deutschland haben, wurde uns vorgeworfen, dass wir wirtschaftliche Interessen verfolgen. Ich weiß gar nicht, was damit gemeint sein soll. Wahrscheinlich hat man Angst, dass wir zu viel Aufmerksamkeit auf das Problem lenken.“ Aufgeben will sie wegen der Schwierigkeiten aber auf keinen Fall: „Wir fühlen uns für das Wohl der Tiere verantwortlich und wir sind auf einem guten Weg.“

Alina Bertels

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