Benzin und Parfüm: Moskau mit geschlossenen Augen

In Moskau gibt es viel zu bestaunen. Aber welche Eindrücke hinterlässt die Stadt bei Menschen, die nichts sehen? Die MDZ hat eine Stadtführung mit Augenbinde getestet.

Wer nichts sehen kann, muss anderen Sinnen vertrauen./Foto: Sakritami glasami

Moskau ist eine visuelle Stadt. „Hier gab es schon immer eine Menge zu sehen: goldene Kuppeln, monumentale Gebäude, majestätische Denkmäler. Die Augen können eine Menge einfangen. Aber die anderen Sinne haben es schwerer“, sagt die Aktivistin Olga Saweljewa. „Man kann zum Beispiel Rosen in einem Blumenladen kaufen, die nach nichts duften.“ Olga organisiert Stadtfestivals und engagiert sich dafür, dass die Stadt fahrradfreundlicher wird. Doch der ewige Motorenlärm der Autos macht sie müde. Und die unebenen Pflastersteine, die den Asphalt nun immer öfter ersetzen, bereiten ihr beim Longboard-Fahren Probleme.

Wie kann man Moskaus andere, nicht-visuelle Seite entdecken? Olga nimmt mich mit zu den Stadterforschern und Gründern des Projekts „Mit geschlossenen Augen“. Sie laden dazu ein, den gewöhnlichen Informationsstrom für eine Weile freiwillig einzugrenzen. Dazu organisieren sie individuelle Stadtführungen, bei denen sie ihren Gästen die Augen verbinden. Damit sie auch wirklich gar nichts sehen, tragen sie darüber eine Taucherbrille. Dann werden die Teilnehmer durch die Stadt geführt und stürzen sich in die Welt der Gerüche, Geschmäcke, Geräusche und Berührungen.

So riecht der Sommer in Moskau

Als ich mit verbundenen Augen durch die Hauptstadt spaziere, verstehe ich, dass die Stadt ihre eigenen, ziemlich lustigen Gerüche hat. Eine besondere Mischung, die vor allem aus Parfüm, Schaschlik und Benzin besteht. Zumindest jetzt, zu Beginn des Sommers, hüllt die Stadt sich in diese Aromen.

Die Benzin-Schaschlik-Tour dauerte zwei Stunden. Meine persönliche Fremdenführerin stellt mir Olga auf der Pjtanizkaja vor. Den Treffpunkt kann man selbst aussuchen. Sehen darf ich nicht, wer mich durch die Stadt führen wird. Das Gesicht meiner Begleiterin erblicke ich erst am Ende – mit Erstaunen, nachdem ich es mit der Stimme verglichen habe.  Die Richtung meiner Bewegung bestimmte ich, meine Begleiterin bewahrt mich nur vor Zusammenstößen und Stürzen.

Longboard oder Roller?

Wenn man sich in der vertrauten Umgebung nicht wie gewohnt orientieren kann, wird man von einem Tsunami neuer Informationen über die Stadt überrollt. Vom Brummen und Dröhnen der verschiedenen Verkehrsmittel zum Beispiel. Man erkennt nicht sofort an den Geräuschen, ob gerade jemand auf einem E-Board, einem Longboard oder einem Roller vorbeigefahren ist. Auch mischt sich jetzt zu Beginn des Sommers der Geruch nach Fastfood und stickigen Autoabgasen von verstopften Straßen mit dem schwindelerregenden Duft der blühenden Bäume.

Obwohl ich vorher eine Route fernab der Autostraßen ausgesucht habe, lässt mich das merkwürdige Gefühl nicht los, jeden Moment auf der Straße zu stehen. Selbst in weitläufigen Grünanlagen höre ich um mich herum Autogeräusche, die mich an einen Frontalzusammenstoß denken lassen.

Alles einmal anfassen

Im Laufe der Exkursion probieren wir am Straßenrand Eis und koffeinhaltigen Sirup. Wir tasten Skulpturen ab, gehen über den Flohmarkt im Park Museon, wo ich alles anfasse: von kleinen, in Wolle gewickelten Holzpferdchen bis zu großen, flauschigen Mänteln und Porzellantassen.

Mich völlig den Erlebnissen hingebend, versuche ich mich von meinen bisherigen Erfahrungen zu lösen. Dabei stelle ich mir vor, dass die Stadt ein großer Bau ist, an dessen Ecken Kaffee verkauft wird. Und gebratenes Fleisch natürlich. Außerdem gibt es in diesem Gebilde sehr viele Kinder, die plappern, weinen und lachen. Um die demografische Entwicklung muss man sich offenbar keine Sorgen machen.

Am Ende ziehe ich die Augenbinde ab und brauche lange, um mich wieder an das Sonnenlicht zu gewöhnen, das vom Fluss an der Frunsenskaja-Uferstraße reflektiert wird. Ich denke: „So habe ich Moskau noch nie gesehen.“

Von Anastassija Buschujewa

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