Zwischen Karriere und Quote

Wie steht es um die Gleichberechtigung von Frauen in Deutschland und Russland? Und was muss getan werden, um die Zahl von einflussreichen Managerinnen zu erhöhen? Um diese Fragen ging es beim jüngsten Moskauer Gespräch.

Vormarsch im Finanzsektor: Managerin Regina von Flemming berichtete vom wachsenden Frauenanteil in russischen Banken und Geldinstituten. (Foto: Screenshot/ YouTube)

Sie erhalten weniger Lohn, müssen sich in einer männerdominierten Kultur durchbeißen und bleiben oft an der gläsernen Decke hängen: In den Chefetagen deutscher und russischer Konzerne sind Frauen noch immer eine Seltenheit, die Zahl ranghoher Politikerinnen in beiden Ländern bleibt überschaubar. Doch warum ist das so? Und was müssen Moskau und Berlin tun, um die Dominanz der Männer zu brechen?

Starke Frauen in Russland und Deutschland

Um diese Fragen kreiste das jüngste Moskauer Gespräch, das sich Ende November dem Thema „Starke Frauen in Russland und Deutschland. Erfolgreiche Gestalterinnen in Wirtschaft, Gesellschaft und internationalen Beziehungen“ widmete. Die von Moderator Andreas Stopp geleitete Diskussion wurde corona­bedingt auf der Konferenzplattform Zoom übertragen.

SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela De Ridder startete mit einem klaren Plädoyer für die Frauenquote. „Die Quote ist für den Übergang ein wichtiges Instrument“, erklärte die Vize-Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages. Solange nicht mindestens ein Drittel der Führungspositionen weiblich besetzt werde, könne es keinen Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein geben. Damit Frauen in Chefetagen als Selbstverständlichkeit gelten, brauche es daher eine temporäre Regelung.

Auf russischer Seite traf diese Position auf Zurückhaltung. „Ich bin gegen Quoten“, erklärte Marina Schischkina. „Ich bin dafür, dass sich die Welt nach professionellen Qualitäten einteilt.“ Wer über entsprechende Fähigkeiten verfüge, komme auch gut durchs Berufsleben, erläuterte die Journalismus-Professorin ihren Standpunkt. Allerdings gebe es in Russland zu der Frage keine einheitliche Meinung. Zu groß seien die kulturellen und geographischen Unterschiede im Land.

Start-up-Szene als Vorreiter

Dem widersprach auch Marina Karban von der Skolkovo Business School nicht. Allerdings belegten Studien, dass Frauen in Führungspositionen auch in Russland eine Seltenheit seien, erklärt die Managerin. Jedoch gebe es eine ermutigende Tendenz: Der Anteil karrierebewusster Frauen an russischen Wirtschaftsschulen und in der Start-up-Szene steige kontinuierlich. Zudem spiele bei den Mittzwanzigern die Genderfrage immer weniger eine Rolle, erläuterte Karban. Die Berufsanfänger konzentrierten sich bei der Teamarbeit eher auf konkrete Ergebnisse und Erfolge denn auf Genderaspekte.

Dieser Beobachtung schloss sich Regina von Flemming, Vorsitzende des Audit Committee der Sovcombank in Moskau, an. Vor allem in der russischen Finanzbranche wachse die Zahl von Frauen in Führungspositionen, beschrieb die Geschäftsfrau ihre Beobachtungen. Vor allem in der Generation Ü-30 gebe es immer mehr erfolgreiche und karriere­orientierte Frauen.

Netzwerke und Vorbilder

Allerdings bestehe kein Grund, um sich zurückzulehnen, war sich die Diskussionsrunde einig. In beiden Ländern müssten Frauen noch mehr kämpfen, um in einflussreiche Positionen aufzurücken. Wichtig seien hierbei vor allem erfolgreiches Netzwerken, eine klare Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Schwächen sowie weibliche Vorbilder und Mentoren.

Weniger Einigkeit bestand bei der Frage nach der Notwendigkeit einer genderbewussten Sprache. „Wenn wir Frauen in der Sprache nicht sichtbar machen, bleiben sie das auch im Denken“, formulierte Daniela De Ridder die deutsche Position. Wie das konkret geschehe, sei zweitrangig. Dies sah Marina Karban zurückhaltend. Zwar verbreiteten sich sogenannte Feminitive zur Bezeichnung vieler Berufe mittlerweile auch in Russland. Ob sich diese durchsetzten, sei aber fraglich. Sie glaube mehr an evolutionäre Veränderungen der Sprache.

Birger Schütz

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