Glück im Flugzeugunglück

Der Airbus A321 ist ein großer Vogel. Mitte August hätten ihn kleine Vögel während des Starts fast zum Absturz gebracht. Doch der Flug der Ural Airlines von Moskau auf die Krim endete auf unwahrscheinlichste Weise glimpflich in einem Maisfeld. Die Bilder gingen um die Welt. Wir haben aus der russischen Fluggeschichte noch mehr Beispiele von wundersamen Rettungen in schier aussichtlosen Situationen zusammengetragen.

Grünes Wunder: Es musste einiges passieren, damit sich der Flieger der Ural Airlines an diesem Ort wiederfand. © Ruptly / RIA Novosti

1963: „Bauchklatscher“ auf der Newa

Das „Wunder vom Hudson“, bei dem 2009 ein Airbus der US Airways nach einem Vogelschlag kurz nach dem Start auf dem Hudson River aufsetzte und 150 Passagiere dank des fliegerischen Geschicks der Piloten mit dem Schrecken davonkamen, hatte einen weniger bekannten Vorläufer. Am 21. August 1963 startete eine fast neue Tu-124 der „Aeroflot“ von Tallinn nach Moskau. Doch nach dem Abheben stellte die Mannschaft fest: Das vordere Fahrwerk ließ sich nicht vollständig versenken, es hatte sich verklemmt. Die Fluglotsen leiteten die Maschine nach Leningrad um, wo sie dann über der Stadt kreiste, um Treibstoff abzulassen und mit weniger Masse den Landeanflug anzutreten. Während dieses Manövers schaltete sich plötzlich zunächst das linke und kurz darauf auch das rechte Triebwerk ab, weil offenbar der Tank leer war, obwohl die Anzeigen im Cockpit etwas anderes meldeten.

Der Crew blieb nichts anderes übrig, als das Flugzeug zur Newa zu lenken und einen „Bauchklatscher“ zu versuchen. Gut gegangen ist das in der Geschichte der Luftfahrt in den seltensten Fällen. Zum Glück verfügte der Kopilot über Erfahrung als Marineflieger und sorgte dafür, dass die Landung auf dem Wasser in der Nähe des Alexander-Newskij-Klosters mit einem idealen Anstellwinkel erfolgte und darum verhältnismäßig weich ausfiel. Den 52 Menschen an Bord wurde kein Haar gekrümmt.

Bergung des Flugzeugs aus der Newa © Jurij Tuisk / aviahistory.ucoz.ru

Trotzdem erklärte die Untersuchungskommission zunächst die Besatzung für schuldig an dem Vorfall. Letztlich wurde diese zumindest nicht bestraft. „Aero­flot“ erkannte ihre Leistung auf diskrete Weise an, indem die Fluggesellschaft einigen Betroffenen neue Zwei-Zimmer-Wohnungen zukommen ließ. Das war damals viel wert.

2010: Ordnung rettet Menschenleben

Die Tu-154 etwas mehr als ein Jahr, bevor sie Geschichte schrieb © Pavel Adzhigildaev / russianplanes.net

Der Flughafen in der nordrussischen Gemeinde Ischma wurde 2002 geschlossen, seitdem starteten und landeten dort nur noch Hubschrauber, und auch das nur im Frühjahr und Herbst, wenn die Flüsse nicht passierbar und Ortschaften deshalb nur aus der Luft erreichbar waren. Die Start- und Landebahn wurde also nicht mehr gebraucht, aber Sergej Sotnikow, der Ein-Mann-Betrieb des Flughafens, ließ nichts auf sie kommen. Vielleicht würden ja eines Tages doch wieder Flugzeuge nach Ischma fliegen. Und außerdem musste doch alles seine Ordnung haben.

Also kümmerte sich Sotnikow darum, dass sich auf der Piste kein Unkraut ausbreitete, hatte ein Auge darauf, dass dort nichts abgestellt wurde, und schmetterte alle Versuche einer Fremdnutzung ab. Manch einer belächelte ihn dafür. Doch die Gewissenhaftigkeit sollte sich auszahlen und Menschenleben retten.   

Am 7. September 2010 fiel auf dem Flug einer Tu-154 der Fluggesellschaft Alrosa aus Jakutien nach Moskau kurz nach Überqueren des Urals und in über 10.000 Metern Höhe komplett der Strom aus. Ein Kurzschluss legte unter anderem die Treibstoffpumpen lahm, die für die Zufuhr des Kerosins aus den Tanks zu den Motoren verantwortlich sind. Den Piloten blieb damit nur eine halbe Stunde, um einen Landeplatz zu finden. Da die Funkverbindung ebenfalls unterbrochen war und die Navigationsgeräte nicht mehr funktionieren, flogen sie fortan auf Sicht. Und was sie sahen, war Taiga, so weit das Auge reicht. Das bedeutete: keine Überlebenschance bei einer Notlandung.

Nachdem das Flugzeug auf eine Mindestflughöhe gesunken war, damit sich die Piloten ein Bild von der natürlichen Beschaffenheit der zur dünn besiedelten Komi-Republik gehörenden Gegend machen konnten, entdeckten sie fast schon im letzten Moment eine Start- und Landebahn mitten im Wald – den Flughafen von Ischma. Dort gelang es der Besatzung, die Tupolew sicher zu Boden zu bringen, auch wenn sie über die für diese Flugzeugtyp viel zu kurze Piste (1300 statt 2500 Meter) hinausschoss und erst im Gebüsch zum Stehen kam. Von 81 Menschen wurde niemand auch nur verletzt.

Das abenteuerliche Ende eines gewöhnlichen Linienflugs © aftershock.news

Das Flugzeug sollte zunächst verschrottet werden, auch wegen der Risiken bei einem Start mit viel zu knapp bemessenem Anlauf. Doch dann wurde es doch für eine Überführung zur Flugzeugwerft in Samara vorbereitet, wo es ein halbes Jahr mit einem Testpiloten am Steuer auch glücklich landete. Die Tu-154 wurde nach ihrer Reparatur wieder in Dienst gestellt und flog noch bis 2018. Seitdem befindet sie sich in einem Flugzeugmuseum in Nowosibirsk.

1981: Tief gefallen und doch überlebt

Larissa Sawizkaja und ihr Mann befanden sich auf dem Rückweg von ihrer Hochzeitsreise, als die An-24, mit der sie am 24. August 1981 von Komsomolsk am Amur nach Blagowesch­tschensk unterwegs waren, in der Luft mit einem Militärflugzeug kollidierte und abstürzte. Die Studentin, damals 20 Jahre alt, hatte im hinteren Teil der Propellermaschine geschlafen und wurde durch den Zusammenstoß in den Gang geschleudert. Während der Flugzeugrumpf allmählich auseinanderbrach und die Temperatur von über 20 auf unter 30 Grad abstürzte, zog sie sich zum nächstgelegenen Sitz hoch und klammerte sich an ihm fest. In diesem Fragment von drei mal vier Metern „segelte“ sie aus 5200 Metern Höhe zur Erde nieder.

Acht Minuten dauerte dieser Gleitflug, wurde später ermittelt. Ein Birkenwäldchen dämpfte den Aufprall. Trotzdem trug Sawizkaja eine Gehirnerschütterung, Verletzungen an der Wirbelsäule sowie Rippen- und Armbrüche davon und büßte fast alle Zähne ein. Mehrmals verlor sie das Bewusstsein, war aber dennoch in der Lage, sich selbstständig fortzubewegen. Als sie zwei Tage später zwischen Toten und Flugzeugteilen entdeckt wurde, waren die Retter nicht nur schockiert, sie lebend zu finden: Die junge Frau hatte sich sogar einen notdürftigen Verschlag gegen Wetterunbilden gebaut und sich vor den Insekten zu schützen gewusst.

Eine stillgelegte An-24 der Aeroflot © Clemens Vasters / Wikimedia Commons

Sawizkaja war die einzige Überlebende von 38 Insassen. Bis heute hält sie zwei Rekorde im Guiness-Buch: Niemand ist aus so großer Höhe abgestürzt wie sie und mit dem Leben davongekommen. Und niemand hat so wenig Schmerzensgeld nach einem Flugzeugunglück kassiert, nämlich ganze 75 Sowjetrubel. 

Tino Künzel

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