„Wir befreien ein bis zwei Menschen am Tag“

Jeden Tag werden in Russland Menschen entführt und anschließend als Sklaven zur Arbeit gezwungen. Fast 800 000 Fälle sollen es sein. Seit zehn Jahren hilft die Non-Profit-Organisation Alternativa den Opfern und befreit sie aus Betrieben und Bordellen. Im MDZ-Interview spricht der Gründer und Leiter Oleg Melnikow darüber, wofür Menschen in Russland versklavt werden und wie seine Arbeit Organisation arbeitet.

Ein Arbeitssklave in einer Ziegelei in Dagestan (Foto: Screenshot YouTube/theguardian)

Herr Melnikow, Ende Februar ging ein verstörender Bericht durch die Moskauer Medien. Es ging um einen Mann, der auf einen Tee eingeladen wurde und sich auf einmal in Dagestan wiederfand, wo er als Arbeitssklave ausgebeutet werden sollte. Ist dieser Fall typisch für Russland?

Ja, der Fall ist sehr typisch. Die Opfer werden auf einen Tee eingeladen und wachen dann ohne Papiere auf einem Grundstück irgendwo anders wieder auf. Ihnen wird dann gesagt, dass man eine gewisse Summe für sie bezahlt habe, die das Opfer jetzt abarbeiten muss.

Es ist fast nicht möglich zu entkommen. Wer doch nach einiger Zeit fliehen kann und sich an die Polizei wendet, dem wird selten geholfen. Eher wird man gefragt, wie man das beweisen will. Schließlich sei man ja entkommen, also wurde man auch nicht festgehalten. Der Peiniger wird das bei einer Gegenüberstellung natürlich nicht bestätigen und sagen, dass man selbst gekommen sei und nach Arbeit gefragt habe. Das war es. Keine Beweise.

Heißt das, dass die Polizei Opfern von Sklaverei nicht hilft?

Sie können nicht helfen, weil sie kein Verfahren einleiten dürfen. Aber ja, sie wollen es auch nicht unbedingt. Wir sind selbst sehr oft ohne polizeiliche Unterstützung aktiv. Das unterscheidet uns von anderen Non-Profit-Organisationen. Wir haben unsere eigene Eingreiftruppe.

Wer sind die Opfer?

Die meisten Menschen, die in die Sklaverei verschleppt werden, kommen aus den Regionen und machen sich nach Moskau auf. Sie suchen nach Arbeit und kennen sich hier nicht aus. Dann kommt jemand auf sie zu, bietet ihnen Arbeit im Umland an, sogar mit Unterkunft. Als Nächstes wird vorgeschlagen, den neuen Job zu feiern. Und wenn das Opfer aufwacht, ist es bereits irgendwo weit weg von Moskau.

Zu 60 Prozent sind die Opfer Russen, bei den Sexsklavinnen kommen hingegen 90 Prozent aus dem Ausland, vor allem aus Nigeria, Vietnam, Thailand oder Sri Lanka. Weltweit wurden auch die Nigerianer bekannt, die nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland geblieben sind. Viele wurden damals mit dem Versprechen eines Jobs hergelockt.

Doch statt Näherin oder Sängerin zu werden, mussten die Frauen anschaffen gehen. Es gibt keine offiziellen Zahlen, wie viele Menschen aus Nigeria damals versklavt wurden. Was wir wissen ist, dass 12 000 nach der Weltmeisterschaft hier geblieben sind.

Und als die Russen in der Krise 2008 aufhörten, Ausländern auf der Straße Geld zu geben, hat die Bettelmafia angefangen, Menschen aus der Ukraine, genauer gesagt, dem Gebiet Odessa, zu holen. Das sind überwiegend ältere Menschen und Invaliden, die oft nicht verstehen, wo sie sich eigentlich befinden.

Die meisten Menschen werden in den Kaukasus verschleppt. Warum?

Nicht nur in den Kaukasus, sondern auch in die Gebiete Astrachan, Krasnodar, Rostow oder auch Kalmückien. Also allgemein in den Süden. Dort gibt es viele kleine Betriebe und Landwirtschaft. Im Moskauer Umland ist es nahezu unmöglich, eine Fabrik aufzubauen, die niemand bemerkt. Dort unten geht das, weil die Kontrollen sehr lasch sind. Und das Klima ist besser. Man kann viel länger draußen bleiben und beispielsweise ernten.

Warum haben Sie sich entschieden, Menschen aus der Sklaverei zu befreien?

Ich habe das nicht entschieden, es kam eher zufällig dazu. Ich wollte das nie machen. Vor zehn Jahren erzählte mir dann ein Freund, dass ein Verwandter oder Bekannter von ihm in einer Ziegelei in Dagestan festgehalten wird. Ich habe damals nicht wirklich daran geglaubt. Bin aber trotzdem hingefahren. Dabei haben wir den Mann und noch zwei Mädchen aus der Sexsklaverei befreit. Zurück in Moskau haben wir ungefähr 50 Mitteilungen verschickt, aber die Medien haben uns nicht geantwortet.

Dann bin ich noch ein paar Mal aufgebrochen. Jedes Mal sollte das letzte Mal sein. Darüber habe ich auch in sozialen Netzwerken geschrieben. Ich habe mir erst eine Frist von einem Monat gegeben, dann von einem Jahr. Am 11. März ist unser zehnter Geburtstag. Wie gesagt, ich wollte das nie machen. Und wenn ich jemanden finde, der genauso verrückt ist wie ich, übergebe ich die Leitung gerne an ihn.

Weil die Sache zu gefährlich ist?

Nein, das ist es nicht. Ich wollte eigentlich schon 2019 aufhören. Doch dann wurde ich von einem Auftragsmörder der nigerianischen Mafia mit einer Stichwaffe angegriffen und schwer verletzt. Das hat mich noch wütender gemacht und ich habe entschieden, dass ich den Weg bis zum Ende gehen muss. Doch mittlerweile bin ich emotional ausgebrannt. Ich bin müde. Müde, so viel Zeit und Geld zu opfern.

Noch einmal zurück zu Ihrer Arbeit. Wie erfahren Sie von den Opfern?

Oft wenden sich Verwandte an uns. Und im Nordkaukasus bekommen die Angehörigen unsere Nummer oft von der Polizei, weil die Mitarbeiter ihren Kollegen nicht trauen.

Und wie lange dauert es dann, einen Menschen aufzuspüren?

Wenn er sich in Russland befindet, im Schnitt zwei Tage. Vorgestern haben wir zum Beispiel von einem Mann in Abchasien erfahren, gestern war eine Gruppe von uns dort. Heute Abend wird er wieder in Moskau sein.

Wir befreien momentan in Russland und auch im Ausland täglich ein bis zwei Menschen aus der Sklaverei. Das ist viel zu wenig. Wir befreien in einem Jahr weniger Personen, als an einem Tag verschwinden.

Bei einer jungen Frau aus Nigeria haben wir zwei Monate gebraucht, um nachzuweisen, dass sie zur Prostitution gezwungen wird. Wenn wir immer so lange bräuchten, würden wir vielleicht 20 Menschen im Jahr befreien und nicht über 1000 wie jetzt gerade.

Sie haben in Russland mittlerweile ein großes Netz von Unterstützern und Unterkünften aufgebaut.

Unser Netz reicht auch bis in andere Staaten. Wir haben in verschiedenen Weltregionen jeweils einen Vertreter. Und in Russland gibt es einige Freiwillige und Orte, an denen die Opfer übernachten können. Einige Unterstützer können wir bezahlen, die anderen arbeiten ehrenamtlich.

Und wie finanzieren Sie Ihre Arbeit?

Unsere Spendensituation ist in letzter Zeit besser geworden. Im Dezember waren es knapp 1,2 Millionen Rubel (13 400 Euro).

Man könnte also sagen, dass die Russen das Thema Sklaverei bewegt.

Auf gewisse Weise ja. Aber trotz der 1,2 Millionen Rubel muss ich selbst noch 700 000 Rubel (7800 Euro) aus meinem Business hinzuschießen. Fördermittel haben wir niemals bekommen. Das Fördersystem passt nicht zu uns, weil wir viele Ausgaben haben, für die man keine Quittung bekommt.

Etwa den Freikauf von Menschen?

Wir kaufen niemanden frei. Wir versuchen die Täter zu überreden, die Opfer gehen zu lassen. Oft glauben die Täter wegen unseres Auftretens, dass wir von der Polizei sind. Wir sind eine bewaffnete Truppe und zeigen ihnen dann irgendeinen Ausweis. Und wenn jemand Widerstand leistet, packen wir auch mal zu.

Gibt es trotz all der schrecklichen Geschichten und Erlebnisse in den vergangenen Jahren einen Fall, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ein Mann im Jahr 2012. Nach einem Unfall hatte er ein Hirnödem und war auf Medikamente angewiesen, um nicht zu sterben. Er hat in Moskau in einem Hof auf einer Bank gesessen, als ihn zwei Typen zum Bier eingeladen haben. Am Stadtrand hat er es noch geschafft, seinen Vater anzurufen und ihm von der Entführung zu erzählen. Der konnte ihn aber nicht mehr finden. Die Polizei hat den Vater hingehalten, der schließlich nach einer Woche Kontakt zu mir erhielt. Wir mussten uns beeilen, damit der Mann nicht stirbt. Während der Suche nach ihm in Dagestan haben wir noch 17 weitere Sklaven gefunden. 23 Tage nach der Entführung haben wir ihn schließlich ausfindig machen können. Der Mann war kaum noch bei Bewusstsein. Es ging hier um jeden Tag und wir haben alles getan, was wir konnten.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation in Russland verbessern wird?

Ich weiß nicht. In letzter Zeit sind viele Medien auf das Thema aufmerksam geworden. Schließlich ist es so ziemlich das letzte heikle Thema, über das man noch offen berichten darf. Die Situation verändert sich allmählich. Ja, ich habe Hoffnung.

Das Interview führte Daniel Säwert.

Sklaverei in Russland

Nach Angaben des Global Slavery Index der Stiftung Walk Free gab es 2016 in Russland 794 000 Menschen, die als Sklaven in Betrieben oder für sexuelle Dienstleistungen ausgebeutet wurden. Weltweit liegt Russland auf Rang sieben. Neben Arbeits- und Sexsklaven sind vor allem Bettelsklaven ein lukratives Geschäft. International werden auch die Ausbeutung von Häftlingen und Zwangsehen kritisiert. Zentrum der Sklaverei ist neben Südrussland der Ferne Osten. Dort werden in erster Linie Arbeitssklaven aus Nordkorea für den Holzabbau eingesetzt, aber auch Frauen in der Grenzregion zu China zur Prostitution gezwungen. Erst auf Druck der Europäischen Union wurde der Artikel 127.2 „Nutzung von Sklavenarbeit“ Ende 2003 in das Strafgesetzbuch aufgenommen. Und wird seitdem kaum angewendet.Täter müssen nur selten eine Verfolgung fürchten. 2015 wurden gerade einmal vier Verfahren nach Artikel 127.2 geführt. Im Jahr 2019 landeten 98 Verfahren wegen Sklaverei vor russischen Gerichten, von denen 47 mit einer Haft- und 50 mit einer Bewährungsstrafe endeten. Eine Person wurde freigesprochen.

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