Wie eine Autorin mit ihrer tragischen Familiensaga begeistert

Enteignet, verhaftet und in den hohen Norden deportiert: Elvira Zeißler hat das tragische Schicksal ihrer Verwandschaft zu einem Roman verarbeitet. Für das viel gelesene Werk wurde die Russlanddeutsche nun ausgezeichnet.

Voller Stolz: Die russlanddeutsche Autorin Elvira Zeißler (3. von links) bei der Preisverleihung für ihren Roman. /Foto: privat

Elvira Zeißler ist gerührt, als sie auf der Bühne den Kindle Storyteller Award für ihren historischen Roman „Wie Gräser im Wind“ entgegennimmt. Als sie die schicksalshafte Geschichte ihrer Familie in der Sowjetunion der 30er und 40er Jahre niederschrieb, wusste sie nicht, ob es überhaupt Leser gibt, die sich wirklich dafür interessieren würden. 10.000 Euro Preisgeld, eine Übersetzung ins Englische und eine Hörbuchfassung hat sie mit der Auszeichnung gewonnen. „Das ist auf jeden Fall mein größter Erfolg“, freut sich Zeißler, die mit ihrer Familie 1990 aus Kasachstan nach Deutschland einwanderte, „und ich bin sehr froh, dass es gerade mit diesem Buch passiert, da es dem Werk eine besondere Wertschätzung gibt“.

Das Buch basiert zu 95 Prozent auf ihrer eigenen Familiengeschichte und erzählt von den Enteignungen und Verhaftungen in den 1930er Jahren durch das Sowjetregime in den deutschen Dörfern der Krim. Im Mittelpunkt steht die Familie Scholz, die mitten in der Nacht aus dem Haus gezerrt wird und mit anderen Familien in den kalten Norden deportiert wird. Es ist das erste Mal, dass die russlanddeutsche Autorin ihre Herkunft in einer Geschichte verarbeitet. „Ich habe mich immer sehr stark als Russlanddeutsche empfunden“, erklärt Zeißler. „Es ist ein Teil von mir, auch meine Kindheit in Kasachstan und die Erfahrung, die ich da gemacht habe. Ich habe den Zugang zu einer anderen Welt auch durch die russische Sprache und Literatur und das ist auch etwas, was ich nicht missen möchte.“

Ein Historienroman über die eigene Familie

Mit dem Genre Historienroman hat sich die Schriftstellerin auf ein neues Terrain begeben. Bereits seit 2007 hat Elvira Zeißler unter verschiedenen Pseudonymen über 20 Romane im Selbstverlag im Bereich Fantasy und Liebe geschrieben und sich eine treue Fangemeinde aufgebaut. Die ehemalige Unternehmensberaterin hatte zunächst neben dem Job geschrieben. Seit ein paar Jahren kann sie aber hauptberuflich als Autorin leben. Ihren Familienroman publiziert sie nun unter dem Namen Ella Zeiss.

Hinter der Geschichte steckt ein hoher Rechercheaufwand. „Ich hatte das Glück, dass ein Familienzweig sich zusammengetan hat und eine Familienchronik erstellt hat“, erzählt die aus Almaty stammende Autorin. „Jeder lieferte Fotos, Dokumente, Erinnerungen und Stammbäume und am Ende wurde das in ein Buch gebunden. Das waren für mich die wichtigsten Quellen, der Rest waren Erzählungen meiner Großeltern.“

Das Buch wird zum Bestseller

Die Leser wissen den Aufwand zu schätzen: Der im Juni dieses Jahres im Selbstverlag veröffentlichte Roman schaffte es in die Top 100 der Amazon-Charts und ist dort auch Bestseller in der Kategorie „Politische & zeitgeschichtliche Biografien & Erinnerungen“. Auch bei Lesern, die keinen russlanddeutschen Hintergrund haben, stößt die Geschichte auf großes Interesse. „Ich habe auch Rückmeldung von Lesern bekommen, die sich bei mir bedankt haben, dass sie die Russlanddeutschen besser verstehen“, freut sich die Autorin. „Ein paar meinten auch, dass sie es schade finden, dass die Geschichte nicht in den Schulen unterrichtet wird.“

Tatsächlich ist es ein Trend, dass viele russlanddeutsche Autoren die eigene Familiengeschichte in Form von Chroniken und Familienbüchern verfassen. Sie publizieren häufig über Book on Demand oder Kleinstverlage wie „BMV Verlag Robert Burau“. Hier bleibt die Auflage jedoch sehr gering und die Verkaufsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Abgesehen von den etablierten Autorinnen Eleonora Hummel und Nelly Däs schaffen es viele russlanddeutsche Werke über Erinnerungen an die Sowjetzeit kaum, eine Leserschaft jenseits ihrer eigenen Kreise zu erreichen.

Jenseits von Jammern und Heimweh

Als wesentlichen Grund dafür sieht die deutsche Literaturwissenschaft die Form der Aufarbeitung an. „Bis zum Heulen Heimweh haben sie und lieben es, sich in ihrem Elend zu wälzen“, lautete das viel diskutierte Urteil des Literaturwissenschaftlers Hans-Christoph Graf von Nayhauss über die russlanddeutsche Literatur, das 2014 zu großen Debatten führte. Artur Rosenstern, Vorsitzender des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e.V., sieht das Problem eher in dem allgemein fehlenden Interesse der deutschen Literaturszene für die Themen der Aussiedler.

Insofern ist Elvira Zeißler gelungen, was viele russlanddeutsche Schriftsteller mit ihren Familien-  erinnerungen nicht schaffen: eine Leserschaft außerhalb der russlanddeutschen Literaturszene zu finden.
Den Erfolg des Buches erklärt Artur Rosenstern unter anderem mit der durchdachten Cover- und Klappentextgestaltung, die nicht nur auf eine russlanddeutsche Zielgruppe ausgelegt sei. Zudem bestächen Werk und Autorin durch ein hohes literarisches Niveau. „Sie hat die ausgezeichnete Fähigkeit, die Ereignisse nicht bloß chronologisch aufzuzählen, sondern diese überzeugend in Szene zu setzen“, lobt Artur Rosenstern.

Von Larissa Mass

Kommentare

Kommentare

Newsletter




Wir bitten um Ihre E-Mail: