Wenn die Demokratie ein Trolleybus ist

Zweiköpfige Teams, Streitgespräche und eine Präsentation in einem Nachtklub, bei der auch die Zuschauer dazwischenfunken durften: Beim demoSlam in Jekaterinburg erkunden deutsche und russische Jugendliche ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Demokratie.

Ausgelassen: Organisatorin Jewgenija Sajko (ganz links) und die Teilnehmer des Jekaterinburger demoSlams. /Foto: Artjom Bilera

Demokratie, Menschenrechte, Identität: Die Themen des diesjährigen demoSlams in Jekaterinburg klingen groß – und noch etwas abstrakt. „In den letzten Jahren wurde klar, was für unterschiedliche Bedeutungen wir in diese Wörter legen“, erklärt Jewgenija Sajko, die Gründerin des deutsch-russischen Dialogformates.

„Von Anbeginn wollten ich im Rahmen meines Projekts ‚Wertediskurs in Russland‘ analysieren, wie es dazu kam und wie man konstruktiv darüber sprechen kann.“ Interviews mit Politikern, Diplomaten, Soziologen und Linguisten wurden zur analytischen Basis der Forschungen. Die Diskussion über die Demokratie organisierte Jewgenija Sajko dann im Format einer Unterhaltungsschau in Anlehnung an einen Science Slam, den sie schon seit dem Jahr 2013 in Russland durchführt.

Erst drei Tage Seminar – und dann ab auf die Bühne!

Bevor die Teilnehmer auf die Bühne treten können, müssen sie ein dreitägiges Seminar absolvieren, in dem sie über „europäische Werte“ und deren individuelle Bedeutung für sich selbst debattieren. „In den Gesprächen geht es in erster Linie darum, Vorstellungen und Berührungspunkte zu finden, über die man streiten möchte.“

Dabei solle aber keiner dem anderen seinen Standpunkt aufdrängen, sondern ihm stattdessen die eigene Auffassung näher bringen. Zu diesem Zweck werden die Teilnehmer in gemischte deutsch-russische Teams eingeteilt. Die Themen und Ergebnisse ihrer Unterhaltungen kommen anschließend auf die Bühne. Entstehen sollen drei jeweils zehnminütige Präsentationen.

Wein und Diskussion im Nachtklub des Jelzin-Zentrums

Dass sich der demoSlam von anderen Konferenzen deutlich unterscheidet, wird schon am Eingang deutlich. Für ihre Veranstaltung haben die Organisatoren den Nachtklub des Jelzin-Zentrums in Jekaterinburg gewählt. Die Besucher können an Tischen sitzen, sich bequem auf ein Sofa fläzen und ein Glas Wein bestellen. Doch so ganz entspannen sollten sie sich auch nicht. Schließlich müssen bei einem Slam die Besucher den Vortragenden auch auf Fragen antworten – oder selbst welche stellen.

„Ich habe immer gedacht, dass die Deutschen so pünktlich sind“, eröffnete Ljubow Tereschina den Slam. „Aber mein Teamkollege war noch nicht einmal pünktlich beim Seminar, verspätete sich zu Frühstück, Mittag und Abendbrot und kam sogar heute Abend zu spät zum Slam“, wunderte sich die 21-Jährige aus Tomsk. „Und ich dachte, Russen trinken die ganze Zeit Wodka und baden im Winter“, revanchierte sich Robert Schwaß, der für seinen Auftritt eine Schapka trug.

Russlanddeutsche Familien und strenge Pförtner

Alexander Günther aus Bayreuth erzählte von den Schwierigkeiten der Identitätsfindung in seiner russlanddeutschen Familie. So würden die Jüngeren immer öfter ganz einfach zu Deutschen, erklärte der 27-Jährige. Die Herzen der älteren Generation blieben dagegen meist für immer in Russland. Seine Slampartnerin Jana Portnaja aus Irkutsk lenkte die Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Verständnisse des Rechtsbegriffes. So habe sich ihr Diskussionspartner darüber gewundert, dass die Pförtner in russischen Studentenwohnheimen nach 23 Uhr niemand mehr hereinlassen. Was für den Deutschen eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit war, ist für die Russin eher eine Lappalie. Für ihre Sicherheit nehme sie auch Einschränkungen hin.

Das dritte Slammer-Duo beschäftige sich mit dem großen und komplexen Begriff der Demokratie. In einer richtigen Volksherrschaft nähmen die Bürger aktiv am politischen Leben ihrer Region teil, verdeutlichte Björn-Hendrik Otte sein Verständnis des Wortes. Die oft unangenehme Bürokratie, die richtigen Papiere und Erlaubnisse seien auch eine Garantie für Bewegungsfreiheit und Sicherheit.

Warum Demokratie manchmal wie Autofahren ist

Bei Viktor Plechanow riefen die Notwendigkeit von Scheinen und Genehmigungen eher Belustigung hervor. In Russland gehe man davon aus, dass alles, was nicht verboten ist, erlaubt sei, so der 27-Jährige. Die Demokratie sei ein Mechanismus, der in erster Linie das materielle Wohlergehen der Bevölkerung garantieren solle, erläutert der studierte Ingenieur seine Auffassung. Erst danach könne sie sich auch um Probleme wie das Bienensterben kümmern.

„Demokratie in Russland und Deutschland“, resümierte Viktor Plechanow schließlich, „das ist wie der Vergleich von einem Pkw und einem Trolleybus!“ Auch wenn der private Fahrer schnell und riskant unterwegs sei, trage er die Risiken schließlich doch selbst. Im russischen Trolleybus gebe es dagegen einen Fahrer, dem alle vertrauten, ohne sich den Kopf über Versicherungen oder Staus zu zerbrechen. Die Passagiere würden einander helfen. „Beide Szenarien haben durchaus ihre Vorteile!“

Julia Shevelkina

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