Vorteil Russland: Putins Manifest der Abgrenzung

Sollte man Wladimir Putin auch mal im Zusammenhang lesen, nicht nur in Halbsätzen? Unkommentiert zudem? Natürlich sollte man das, ganz egal, wie man zu ihm steht. Putin ist einer der mächtigsten Männer in der internationalen Politik. Wie er die Welt und die Rolle Russlands darin sieht, wirkt in der einen oder anderen Form sogar auf Menschen zurück, die mit ihm lieber nichts zu tun haben wollen. Auf dem Valdai-Forum in Sotschi hat der russische Präsident sein Bild von der aktuellen Verfassung der Welt skizziert und begründet, warum Russland seinen eigenen Weg gehen müsse. Nachfolgend Auszüge aus der Rede.

Der Präsident und der Politologe: Wladimir Putin und Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der renommierten Zeitschrift „Russia in Global Affairs“, der die Veranstaltung des sogenannten Valdai-Diskussionsklubs moderierte (Foto: Valdai Discussion Club)

Knapp 40 Minuten hat Wladmir Putin vor zwei Wochen zu den in- und ausländischen Teilnehmern des jährlichen Valdai-Treffens gesprochen (und anschließend noch fast drei Stunden Fragen beantwortet). Beobachter werteten die Rede als programmatisch. Vor allem ist sie ein Manifest der Abgrenzung. Putin verortet die Welt mitten in einer Zäsur von historischem Ausmaß. Der Kapitalismus hat ausgedient, mit der Dominanz des Westens ist es auch vorbei. Wo der Umbruch hinführen wird, weiß keiner, noch ist die Menschheit erst auf dem Weg dorthin. Dabei ist es wichtiger, nicht in die falsche Richtung zu laufen, als auf schnelle Veränderungen zu drängen. Lieber die Menschen mitnehmen, ihnen Zeit geben, so Putin. Redet uns nicht rein, bedeutet er dem Westen, und behaltet eure Werte für euch. Wir sind anders und wir wissen selbst, was gut für uns ist.

Denen, die Russland in seiner sozialen Entwicklung zurückgeblieben oder zurückfallen sehen, antwortet er, indem er den Spieß umdreht. Die Russen hätten im Gegenteil vieles von dem, was heute im Westen als fortschrittlich gelte, schon hinter sich und seien deshalb immun gegen solchen „Extremismus“. Die Weltverbesserer von heute sind für ihn die neuen Kommunisten. Und wofür soll nun Russland stehen? Für „gesunden Konservatismus“, sagt Putin.

Hier nun ausgewählte Passagen der Rede in deutscher Übersetzung, so dass Sie sich Ihre eigene Meinung bilden können.  

Chinesische Weisheiten

Wir leben im Zeitalter gewaltiger Veränderungen. Der Satz mag abgedroschen erscheinen, zu oft haben wir ihn schon benutzt. Und auch die Epoche des Umbruchs hat schon vor ziemlich langer Zeit begonnen; wir sind es bereits gewohnt, dass alles in Bewegung ist. Da stellt sich die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken? Aber ich pflichte denen bei, die das Thema dieses Treffens formuliert haben: Natürlich lohnt es sich.

In den letzten Jahrzehnten erinnern sich viele an eine chinesische Redewendung. Das chinesische Volk ist weise, es hat viele Denker und alle möglichen klugen Gedanken hervorgebracht, auf die wir heute zurückgreifen können. Einer davon ist bekanntlich: Bloß nicht in einem Zeitalter des Wandels leben! Doch wir leben in ihm bereits, ob wir das wollen oder nicht. Und die Veränderungen sind immer tiefgreifender, immer fundamentaler. Erinnern wir uns also auch an eine andere chinesische Weisheit. Das Wort „Krise“ setzt sich aus zwei Schriftzeichen zusammen. Hier gibt es sicher Vertreter der Chinesischen Volksrepublik, wenn ich mich irgendwie irren sollte, dann korrigieren sie mich. Also: zwei Schriftzeichen, „Gefahr“ und „Chance“. Was man bereits bei uns, in Russland, sagt, ist: „Schwierigkeiten bekämpft man mit dem Verstand, Gefahren – mit Erfahrung.“

Wandel auf allen Ebenen

Natürlich müssen wir uns der Gefahr bewusst sein und ihr zu begegnen, ihr entgegenzuwirken wissen. Und nicht einer Gefahr, sondern vielen unterschiedlichen Gefahren, die in einer Epoche des Wandels entstehen. Gleichzeitig dürfen wir nicht den zweiten Bestandteil der Krise vergessen – die Möglichkeiten, die wir uns nicht entgehen lassen dürfen. Umso mehr als die Krise, mit der wir es heute zu tun haben, ist eine konzeptionelle, sogar zivilisatorische ist. Es ist eine Krise der Ansätze, der Prinzipien, die über das Wohl und Wehe des Menschen auf der Erde entscheiden. Wir müssen sie ernsthaft hinterfragen. Die Frage ist: In welche Richtung wollen wir uns entwickeln, wovon sollten wir uns trennen, was überdenken oder korrigieren? Dabei bin ich davon überzeugt, dass wir uns für unverfälschte Werte nach Kräften einsetzen müssen.

Ich möchte hinzufügen, dass die Transformation, deren Zeugen und Mitwirkende wir sind, von einem anderen Kaliber ist als alles, was es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat und wovon wir wissen. Es ist nicht einfach eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses oder ein wissenschaftlich-technischer Durchbruch, wobei das eine wie das andere heute natürlich auch stattfindet. Aber gegenwärtig sind wir mit systematischen Veränderungen in jedweder Richtung konfrontiert.  

Die Probleme des Westens

Die sozioökonomischen Probleme der Menschheit haben sich in einem Maße verschärft, das in früheren Zeiten zu Erschütterungen im Weltmaßstab geführt hätte: zu Weltkriegen, zu blutigen gesellschaftlichen Zusammenstößen. Alles redet davon, dass das heutige Modell des Kapitalismus – die Grundlage der Gesellschaftsordnung in den weitaus meisten Ländern – an seine Grenzen geraten ist und keinen Ausweg aus den sich zuspitzenden Widersprüchen mehr bietet.

Auch andere brisante soziale Probleme, Herausforderungen und Risiken gibt es in den Wohlstandsnationen zur Genüge. Der Kampf um Einfluss ist für viele in den Hintergrund getreten, sie haben mit sich selbst zu tun. Die Reaktion der Gesellschaft, der Jugend – überzogen, heftig, teils aggressiv – auf Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus spricht Bände. Meiner Meinung nach zeigt sie, dass die Pandemie hier nur der Auslöser war: Die Gründe für den sozialen Unmut liegen viel tiefer. 

Das sich wandelnde Kräfteverhältnis impliziert eine Umverteilung zu Gunsten der Wachstumsländer, die sich bisher benachteiligt gefühlt haben. Um es offen auszusprechen: Die Dominanz des Westens in der Weltpolitik, die vor mehreren Jahrhunderten ihren Anfang genommen hat und am Ende des 20. Jahrhunderts fast schon absolut war, weicht einem weitaus mannigfaltigeren System.

Von Kriegen ohne Sieger

Dieser Transformationsprozess ist natürlich nicht mechanisch und auf seine Weise sogar einzigartig. Die politische Geschichte kennt noch keine Beispiele dafür, dass sich eine stabile Weltordnung ohne einen großen Krieg und nicht auf Basis seiner Ergebnisse – wie nach dem Zweiten Weltkrieg – etabliert hätte. Wir haben also die Chance, einen äußerst erfreulichen Präzedenzfall zu schaffen. Der Versuch, das nach dem Ende des Kalten Krieges unter Vorherrschaft des Westens zu tun, ist, wie man sieht, gescheitert. Die heutige Weltlage ist ein Produkt dieses Misserfolgs, daraus müssen wir unsere Schlüsse ziehen.

Und stellen wir uns doch mal die Frage: Wo stehen wir heute? Das Ergebnis ist paradox. Einfach als Beispiel: Zwei Jahrzehnte lang hat das mächtigste Land der Welt Krieg in zwei Staaten geführt, die sich nicht in einem einzigen Punkt mit ihm messen können. Und trotzdem mussten die Operationen am Ende abgebrochen werden, obwohl keines der vor 20 Jahren gestellten Ziele erreicht wurde. Dabei hat man sich selbst und anderen einen beträchtlichen Schaden zugefügt. Und die Lage hat sich nur verschlimmert.   

Aber das ist noch nicht mal der springende Punkt. Früher bedeutete die Niederlage einer Seite in einem Krieg den Sieg der anderen Seite. Heute ist alles anders: Wer auch immer die Oberhand gewinnt, der Krieg geht weiter, er ändert nur die Form. Der vermeintliche Sieger kann oder will in der Regel einen friedlichen Aufbau nicht gewährleisten, er verstärkt nur das Chaos und vertieft ein für die Welt gefährliches Vakuum.

Grenzen zählen wieder etwas

Die Pandemie des Coronavirus hat anschaulich demonstriert, dass sich die Weltordnung in ihrer Struktur nur auf den Staat stützen kann. In den letzten Jahrzehnten wurde viel mit knackigen Konzeptionen jongliert, denen zufolge die Rolle des Staates veraltet ist und schwindet. Angeblich werden nationale Grenzen unter den Bedingungen der Globalisierung zu Anachronismen und Souveränität zu einer Hürde für Prosperität.

Doch die Entwicklung ging in die entgegengesetzte Richtung. Nur souveräne Staaten sind in der Lage, effektiv auf die Herausforderungen der Zeit und die Bedürfnisse der Bürger zu reagieren. Demensprechend muss jede funktionierende internationale Ordnung die Interessen und Möglichkeiten des Staates berücksichtigen und von ihnen ausgehen, anstatt beweisen zu wollen, dass es sie überhaupt nicht geben dürfte. Erst recht darf niemandem etwas aufgezwungen werden, seien es Prinzipien der gesellschaftlich-politischen Ordnung oder Werte, nur weil sie jemand aus seinen eigenen Beweggründen für universell erklärt hat.

Das Ausmaß des Wandels zwingt uns alle, besonders vorsichtig zu sein, und sei es nur aus Selbsterhaltungstrieb. Qualitative Schübe in der Technologie oder kardinale Veränderungen in der Umwelt, der Zusammenbruch gewohnter Strukturen bedeuten nicht, dass die Gesellschaft und der Staat radikal darauf reagieren dürfen. Zerstören ist bekanntlich etwas anderes als aufbauen. Wozu das führt, wissen wir in Russland leider aus eigener Erfahrung und haben es mehr als einmal erlebt.

Kontraproduktive Revolutionen

Vor etwas mehr als hundert Jahren hatte Russland objektiv gesehen, auch im Zusammenhang mit dem damals im Gange befindlichen Ersten Weltkrieg, ernste Probleme, aber nicht mehr als andere Länder, vielleicht sogar weniger weitreichend und von geringerer Schärfe. Sie hätten auf zivilisierte Weise mit der Zeit überwunden werden können. Doch die revolutionären Erschütterungen führten zum Absturz, zum Zerfall einer großen Nation. Die Geschichte wiederholte sich vor 30 Jahren, als ein potenziell sehr mächtiges Land nicht rechtzeitig den Weg notwendiger flexibler, aber unbedingt durchdachter Umgestaltungen einschlug und infolgedessen Dogmatikern verschiedener Art zum Opfer fiel: Reaktionären und so genannten Progressiven – alle haben mitgemacht, auf beiden Seiten.

Anhand dieser Beispiele aus unserer Geschichte können wir sicher sagen: Die Revolution ist kein Ausweg aus der Krise, sie verschärft sie nur. Keine Revolution war jemals den Schaden wert, den sie dem menschlichen Potenzial angetan hat.

Eigene und fremde Werte

In der heutigen fragilen Welt nimmt die Bedeutung eines soliden, moralischen, ethischen und wertebasierten Fundaments erheblich zu. Werte sind das Produkt der kulturellen und historischen Entwicklung eines jeden Volkes und sie sind ein einzigartiges Produkt. Die gegenseitige Vermischung der Völker ist zweifellos bereichernd, Offenheit erweitert den Horizont und ermöglicht ein anderes Verständnis der eigenen Tradition. Dieser Prozess sollte jedoch organisch sein und er braucht Zeit. Denn was fremd ist, wird immer abgelehnt, vielleicht sogar in scharfer Form. Versuche eines Wertediktats unter den Bedingungen einer ungewissen und unvorhersehbaren Zukunft erschweren die ohnehin schon komplizierte Lage weiter und führen meist zu einer Gegenreaktion und zum Gegenteil des erwarteten Ergebnisses.

Erstaunt schauen wir darauf, was sich in Ländern abspielt, die sich gewohntermaßen als Vorreiter des Fortschritts verstehen. Die sozialen und kulturellen Umwälzungen in den USA und Westeuropa gehen uns natürlich nichts an, wir mischen uns da nicht ein. So mancher in den westlichen Ländern ist überzeugt, dass die aggressive Auslöschung ganzer Seiten der eigenen Geschichte, die „umgekehrte Diskriminierung“ der Mehrheit zugunsten von Minderheiten oder die Forderung, vom üblichen Verständnis solcher Grundbegriffe wie Mutter, Vater, Familie oder sogar der Unterscheidung der Geschlechter abzugehen, dass all das Meilensteine auf dem Weg zur sozialen Erneuerung sind.

Wissen Sie, ich möchte es noch einmal betonen, das ist ihr Recht, wir uns halten uns da raus. Wir bitten nur darum, uns damit in unserem Haus nicht sonderlich zu behelligen. Wir sehen das anders, zumindest – so ist es natürlich korrekter ausgedrückt – die große Mehrheit der russischen Gesellschaft: Wir meinen, dass wir uns auf unsere geistigen Werte, auf die historische Tradition, auf die Kultur unseres multi-ethnischen Volkes stützen müssen.

Alles schon mal dagewesen

Die Vordenker des sogenannten sozialen Fortschritts meinen, dass sie der Menschheit ein neues Bewusstsein bringen. Aber wissen Sie, was ich sagen will: Die Rezepte sind absolut nicht neu, das haben wir in Russland alles schon durchgemacht. Auch die Bolschewiken erklärten nach der Revolution von 1917, gestützt auf die Dogmen von Marx und Engels, dass sie das gewohnte Leben verändern, nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern bis hin zur menschlichen Moral, den Grundlagen für eine gesunde Gesellschaft. Die Zerstörung jahrhundertealter Werte, des Glaubens, der zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zur völligen Abschaffung der Familie – auch das gab es –, all das wurde als Fortschritt deklariert. Übrigens: Die Bolschewiken waren gegenüber anderen Meinungen auch vollkommen intolerant.

Das sollte uns zu denken geben, wenn wir heute sehen, was in einer Reihe westlicher Länder vor sich geht. Der Kampf für Gleichheit und gegen Diskriminierung wird zu einem aggressiven Dogma am Rande der Absurdität. Mit Erstaunen erkennen wir hiesige Praktiken wieder, die wir zum Glück hinter uns gelassen haben und die hoffentlich längst vergangenen Zeiten angehören.

Ich habe es schon mal gesagt, dass wir uns in unseren Handeln von der Ideologie eines gesunden Konservatismus leiten lassen werden. Jetzt, da die Welt einen strukturellen Umbruch erlebt, hat die Bedeutung eines vernünftigen Konservatismus als Grundlage für die Politik um ein Vielfaches zugenommen.

Lehren aus der Geschichte

Der konservative Ansatz ist kein stumpfsinniges Bewahren, keine Angst vor Veränderungen und kein Spiel auf Zeit, erst recht kein Rückzug ins Schneckenhaus. Er bedeutet in erster Linie, dass wir den Akzent auf bewährte Traditionen, auf die Bewahrung und Vergrößerung der Bevölkerung, auf eine realistischen Einschätzung von uns selbst und anderen, auf die präzise Ausrichtung eines Systems von Prioritäten, auf die Abgleichung des Notwendigen und des Möglichen, eine mit kühlem Kopf vorgenommene Formulierung der Ziele und die prinzipielle Ablehnung von Extremismus als Instrument des Handelns legen. Für die kommende Zeit der Neuordnung der Welt, die ziemlich lange dauern kann und deren abschließende Form man noch nicht kennt, ist ein gemäßigter Konservatismus zumindest die aus meiner Sicht das Vernünftigste.

Ich wiederhole, für uns in Russland sind das keine spekulativen Postulate, sondern die Lehren aus unserer schwierigen und zeitweise auch tragischen Geschichte. Der Preis eines unüberlegten sozialen Experiments ist manchmal einfach nicht zu beschreiben, damit werden nicht nur die materiellen, sondern auch geistigen Grundlagen der menschlichen Existenz zerstört. Übrig bleiben moralische Ruinen, auf denen für lange Zeit nichts mehr aufgebaut werden kann.

Patentrezepte hat niemand. Aber ich wage zu behaupten, dass unser Land einen Vorteil besitzt – unsere historische Erfahrung. Leider ist die Erinnerung vielfach negativ, doch dafür hat unsere Gesellschaft, wie man heute sagt, eine kollektive Immunität gegen Extremismus entwickelt, der Erschütterungen und sozialpolitische Abgründe mit sich bringt. Die Leute bei uns wissen Stabilität tatsächlich zu schätzen und eine normale Entwicklung, bei der sie sich sicher sein können, dass ihre Pläne und Hoffnungen nicht von den Ambitionen der nächsten verantwortungslosen Revolutionäre durchkreuzt werden.

Übersetzung: Tino Künzel

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