Usbekistan: Nischenmarkt mit Zeug zu mehr

Seit dem Machtwechsel in Usbekistan 2016 erfreut sich das Land eines zunehmenden internationalen Interesses. Auch deutsche Experten loben die Reformpolitik des neuen Präsidenten Shawkat Mirsijojew. Ist die Zeit also reif, sich dort zu engagieren?

Schon der Name weckt Assozia­tionen. Wer Usbekistan hört, denkt an die mittelalterliche Seidenstraße, an palmengesäumte Oasen, an exotische Städte wie Samarkand, Buchara und Chiwa. 

Russlandkennern fällt wahrscheinlich auch das usbekische Nationalgericht Plow ein, das es in einer schwach gewürzten Variante auf den Standardspeiseplan sowjetisch-russischer Kantinen geschafft hat. Außerdem sind die runden Lepjoschka-Brote heute in vielen russischen Restaurants und Supermärkten zu finden.

Souvenirproduktion in Buchara, dessen Stadtzentrum zum Weltkulturerbe gehört © Sergej Pjatakow / RIA Novosti

Als ökonomisches Schwergewicht ist Usbekistan dagegen bisher nicht in Erscheinung getreten. Die knapp 33 Millionen Einwohner erwirtschafteten im vergangenen Jahr ein Bruttoinlandsprodukt von 1124 Euro pro Kopf – in der Klassifikation der Weltbank rangiert das Land unter „lower middle income“.

Nach Erlangung der Unabhängigkeit 1991 hat sich Usbekistan als drittgrößter Baumwollexporteur der Welt etabliert, weitere bedeutende Wirtschaftszweige sind die Gasexploration und die Förderung anderer Bodenschätze, zu denen auch Gold zählt.

Neuer Präsident, frischer Wind

Insgesamt lag die usbekische Wirtschaft aber für ausgedehnte Perioden der vergangenen 30 Jahre im Dornröschenschlaf, zu dem auch die Wirtschaftspolitik des Dauerpräsidenten Islam Karimow beitrug. Der Som, die usbekische Landeswährung, war lange nicht konvertierbar; weitere regulatorische Maßnahmen wie die Kontingentierung von Bargeld und die generell überbordende Bürokratie erschwerten Investitionen und verleideten ausländischen Unternehmen das Engagement in Usbekistan. Die Stimmung vor Ort war zeitweise so schlecht, dass die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung 2007 ihr Büro in Taschkent schloss.

In den letzten zwei Jahren ist Usbekistan wieder mehr in den Fokus der internationalen Institutionen und Unternehmen gerückt. Die im Ostgeschäft engagierten deutschen Wirtschaftsverbände machen dafür hauptsächlich den Reformkurs von Shawkat Mirsijojew verantwortlich, der Ende 2016 sein Amt als usbekischer Staatspräsident angetreten hat.

Die dem deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zugeordnete Marketing- und Informationsagentur Germany Trade & Invest (GTAI) lobt in ihrer neuesten SWOT-Analyse die seitdem erzielten Fortschritte: „Viele rechtliche und institutionelle Defizite sowie Hemmnisse bei der Entfaltung des Privatsektors, des Außenhandels und der überregionalen Kooperation wurden bereits abgebaut“, schreibt die GTAI.

Interesse aus der deutschen Wirtschaft

Weitere Schritte in Richtung Liberalisierung, Marktöffnung und Verbesserung des Geschäftsklimas seien geplant, unter anderem bei Steuern, Zoll und Justiz. Touristen und Investoren aus Deutschland dürfen sich besonders willkommen fühlen: Seit Januar dieses Jahres ist die visafreie Einreise für deutsche Staatsbürger bis zu einer Dauer von 30 Tagen möglich.

Der Reformeifer und die Dynamik in Usbekistan stoßen auf beträchtliches Interesse in der deutschen Geschäftswelt. So organisierte der Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft e.V. (OAOEV) im Januar, vor einem Staatsbesuch des usbekischen Präsidenten, ein großes Usbekistan-Forum in Berlin, an dem nach Angaben der Veranstalter 300 Besucher teilnahmen. Auch in seinen Publikationen lobt der Verband das Reformtempo, so im jüngst veröffentlichten „Jahrbuch Mittel- und Osteuropa“. Tatsächlich betrug das Wirtschaftswachstum in Usbekistan 2018 immerhin gut fünf Prozent, der Warenaustausch mit Deutschland hat um stolze 17 Prozent zugelegt.   

Ist Usbekistan also ein kommendes Eldorado für die deutsche Wirtschaft? Das scheint noch nicht ausgemacht. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass das rasante Wachstum von sehr niedrigen Niveaus ausgeht. So belief sich der deutsche Export nach Usbekistan auf knapp 685 Millionen Euro, das Land rangiert damit auf Platz 77 der deutschen Zielländer. Die Importe im Wert von gut 26 Millionen Euro sind im Gesamtvolumen des deutschen Außenhandels kaum signifikant.

Damit relativieren sich auch die beeindruckenden Zuwachsraten, wie Monika Hollacher vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau sagt. „Angesichts der sehr niedrigen Volumina schlagen sich die Verkäufe einzelner Maschinen unmittelbar in der Statistik nieder“, so die für Osteuropa, Russland und Zentralasien zuständige VDMA-Referentin. Zwar sei gewachsenes Interesse bei den Mitgliedsunternehmen zu spüren, so Hollacher, dies gelte vor allem für den Textilmaschinenbereich. Es sei allerdings noch zu früh, hier von einem verfestigten Trend zu sprechen. Überdies sei die Konkurrenz aus China zum Leidwesen des deutschen Maschinenbaus sehr stark in Usbekistan vertreten.

Potenzial, aber auch Fallstricke

Dies bestätigt der Geschäftsführer eines deutschen Maschinenbauers mit Dienstsitz Moskau. „Vor Ort in Taschkent sieht man durchaus, dass sich Dinge verändern und eine gewisse Dynamik da ist“, so der GUS-Experte, der ungenannt bleiben möchte. Die strukturellen Probleme Usbekistans wie der Einfluss von Clanwirtschaft und Bürokratie seien aber nach wie vor nicht überwunden. Für sein Unternehmen sei offen, ob die Usbeken auf deutsche Qualität setzen werden oder lieber billigere Produkte aus China kaufen.

Die in Russland und den anderen Ländern der Region tätigen Consultingfirmen scheinen jedenfalls vom Potential Usbekistans überzeugt – verschiedene Rechts- und Markteintrittsberater haben inzwischen Büros in Taschkent eröffnet.

Tatsächlich scheint der Modernisierungsbedarf der usbekischen Betriebe und der Wunsch nach Effizienzsteigerung grundsätzlich Möglichkeiten für deutsche Exporteure von Investitionsgütern zu bieten. Eine steigende Kaufkraft der Bevölkerung könnte die Nachfrage auch nach deutschen Konsumgütern mittelfristig befeuern.

Aber eignet sich Usbekistan auch als Produktionsstandort? Auf der Habenseite steht die zentrale Lage des Landes, von dem aus sich die zentralasiatischen Nachbarn gut beliefern lassen. Allerdings sind Betriebe nicht nur auf Gas, Wasser und Strom angewiesen, sondern auch auf Zulieferteile in verlässlicher Qualität. „Hier hapert es noch ganz deutlich“, so der deutsche Geschäftsführer. Ein großer Teil der benötigten Komponenten müsste wohl aus China eingeführt werden. Auch ist fraglich, wie es um die Verfügbarkeit von Arbeitern, Facharbeitern und Managern bestellt ist, die ebenso Voraussetzung für den Produktionsstandort Usbekistan sind. Einzelne engagierte Initiativen wie das neue Praktikumsprogramm des OAOEV können die Situation hier sicherlich nicht durchgreifend verbessern.

Einige internationale Firmen sind jedenfalls im Land aktiv – etwa General Motors oder die MAN Nutzfahrzeuge AG. Beide sind an Gemeinschaftsunternehmen mit lokalen Partnern beteiligt und montieren Fahrzeuge in Usbekistan. Die allermeisten deutschen Unternehmen beschränken sich vor Ort allerdings auf den Vertrieb.

Usbekistans Weg hin zu einem blühenden Produktionsstandort könnte also noch lang sein. Im Auge behalten sollten Unternehmen das Land an der Seidenstraße aber auf jeden Fall.

Christian Tegethoff, Geschäftsführer der Personalberatung CT Executive Search mit Sitz in Moskau und Berlin

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