Wohin mit den Streunern?

Immer wieder gibt es Ärger mit streunenden Hunden in Russland. Seit zwei Jahren werden sie per Gesetz sterilisiert und wieder ausgesetzt. Gefährliche Tiere kommen ins Heim. Doch viele würden das Problem gerne radikaler lösen.

Streunende Hunde
Nahrungssuche im Müllcontainer: Streuner sind ein Zankapfel. (Konstantin Michaltschewskij/ RIA Novosti)

Mitte März zeigte der Fernsehsender „Perwyj Kanal“ verstörende Bilder aus Sarajsk bei Moskau. Ein Hund windet sich in Krämpfen auf der Straße und kämpft mit dem Tod, keinen Steinwurf von einem belebten Spielplatz entfernt. Offenbar wurde er vergiftet. Anwohner berichten, dass es kein Einzelfall war. Und dass kurz zuvor Beschwerden über streunende Hunderudel im Ort laut geworden waren. Waren hier sogenannte Doghunter am Werk?

So werden Menschen bezeichnet, die auf eigene Faust gegen streunende Hunde vorgehen, meist mit Giftködern, jedoch auch mit Schusswaffen. Das Phänomen kam in den 2000er Jahren auf und ist immer wieder in den Medien. Einer, der gerne so bezeichnet wird, ist Maxim Parfirjew aus Chimki. Er ist Hundezüchter, Jäger und Aktivist gegen streunende Hunde. Gegen die Bezeichnung Doghunter wehrt er sich jedoch entschieden, wie er gegenüber der MDZ sagt.

Angriffe von Hunderudeln

„Ich habe mich nie so genannt. Dieses Wort geht auf radikale Tierschützer zurück“, sagt er. „Ich liebe Hunde, ich habe eine selbst westsibirische Laika, fünf Akita-Inu und einen amerikanischen Akita.“ Die Bilder von leidenden Streunern, so Maxim, kämen den Tierschützer doch nur zugute. „Streunende Hunde sind deren Brot, damit generieren sie ihre Spendengelder“, sagt der 43-Jährige, der keinen Hehl daraus macht, dass er Tierschützer für verblendete Ideologen und Ex­tremisten hält.

Denn zur Wahrheit gehört auch, dass streunende Hunde in Russland eine latente Gefahr darstellen. Immer wieder kommt es zu Übergriffen von Hunderudeln auf Menschen, die in einigen Fällen gar tödlich oder mit schweren Verletzungen enden. So wurde im Dezember 2020 eine 20-Jährige in der burjatischen Hauptstadt Ulan-Ude von einem Hunderudel angegriffen und dabei so schwer verletzt, dass sie den Rest ihres Lebens an den Folgen leiden wird.

Sterilisiert und wieder ausgesetzt

Das Thema beschäftigt immer wieder die Politik. Vor zwei Jahren wurde das föderale Gesetz zum „verantwortungsvollen Umgang mit Tieren“ verabschiedet. Dabei wurde für das Hundeproblem die sogenannte „OSWW-Methode“ eingeführt. Demnach sollen die herrenlosen Vierbeiner eingefangen werden, etwa unter Einsatz von Betäubungsmitteln. Tiere, die aufgrund ihrer Aggressivität eine Gefahr darstellen, sollen in Tierheimen verwahrt werden. Die übrigen werden geimpft, sterilisiert, mit einem Chip versehen und wieder ausgesetzt. Schwer kranke und verletzte Tiere sollen eingeschläfert werden. Verantwortlich sind dafür die Regionen. Das Töten von Hunden auf eigene Faust ist verboten.

Doch drei Parlamentarierinnen der Fraktion des „Einigen Russland“ sind der Ansicht, dass das Gesetz und die „OSWW-Methode“ keine effektive Hilfe gegen das Problem der Streuner seien. Daher sah ihr Änderungsentwurf vor, dass es den Regionen erlaubt werden solle, überzählige Tiere zu euthanasieren – entsprechend der Kapazitäten und Budgets der Tierheime.
Nicht nur von Tierschützern, auch aus der eigenen Partei gab es Gegenwind. Der Entwurf wurde nach einem Tag wieder zurückgezogen.

Runder Tisch in Moskau

Der Handlungsbedarf ist dennoch allen Beteiligten klar. Auf Einladung des Duma-Abgeordneten Nikolaj Walujew, erster stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Ökologie und Umweltschutz, fand daher Mitte März ein Runder Tisch in Moskau statt, bei dem Vertreter unterschiedlicher Gruppen ihre Positionen zum Thema darlegen sollten.

Jurij Korezkich, Vorstandsvorsitzender der Allianz für Tierschutz, legte Daten vor, denen zufolge die Angriffe streunender Hunde auf Menschen im Jahr 2020 deutlich zurückgegangen seien. Die „OSWW-Methode“ sei daher durchaus ein Erfolg. Das reicht jedoch vielen nicht. Auch Maxim Parfirjew sprach bei der Anhörung und kritisierte, die Tierschützer würden das Leben der verwilderten Hunde höher bewerten als das von Menschen.

Verhärtete Fronten

Maxim Parfirjew argumentiert, streunende Hunde seien kein Teil der natürlichen Nahrungskette und hätten daher in freier Wildbahn schlicht nichts verloren. „Sie ernähren sich von Ratten, Müll und fressen sich gegenseitig“, sagt er. Zudem seien sie anfällig für Infektionen. Besonders problematisch sei jedoch, dass sie sich zu Rudeln zusammenschließen. Wenn ein dominantes Tier aggressives Verhalten gegenüber Menschen zeigt, dann fangen die anderen im Rudel an, das zu kopieren“, sagt er.

Die Fronten sind verhärtet. Nach der Anhörung wurde Maxim Parfirjew gemeinsam mit zwei Begleitern von einem Unbekannten mit einer Gaspistole angegriffen, mehrere Medien berichteten darüber. Mittlerweile wurden Verdächtige festgenommen.

Kurz darauf schrieb er einen offenen Brief an den Präsidenten Wladimir Putin. Einige seiner Forderungen würden sicher auch Tierschützer unterschreiben, etwa die verbindliche Kennzeichnung von Haustieren in einer Datenbank oder das Verbot, Haustiere auszusetzen. Doch er fordert auch die Euthanasie von nicht abgeholten und aggressiven Hunden in Tierheimen sowie den Abschuss streunender Hunde außerhalb von Siedlungen sowie das Verbot, streunende Hunde zu füttern.

Jiří Hönes

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