Schweizer Milch aus Kaluga: „Nach Kanada auswandern kann ja jeder“

Seit Moskau 2014 einen Importstopp auf Lebensmittel aus dem Westen verhängt hat, boomt die russische Landwirtschaft. Treibende Kraft dabei sind vor allem große Agrarkonzerne. Aber auch der Kleinbetrieb zweier Schweizer Milchbauern in der Region Kaluga läuft gut. Der MDZ haben sie erzählt, warum.

„Uns geht es gut.“ Marcel Bucher auf seinem Hof bei Kaluga. © Leonie Rohner

Der neue Stall für 300 Kühe, erst letztes Jahr fertiggestellt, sei auch schon wieder voll, sagt Marcel Bucher. Bei spätsommerlichen Temperaturen führt er in T-Shirt und Arbeitsweste über den Hof. Die Kühe können derzeit noch die ganze Nacht draußen bleiben. Zusammen mit Florian Reichlin leitet Bucher den Betrieb „Schweizer Milch“ unweit der Provinzstadt Kaluga, etwa 200  Kilometer südlich von Moskau. Beide kamen vor mehr als zehn Jahren als Praktikanten auf den Hof, den drei Bauern aus der Schweiz 2004 übernommen hatten.

14 Tonnen Milch täglich

Auf dem Gelände einer alten Sowchose, eines sowjetischen Großbetriebs, entstand damals mit Hilfe russischer Kollegen der jetzige Milchbetrieb. Seither wächst er stetig und zählt heute rund 1000 Tiere, über 1000 Hektar Land und 50 Mitarbeiter. 14 Tonnen Milch verlassen täglich den Hof. Die Hälfte davon wird an kleine Läden in der Region und an einen Frischwarenhandel in Moskau geliefert, die andere an eine Molkerei, die einen Halbhartkäse herstellt. „Uns geht es gut“, fasst Bucher zusammen. Damit seien sie allerdings die Ausnahme in der Region.

Der Staat greift der Milchindus­trie mit Krediten und Subventionen in Milliardenhöhe unter die Arme. Das ist Teil des Vorhabens, die russische Landwirtschaft von Importen unabhängig zu machen. Von den Geldern würden aber in erster Linie Großkonzerne wie EkoNiva profitieren, so Bucher. „Für uns ist das eher wie ein Weihnachtsgeschenk“, sagt er mit einem leichten Lächeln.

Der Agrarkonzern EkoNiva des deutschen Bauern Stefan Dürr produziert mittlerweile täglich über 2000 Tonnen Milch und ist damit die Nummer eins in Russland. Als neuer Vorsitzender des russischen Verbands der Milchproduzenten arbeitet Dürr zudem intensiv bei der Modernisierung der Landwirtschaft mit. „Im Prinzip ähnelt das der früheren Planwirtschaft“, meint Florian Reichlin. „Der Staat investiert in einige große Betriebe und kontrolliert, was produziert wird.“ Kleinere Betriebe hielten der Konkurrenz oft nicht stand.

Nische durch eigene Marke

Dass es gerade bei ihnen so gut läuft, ist nicht etwa ein glücklicher Zufall. Während die meisten Milchbauern Rohmilch verkaufen, pasteurisieren und verpacken sie ihre Milch direkt auf dem Hof. Eine eigene Milchmarke zu haben und sie in regionalen Läden anzubieten, ist eine Nische. So steht „Schweizer Milch“ nicht so sehr unter dem Druck der großen Firmen.

Zudem ist ein Käser in der Nähe von Moskau seit Langem ein treuer Abnehmer. Ihm gelang dank der Sanktionen der Durchbruch. Er bezieht heute pro Tag 7,5 Tonnen Milch vom Hof, vorher waren es etwa 400 bis 600 Liter pro Woche. „Am liebsten würde er unsere gesamte Milch nehmen“, sagt Reichlin. Das komme aber nicht in Frage. Mehrere Standbeine zu haben, habe sich bewährt. Zum Beispiel, als 2009 ihr damaliger Vertragspartner Danone, der bei ihnen Rohmilch kaufte, überraschend den Vertrag zum folgenden Monat kündigte.

Solche Vorfälle seien denn auch etwas, was den Alltag eines Bauern in Russland von dem eines Bauern in der Schweiz unterscheide. Weit vorauszuplanen, sei schwierig. „Hier gibt es viele Leute, die in einen Betrieb investieren und hoffen, dass er von selbst läuft“, sagt Bucher. Das funktioniere aber nicht. Die Verantwortlichen müssten vor Ort sein, um sofort handeln zu können. Außerdem sei gutes Personal unverzichtbar. So sei der Erfolg ihres Betriebs nicht zuletzt dem Buchhalter und dem technischen Direktor zu verdanken. Sie wüssten um die Tücken der russischen Bürokratie und bewältigten den enormen administrativen Aufwand.

Auch werde die Betriebstätigkeit streng kontrolliert. Zu Beginn eines jeden Jahres müsse ein Plan mit den voraussichtlichen Produktionsmengen erstellt werden. Der Buchhalter trage dann jeden Tag die Zahlen in eine Statistik ein. Und einmal pro Woche müsse der technische Direktor bei einer Videokonferenz dem Landwirtschaftsminister der Oblast Rechenschaft ablegen. „Alles Dinge, die eigentlich nicht nötig wären“, findet Reichlin.

Trotzdem habe Russland für Landwirte Potenzial, da sind sich die beiden Schweizer einig. Es sei zum Beispiel relativ einfach, Land zu bekommen. Und auch sonst habe man als Ausländer kaum Probleme, hier etwas aufzubauen. Von den Einheimischen würden sie völlig akzeptiert. Und schließlich,  meint Bucher, „nach Kanada auswandern, das kann ja jeder“.

Leonie Rohner

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