Die Geschichte einer fast unmöglichen Premiere

Unter widrigsten Umständen gelang Karl Eliasberg 1942 im belagerten Leningrad die Uraufführung von Schostakowitschs Siebter Symphonie. Die unglaublichen Begebenheiten nun Thema einer Fernsehserie.

Der Schauspieler Alexej Guskow in einer Szene aus "Die Siebte Symphonie.
Alexej Guskow als Karl Eliasberg in „Die Siebte Symphonie“ (Kinopoisk)

Im Sommer 1942 rechnete die deutsche Wehrmacht damit, Leningrad schnell einzunehmen. Sogar die Karten für das Festbankett am 9. August im Hotel Astoria waren bereits gedruckt. Doch stattdessen fand an diesem Tag die Premi­ere von Dmitrij Schostakowitschs Siebter Symphonie in der belagerten Metropole statt. Seitdem wird sie die „Leningrader Symphonie“ genannt.

Unmögliche Umstände

Der weltberühmte Komponist schrieb drei Teile des Stücks noch während der ersten Kriegsmonate in Leningrad. Den Vierten komplettierte er dann nach seiner Evakuierung ins heutige Samara. Dort wurde das Werk am 5. März 1942 auch erstmals aufgeführt. Doch Schostakowitsch träumte von einer Premiere in seiner Heimatstadt.

In Leningrad war nur eine einzige Gruppe übrig, die die Symphonie spielen konnte: das Radio-Symphonieorchester unter Leitung von Karl Eliasberg. Bis März 1942 verlor der allerdings die Hälfte seiner Musiker. Manche wurden an die Front geschickt, andere evakuiert, wieder andere hatten den Winter nicht überlebt. Eliasberg versammelte die übrig gebliebenen Mitglieder, um das Stück trotzdem auf die Bühne zu bringen. Das erste Treffen fiel auf den 30. März, viele kamen auf Krücken. Am 2. Juli erreichte die Partitur der Siebten Symphonie Eliasberg in Leningrad. Erst dann erfuhr der Dirigent, dass er zu ihrer Aufführung nicht weniger als 80 Musiker brauchen würde. Eliasberg begab sich erneut auf die Suche, bei der ihm ein Erlass zur Rückkehr von Musikern aus dem Frontdienst glücklicherweise entgegenkam.

Ein Spiegel seiner Stadt

Am 9. August war der Große Saal der Leningrader Philharmonie bis auf den letzten Platz gefüllt. „Am Dirigentenpult erschien Eliasberg. Wie alle Leningrader zu der Zeit war er hager, fast gebeugt. Aber gekleidet war er im Frack und mit Fliege, wie es sich für einen Dirigenten gehört“, erinnert sich 40 Jahre später der Kameramann Jefim Utschitel, der das Konzert aufzeichnete. „Auf seinem Gesicht spiegelten sich alle Gefühle und Leiden, die aus Schostakowitschs Musik sprachen. Die Bitterkeit des Verlustes, die Wut auf die faschistischen Monster, der Glaube an den Sieg.“

In der Stadt wurde das Konzert im Radio und via Lautsprecher übertragen. Nicht nur die Leningrader, sondern auch die deutschen Truppen im Umkreis konnten es hören. Jahre später vertrauten zwei damalige deutsche Soldaten Eliasberg ihre Eindrücke an: „Am 9. August 1942 haben wir verstanden, dass wir den Krieg verlieren werden. Wir begannen, eure Kraft zu fürchten, die dem Hunger, dem Leid und sogar dem Tod widerstanden hatte.“

Seit November auf „Rossija 1″

Seit 8. November zeigte der Fernsehsender „Rossija 1“ nun erstmals die achtteilige Serie „Die Siebte Symphonie“ von Alexander Kott, die weiterhin online zu sehen ist. Darin spielt der 62-jährige Schauspieler Alexej Guskow den damals 35-jährigen Eliasberg. Im Interview mit dem „Moskowskij Komsomolez“ erzählte Guskow nach den Dreharbeiten, dass Eliasberg in der Serie nicht zum Frontdienst eingezogen wird, weil er „in Leningrad dringender gebraucht wird.“ Außerdem könne man mit seinem Nachnamen nicht an die Front. Eliasberg sei zur Hälfte Deutscher und zur Hälfte jüdisch gewesen.

Eliasbergs deutsche Abstammung wird vor allem in Internetquellen oft erwähnt. Doch das ist gar nicht leicht zu belegen. Sein Vater Ilja Eliasberg war Bankangestellter aus einer Minsker jüdischen Familie. In offiziellen Dokumenten, die in der 2012 erschienenen Monografie „Karl Iljitsch Eliasberg“ zusammengetragen sind, ist von seiner Nationalität nirgends die Rede.

Die ist auch nicht wesentlich. Wie der Pianist Emil Gilels und seine Frau Fariset den Herausgebern des Buches erklärten, zählt vor allem Eliasbergs „Bildung in der hochkulturellen Tradition der Leningrader Philharmonie. Seine künstlerische Leistung während der Blockade ist unvergesslich, genau wie seine Persönlichkeit.“

Olga Silantjewa

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