Schlimm? Ja, aber …

Wer in Russland lebt, der hat gute Chancen, mit überwiegend positiven Meinungen zur „Sonder­operation“ in der Ukraine konfrontiert zu werden. Im Fernsehen, im persönlichen Gespräch und in den sozialen Netzwerken dominieren Narrative, wie sie kaum sonst irgendwo auf der Welt mehrheitsfähig wären. Schon deshalb verdienen sie eine eigene Betrachtung.

Unterstützer der „Sonderoperation“ bei einem Autokorso auf der Krim Anfang März (Anna Sadownikowa/RIA Novosti)

8 Jahre

Es ist die Standardantwort auf das Entsetzen in Teilen der russischen Öffentlichkeit und im Ausland: „Wo wart ihr denn die letzten acht Jahre?“ Gemeint ist der Krieg im Donbass zwischen den 2014 ausgerufenen Volksrepubliken Donezk und Lugansk auf der einen sowie der ukrainischen Armee und Freiwilligenbataillonen auf der anderen Seite. Dabei kamen nach UN-Angaben bis zum Beginn der „Sonderopera­tion“ etwa 14.000 Menschen ums Leben, davon rund 3400 Zivilisten. Fast 90 Prozent der Opfer entfielen auf die Jahre 2014 und 2015, die heiße Phase der Kampfhandlungen. Sie wurde abgelöst von gegenseitigem Beschuss über die Demarkations­linie hinweg, womit der Krieg tendenziell zu einem eingefrorenen Konflikt wurde. Doch im Feb­ruar erklärte Russland, den „Genozid“ an ethnischen Russen (von denen viele in den letzten Jahren mit russischen Pässen ausgestattet worden waren) nicht länger hinnehmen zu können. Zunächst wurden die sogenannten Volksrepubliken anerkannt, dann erklärte Präsident Putin den Schutz der Bevölkerung im Donbass zu einem Ziel der „Sonderoperation“.

Entnazifizierung

Vermutlich hat nichts besser bei den Russen verfangen als die Behauptung, der Gegner in der Ukraine seien nicht die Ukrainer, sondern „Naziki“. Viele wähnen sich in der Tradition ihrer Groß- und Urgroßväter, die im Zweiten Weltkrieg gegen die Faschisten gekämpft haben, und auf einer neuer­lichen Befreiungsmission. Wie sehr die Ukraine vom Neonazismus durchdrungen ist, dafür präsentiert das Staatsfernsehen immer neue Beispiele. Was man unter „Entnazifizierung“ zu verstehen hat, ist unklar. Putin kündigte noch im Februar an, Russland werde die Verantwortlichen für Verbrechen an der Zivilbevölkerung in der Ukraine, darunter am Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa mit 48 Todesopfern im Jahr 2014, finden und zur Verantwortung ziehen. Wie das aussehen soll, blieb offen.

Präventivschlag

Auch Befürworter der „Sonder­operation“ lassen die Bilder aus der Ukraine in der Regel nicht kalt. Schlimm sei das alles, keiner könne sich so etwas wünschen, hört man. Zumal ja auch viele Tote unter den eigenen Soldaten zu beklagen sind. Doch man habe „keine Wahl“ gehabt, um die eigene Sicherheit und die der Menschen im Donbass zu garantieren. Die Ukraine wäre sonst früher oder später zur Startrampe für Nato-Raketen geworden, die nur wenige Minuten bis Moskau gebraucht hätten. Der Chef der Volksrepublik Do­nezk, Denis Pusch­ilin, erklärte, ihm lägen Beweise vor, dass die ukrainische Armee am 8. März einen gleichzeitigen Angriff auf den Donbass und die Krim plante. Das hätten Geheimdienstinformationen, die Befragung von Kriegsgefangenen und ein gefundenes Notebook mit Karten ergeben. Allerdings machte Puschilin diese Angaben erst zwei Wochen nach Beginn der „Sonderoperation“.

Zuvor hatte Russland der Ukraine bereits vorgeworfen, sich atomar bewaffnen zu wollen. Anlass war eine Aussage des ukrainischen Präsidenten Selenskij bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Selenskij hatte erklärt, die Ukraine habe sich 1994 im Zuge des Budapester Memorandums von ihrem Atomwaffenarsenal getrennt, dafür aber keine Sicherheit erhalten. Sollte das auch weiterhin der Fall sein, könne man das Memorandum und die damit verbundenen Verpflichtungen als gegenstandslos betrachten.

Biolabore

Das Thema war über Tage ein Dauer­brenner im Fernsehen. Die USA, so das russische Verteidigungsministerium, unterhielten in der Ukraine Geheimlabore, um dort biologische Waffen zu entwickeln. Staatliche Medien berichteten, bezweckt werde die „totale Vernichtung der Slawen“. In Russland sollten demnach Virus­erkrankungen mit Hilfe von Zugvögeln hervorgerufen werden. Auf westliche Dementis hin sagte der russische Außenminister Lawrow, er habe auch nicht erwartet habe, dass das Pentagon die Berichte bestätigen werde. Später legte Russland noch einmal nach und beschuldigte nun auch Deutschland, involviert zu sein. Es gebe eine enge Zusammenarbeit deutscher Fachleute mit „ihren amerikanischen Verbündeten, die in der Ukraine ein Netz von mindestens 30 Biolaboren geschaffen haben“, sagte Außenamtssprecherin Sacharowa Mitte April.

Kein Dolchstoß

Viele Russen fühlen sich auch von einer Interviewaussage des Kultschauspielers Sergej Bodrow („Brat“) bestätigt. Der hatte 2001, ein Jahr vor seinem frühen Unfalltod bei Dreharbeiten im Kaukasus, mit Blick auf den damaligen Tschetschenienkrieg gesagt: „Wir sind gegen diesen Krieg, alle sind dagegen.“ Aber, so der damals 29-Jährige, Kritik könne man üben, wenn der Krieg vorbei sei, und auch Konsequenzen ziehen, damit sich dies und jenes nicht wiederhole. Bis dahin solle man der eigenen Armee nicht in den Rücken fallen. „Im Krieg darfst du nicht schlecht über die eigenen Leute reden, niemals. Selbst, wenn sie im Unrecht sind, wenn dein Land im Unrecht ist.“ Das sei ein „einfaches Prinzip, sehr alt und primitiv“, aber richtig.

Tino Künzel

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