Sowjetische Kult-Kisten

Vor genau 60 Jahren ging der erste Saporoschez in der Ukraine vom Band. Zusammen mit Wolga und Moskwitsch wurde er zum Symbol der sowjetischen Autoindustrie. Noch heute sind die Wagen auf russischen Straßen zu finden. Am Steuer sitzen meist Enthusiasten, die ihren Saporoschez liebevoll restaurieren und pflegen.

Wladimir Scheltow und sein Saporoschez SAS-965 von 1964
Wladimir Scheltow und sein SAS-965 von 1964 (Foto: privat)

Der Saporoschez wurde auf Initiative von Generalsekretär Nikita Chruschtschow ins Leben gerufen. Er sollte eine erschwingliche Alternative zu Wolga und Moskwitsch werden. Er kostete nur ein Drittel und man musste nur zwei Jahre warten, um einen Saporoschez zu bekommen. Bis man einen Moskwitsch sein Eigen nennen konnte, vergingen dagegen locker fünf bis zehn Jahre. Ein Wolga war überhaupt kaum zu bekommen. Er wurde nur an Parteifunktionäre und Unternehmensleiter ausgegeben.

Die Produktion des Saporoschez begann 1960 im Werk Kommunar im ukrainischen Saporoschje, das der Marke ihren Namen gab. Das Werk produzierte ursprünglich landwirtschaftliche Maschinen, doch in Chruschtschows Auftrag wurde die Produktion umgestellt.

In Europa abgekupfert

Die ersten Modelle der Serie SAS‑965 waren europäischen Wagen sehr ähnlich. Die sowje­tischen Designer schauten sich das Design bei VW Käfer, Citroën 2CV und Fiat 600 ab. Von der Ente hatte er das Design der Karosserie, vom Fiat die hinten angeschlagenen Türen. Die sowjetischen Ingenieure versuchten sogar, einen Motor wie im Käfer einzubauen, erhielten deshalb aber einen empörten Brief aus Deutschland. Um einen internationalen Skandal zu vermeiden, mussten sie ihre eigenen Motoren entwickeln. Sie haben es geschafft!

Der SAS-965 war ein kleines Auto. Viele scherzten, er stamme wohl aus dem Spielwarenladen. Doch er bot einer durchschnit­tlichen sowjetischen Familie mit vier Personen Platz. Er war an die örtlichen Straßenverhältnisse angepasst und hatte eine Heizung, die das Einfrieren im Winter verhinderte. Böse Zungen gaben dem Wagen den Spitznamen „Blechdose“, aber dennoch mochten ihn die meisten. Schließlich war es ein Zeichen von Erfolg, wenn man einen besaß.

Upgrade unter Breschnew

Als Leonid Breschnew an die Macht kam, verwandelte sich der Saporoschez von einem „Spielzeugauto“ in einen respektablen Mittelklassewagen. Der Generalsekretär kritisierte den bisherigen Entwurf. Die neuen Modelle SAS‑966 und SAS-968 ähnelten dem deutschen NSU Prinz 4 und dem amerikanischen Chevrolet Corvair.

Auch hatten die neuen Saporoschez eine radikale Farbpalette: „Meereswelle“, „Goldocker“, „Banane“, „Tanne“ und mehr. Das Auto wurde bis 1994 produziert, heute kann man es nur noch aus zweiter Hand kaufen – über Anzeigen im Internet oder über Bekannte, bei denen es seit Jahrzehnten in der Garage verstaubt.

Sofort verliebt

„Ich sah den Post eines Freundes bei Instagram. Auf dem Bild saß er in einem Auto, die Fahrertür war in die andere Richtung geöffnet. Das wollte ich auch. Die Größe, dieser Retro-Stil – ich habe mich sofort verliebt“, erzählt der 32-jährige Wladimir Scheltow aus Neftegorsk in der Region Samara.

In einer Online-Anzeige fand er einen SAS-965 von 1964 in Toljatti. „Der Wagen war in einem guten Zustand. Ich war positiv überrascht, dass der Motor nach sechs Jahren Stillstand angesprungen ist. Ich beschloss, den Saporoschez wieder in seinen Ursprungszustand zu versetzen. Der Vorbesitzer hat viele Originalteile im Auto belassen, so dass es finanziell machbar sein sollte.“

Zurück in den Ursprungszustand

Wladimir plant, wie er der MDZ erzählt, das Auto bis 2021 vollständig zu restaurieren. „Als mein Bruder und ich mit dem Wagen von Toljatti nach Neftegorsk fuhren, schauten uns alle an“, so Wladimir.

Er plant, seinen Saporoschez nur in der warmen Jahreszeit zu fahren, um ihn zu schonen. Zusammen mit seinem Bruder dokumentiert er die Restaurierung des Wagens auf YouTube. Auf ihrem Kanal „Bro Motor“ kann man verfolgen, wie der Saporoschez sich seinem Ursprungszustand nähert.

Ein Geschenk

Der 29-jährige Blogger Michail Suslow aus Jekaterinburg brauchte mehrere Anläufe, um seinen SAS‑968M zu kaufen. „Im Jahr 2015 wurde mir gesagt, dass einer seit vielen Jahren in der Garage eines älteren Mannes steht. Ich fand seine Nummer heraus, rief an und sagte, dass ich ihn mir ansehen wolle“, erzählt Michail.

Der Saporoschez stand seit 1997 in der Jekaterinburger Garage. Der Besitzer fuhr ihn nicht, sondern behielt ihn aus Nostalgie. Michail bot an, ihn zu kaufen, doch der Mann lehnte ab. „Er hat mir gesagt, ich sei zu jung und ich wolle bestimmt etwas am Auto verändern, das könne er nicht zulassen“, so Michail. Der junge Mann ging ohne Saporoschez nach Hause. Er rief noch einmal an, aber er wurde wieder abgelehnt.

Saporoschez-Fan gibt nicht auf

Doch Michail wollte nicht aufgeben. Ein Familienfest stand bevor, seine Eltern wollten Hochzeitstag feiern. Er erinnerte sich daran, wie sein Vater erzählte, dass Michails Großeltern einst genau so einen Saporoschez in einer Lotterie gewonnen hatten.

Also rief er noch einmal bei dem Herrn an und erzählte die Geschichte. Das Auto sei ein Geschenk für seine Eltern, sagte er. Dann gab der Mann auf.
Michail hat sein Wort gehalten. Am Saporoschez hat er nichts verändert, er hat ihn nur neu lackiert. Jede Fahrt in dem Wagen ist wie ein Urlaub für ihn. Der junge Mann versucht, ihn mindestens einmal pro Woche zu fahren, damit er in Schuss bleibt.

Die Eltern freuten sich übrigens über das Geschenk, aber sie sagten, dass doch besser der Sohn damit fahren solle.

Ljubawa Winokurowa

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